Glückliche Tiere?

»Milch von glücklichen Kühen«, »Eier von glücklichen Hühnern« – diese Schlagworte sind allgegenwärtig und prägen die Debatten um die Nutztierhaltung. Viele Konsumenten behaupten, es sei ihnen wichtig, dass Nutztiere nicht nur gesund und munter, sondern auch glücklich seien.

Gefühlsübertragung 
Wie bei allen Übertragungen menschlicher Regungen auf das Tier besteht auch beim Thema »Glück« das grundsätzliche Problem darin, dass die Tiere uns nicht in Worten mitteilen können, was sie empfinden. Man kann die Tiere nicht sinnvoll fragen: Seid ihr glücklich?

Jede Gefühlsregung ist uns nur aus dem Zusammenleben und der sprachlichen Kommunikation mit unserersgleichen bekannt. Sprache ist nicht einfach ein Abbild dessen, was im Inneren geschieht, sondern konstruiert dieses entscheidend mit. Schreiben wir anderen Lebewesen also bestimmte Gefühle zu, so handelt es sich hierbei immer um metaphorische Übertragungen. Wir wenden die entsprechenden Begriffe an, wie wir etwa einen Schraubendreher zum Büchsenöffnen anwenden (zur näheren Erläuterung siehe hier).

Wenn wir auch Kindern, die noch nicht sprechen können, Glücksempfindungen zuschreiben, liegt das daran, dass Kinder Menschen sind, die eine bestimmte Entwicklung durchleben, die der unsrigen gleicht. Man war schließlich selber mal Kleinkind und schließt als Erwachsener darauf zurück. Man war aber nie ein Ferkel oder ein ausgewachsenes Schwein – außer im übertragenen Sinn.

Deshalb sind die beliebten Vergleiche zwischen Kleinkindern und erwachsenen Tieren hier unangebracht. Dass erwachsene Schweine oder Hunde bestimmte kognitive Fähigkeiten haben, die denen von Kleinkindern ähneln, bedeutet nicht, dass sie dasselbe empfinden. Es gibt keine logische Brücke vom einen zum anderen. Es gibt auch keinen zwingenden Zusammenhang zwischen evolutionären Homologien – zum Beispiel einem ähnlichen Nervensystem – und innerem Erleben. Denn 1. können schon kleine Unterschiede große Differenzen ausmachen und 2. ist das innere Erleben Dritten vollkommen unzugänglich, wenn die Vermittlung über eine Wortsprache inklusive Semantik fehlt (zur näheren Erläuterung siehe hier, Kapitel: »Von hinten durch die Brust ins Auge«)

Der Unterschied zwischen Mensch und Tier ist qualitativer Art. Der Mensch ist ein anderes Lebwesen als ein Hund oder Schwein oder Schimpanse. So etwas muss man den Leuten heute erklären, da sie von der allgegenwärtigen Pseudowissenschaft und vom Disneykonzern dumm gemacht wurden.

Ein großes Wort
Will man Begriffe, die menschliche Regungen bezeichnen, auf Tiere anwenden, muss erst einmal geklärt werden, was sie beim Menschen selbst bedeuten. Dies nimmt sich beim Begriff »Glück« allerdings schwierig aus. Schon beim Menschen unterscheiden sich die Glücksvorstellungen beträchtlich. Aristoteles verstand darunter, als philosophierendes Wesen den Göttern nahezukommen. Vernunftlose Tiere seien daher zum Glück nicht fähig. Andere meinen hingegen, dass ausgerechnet seine Vernunftfähigkeit den Menschen unglücklich mache.

Der Glücksforscher Mihály Csíkszentmihályi glaubt wiederum, Glück bestehe in völliger Vertiefung in eine Tätigkeit (»Flow«). Nun kann man zwar sagen, dass Tiere weit mehr »im Augenblick vertieft« leben als Menschen. Dass sie deswegen glücklicher sind, kann indes bezweifelt werden. Sigmund Freud war gar der Auffassung, es sei im Plan der Schöpfung schlichtweg nicht vorgesehen, dass der Mensch – und damit wohl auch das Tier – glücklich sei.

Wenn der Hahn kräht …
Was nun die »glücklichen« Kühe oder Hühner betrifft, so haben die Leute beim Gedanken daran meist Haltungsbedingungen rückständiger Landwirtschaft von anno dazumal im Kopf: Hühner auf dem Mist, Kühe auf der Weide, Schweine auf der Koppel oder im Wald. Es ist offenkundig, dass die Menschen hier ihre eigene Verklärung der »guten alten Zeit« auf das Empfinden der Tiere übertragen.

Damals, so glauben sie, habe Landwirtschaft mehr im Einklang mit der Natur gestanden. Die früheren Haltungsformen seien »naturnäher« und deshalb besser gewesen als die modernen. Natur bedeutet aber in erster Linie Mangel und Tod. Da die natürliche Selektion umso mehr greift, je »natürlicher« die Tierhaltung ist, sind die Verluste und Krankheiten in solchen Haltungsformen größer als in der verpönten »Massentierhaltung«.

Man sieht, dass bei solchen unreflektierten Anwendungen dem freien Projizieren Tür und Tor geöffnet wird. Das »Glück« der Tiere ist das der Menschen, die Tiere betrachten. Die Tierrechtlerin Hilal Sezgin meint zum Beispiel, es sei schön für eine Schwalbe, durch die Gegend zu fliegen und Nahrung für ihre Jungen zu sammeln. Diese Äußerung sagt allerdings mehr über die Gefühle einer kinderlosen Feuilletonistin aus als über das Empfinden der Schwalbe selbst, die sich bis zur Erschöpfung für den gierigen Nachwuchs abrackert. Eine mit Kindern und Haushalt überforderte Mutter würde vielleicht eher beklagen, wie schrecklich das Dasein der armen Schwalbe doch sei.

Arttypisch = glücklich?
Zu solchen Projektionen zählt auch die Gleichsetzung von arttypischem Verhalten mit subjektiven Glücksempfindungen der Tiere. Arttypisches Verhalten ist jedoch nicht dasselbe wie artiges Verhalten. Liest man zum Beispiel das Jugendbuch von Hilal Sezgin, bekommt man den Eindruck, die Fauna sei eine große Heilsarmee, wo Schweine »nachweislich« schon zwei Menschenleben gerettet haben und alle nur knuddeln, suhlen, laufen oder spielen wollen. Mit keinem Wort werden dort unangenehme arttypische Verhaltensweisen geschildert.

Doch für viele Arten sind zum Beispiel die Tötung von Jungtieren (Infantizid) und Kannibalismus typisch – und zwar auch für die »knuddeligen«, wie Erdmännchen, Mäuse, Bären, Schweine, Affen, Vögel und viele andere mehr. Das typischste Verhalten für die meisten Tiere ist das Abwehrverhalten im Maul des Fressfeindes. Fluchtverhalten ist auch sehr typisch.

Um das Tierwohl zu gewährleisten, versucht man daher, eine ganze Reihe arttypischer Verhaltensweisen zu unterbinden, zum Beispiel Penisbeißen, Schwanzbeißen, Federpicken, blutige Rangkämpfe etc. Diese werden zu Unrecht der »Massentierhaltung« angelastet.

Man könnte also dieser Logik entsprechend folgendes behaupten: Es macht den Eber glücklich, wenn er in den Penis des Nachbarn beißt; es macht dem Mastschwein Freude, den Schwanz des Stallgenossen anzuknabbern; das Huhn zieht tiefe Befriedigung daraus, ein anderes Huhn von Innen aufzupicken; die Katze fühlt sich großartig, wenn sie mit ihrer Beute spielt. »Aus neutraler Forscherperspektive könnte Kannibalismus auch eine Form der Zuneigung sein«, heißt es in einem Artikel zum Thema. Na dann: guten Appetit!

Fazit

Es ist ebenso verführerisch wie verfehlt, einfach von seinen eigenen Befindlichkeiten auf die der Tiere zu schließen. Dies kann zu dramatischen Fehleinschätzungen führen, was zum Beispiel die Tiergerechtheit von Haltungsformen betrifft. In Debatten um Tierschutz wird die Gleichsetzung menschlicher und tierlicher Regungen von vielen Beteiligten bewusst als Kampfmittel benutzt. Motto: »Stell dir vor, du wärst ein Schwein … «. Man kann sich auch vorstellen, ein Dreieck zu sein, das neidisch auf die vielen Ecken des Dodekaeders ist.

Die Debatten ums »Glück« der Nutztiere sind von den irrationalen Vorstellungen dominiert, die Großstädter von der Natur haben. Durch diese verzerrte Wahrnehmung werden Tiere in »künstlichen« Haltungsformen als unglücklich bezeichnet, obwohl sie im Schnitt gesünder und nach messbaren Kriterien besser leben als in den »naturnahen«. Wie viele Tiere in der verklärten Haltung sterben und leiden, ist dann buchstäblich egal – Hauptsache, sie sind »glücklich« (also zum Beispiel an der frischen Luft).

Die Vorstellung, dass Tiere zufrieden oder »glücklich« sind, wenn sie arttypisches Verhalten ausleben, ist hochgradig naiv. Auf die Idee kann nur kommen, wer ein allzu idyllisches Bild von Natur und Tieren hat. Es wird auch nicht verstanden, dass die vermeintliche Freude des einen Tieres sehr häufig das Leid eines anderen zur Folge hat.

Tand ist das Gebilde von Menschenhand

Die Sonne hat nicht den Zweck, die Kohlköpfe wachsen zu lassen.
Gustave Flaubert

Rache der Natur?
Die moderne, hochtechnisierte Landwirtschaft hat ein offenbar irreparabel schlechtes Image. Dass der rasante technische Fortschritt in der Agrarproduktion seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs erst die Voraussetzungen für den immensen Wohlstand geschaffen hat, von dem die Menschen heute profitieren, wird in der Gesellschaft kaum noch positiv bewertet. Statt dessen ist es schick, von der „Rache der Natur“ zu menetekeln, welche schon bald zu einem ökologischen Super-GAU führe, wenn die Menschheit nicht schleunigst ihr technisches Besteck verkleinere und auf den Tugendpfad einer naturgemäßen Lebensweise zurückfinde.

„Die industrialisierte Landwirtschaft“, behauptet Greenpeace beispielsweise, „erzielt dauerhaft weder höhere Erträge noch gesunde Lebensmittel.“ Geboten sei daher eine „naturnahe Landwirtschaft“, die „natürliche Kreisläufe“ nutze, anstatt Pestizide und Gentechnik zu verwenden. Der simple Tatbestand, dass die „industrialisierte Landwirtschaft“ sehr wohl immer höhere Erträge erzielt und Lebensmittel so gesund sind wie nie zuvor, wird durch das Wörtchen „dauerhaft“ verschleiert. Greenpeace gibt etwas als Tatsache aus, was lediglich von einigen Menschen befürchtet wird. Die NGO scheint darauf zu hoffen, dass die Erträge in Zukunft einbrechen, damit die propagierte „naturnahe Landwirtschaft“ endlich als Sieger dasteht.

Greenpeace kann mit derlei irreführenden Behauptungen Eindruck machen, weil es heute ein Allgemeinplatz vermeintlich aufgeklärter Bürger ist, dass die Landwirtschaft sich „von der Natur entfernt“ habe und nicht gegen die Natur, sondern nur mit der Natur möglich sei. Solche Sätze dürfte jeder schon gehört oder gelesen haben. Sie wirken auf den ersten Blick nachdenklich, sind aber so inhaltsleer wie ausgelaugte Böden.

Von Zwecken gezwickt

Der Grund, warum so gerne die Natur bemüht wird, um subjektive Interessen als objektive auszugeben, ist einfach: Kein Mensch weiß genau, was Natur überhaupt sein soll. Deshalb kann jeder in sie hineininterpretieren, was ihm gerade einfällt. Der schier unendliche Variantenreichtum des Begriffs bewirkt leider nicht, dass er mit Bedacht verwendet wird. Im Gegenteil: Wo von Natur die Rede ist, fehlt der Dogmatismus selten.

Dieser offenbart sich zum Beispiel in den lautstarken Bekundungen veganer Tierrechtler. „Kuhmilch ist nicht für Menschen da“, lautet ein typischer Satz von Veganern. „Die Milch erfüllt […] einen ganz gezielten Zweck, nämlich den Aufbau des Immunsystems sowie das schnelle Wachstum und die Kräftigung des Nachwuchses“, heißt es auf der Website von Animal Rights Watch (Ariwa). Die Frage, von wem dieser Zweck gesetzt worden sei, hat sich Ariwa offenbar nicht gestellt. Wer diese Frage nun naiv mit „die Natur“ beantwortet, ist schon hereingefallen. Denn er hat damit auch die These bejaht, dass Natur von sich aus irgendwelche Zwecke setzen könne, als wäre sie eine Person.

Die Milch erfüllt aber nicht den Zweck, das Immunsystem aufzubauen und das Kalb zu kräftigen, sondern sie baut einfach das Immunsystem auf und kräftigt das Kalb. Dass es der objektive Zweck der Milch sei, dies zu bewirken, ist bloß ein Glaubenssatz (Dogma). Der Genuss von Milch verschafft dem Kälbchen auch Wohlbefinden und hat zur Folge, dass deren Rückstände als Kälberschiss hinten wieder herauskommen. Mit demselben Recht wie die Veganer könnte nun jeder behaupten, Milch erfülle den ganz gezielten Zweck, dem Kalb Wonne zu bereiten und die Luft mit Kotgeruch anzureichern.

Verneint man einfach, dass die Natur als solche zweckhaft sei, läuft die Empörung von Tierrechtlern ins Leere. Denn wo es keine Zwecke gibt, kann auch nichts zweckentfremdet werden. Man kann also getrost Milch trinken oder darin baden, ohne damit der Natur nur einen Millimeter ferner zu stehen als laktoseintolerante Ökopäpste.

Zwei Naturbegriffe

Am Beispiel der Milch wird die Differenz zwischen zwei grundlegenden Naturbegriffen deutlich, welche man vereinfachend als final und kausal bezeichnen könnte. Beim finalen Naturbegriff wird danach gefragt, welches Ziel und welchen Zweck (nicht welchen Nutzen) die Naturerscheinungen haben. Er geht im wesentlichen auf Aristoteles (384–322 v. Chr.) zurück und prägte bis zur Entwicklung der Naturwissenschaften (Galilei, Newton) die abendländische Naturauffassung, insbesondere die des Christentums.

Aristoteles unterscheidet zwischen physis (Natur) und techné (Kunst). Natürlich ist demgemäß alles, was ohne menschliche Planung, Absicht und Eingriffe von selbst da ist. Künstlich ist alles, was vom Menschen geplant und gemacht wird. Für Aristoteles hat jedes Naturding seinen Zweck in sich selbst, nämlich den, die in ihm liegende Vollkommenheit zu erreichen (Entelechie). Diese Zwecke wurden Aristoteles zufolge vom „unbewegten Beweger“, der Ursache aller Ursachen, festgelegt. Die Entelechie des Haferkorns wäre es beispielsweise, zur ausgereiften Pflanze zu werden. Hafer wäre also ebenso wenig für menschliche Vegetarier da wie Kuhmilch für menschliche Mischköstler. Denn wer das Korn an der Entfaltung seiner Vollkommenheit hindert, indem er es zerquetscht und ins Müsli rührt, handelt naturwidrig.

Der kausale Naturbegriff definiert Natur hingegen nicht im Hinblick auf deren Zweckmäßigkeit, sondern unter dem Aspekt ihrer Gesetzmäßigkeit und Berechenbarkeit. Hier werden die Naturerscheinungen in Wenn-Dann-Konstellationen gebracht. Galileo Galilei (1564-1641) und andere „entdeckten“ die Naturgesetze jedoch nicht einfach, indem sie Löcher in den Himmel starrten, sondern „erzeugten“ sie mit Hilfe von ausgeklügelten technischen Experimenten und Geräten „künstlich“. Der Gegensatz von physis und techné wurde damit aufgehoben. Natur kann nämlich nur erkannt werden, indem man technisch in sie eingreift. Egal ob Menschen, Tiere, Pflanzen, Steine oder „Artefakte“ – alles unterliegt denselben Naturgesetzen.

Natürliche Landwirtschaft?

Vom Standpunkt der modernen Naturwissenschaft ist die Rede von einer „natürlichen Landwirtschaft“ streng genommen sinnlos, denn wo alles Natur ist, kann es nichts Naturwidriges geben. Landwirtschaft kann die physikalischen, chemischen, biologischen Naturgesetze in keiner Weise außer Kraft setzen, ist also stets natürlich und niemals künstlich. Raubbau, Umweltzerstörung und alles Negative, was der Landwirtschaft zur Last gelegt werden kann, verstößt damit nicht gegen objektive Naturzwecke, sondern widerstreitet allein menschlichen Zwecken (die wiederum von den natürlichen Bedürfnissen der Gattung Mensch bestimmt sind). Den „Ökosystemen“ ist es völlig schnurz, ob sie durcheinandergebracht werden, und „Artenvielfalt“ ist nicht der objektive Zweck des Regenwalds.

Legt man seinen Betrachtungen hingegen den finalen Naturbegriff zugrunde, muss streng genommen jede vom Menschen hervorgerufene Veränderung als naturwidrig gelten. „Natürliche Landwirtschaft“ wäre in diesem Begriffsrahmen ein Widerspruch in sich. Nicht umsonst leitet sich das Wort „Kultur“ vom lateinischen cultura ab, was soviel bedeutet wie „Ackerbau“. Landwirtschaft ist aus dieser Perspektive also stets künstlich und niemals natürlich.

Der Senftenberger See in der Lausitz. Ein »Naturparadies«, entstanden durch Braunkohletagebau.

Dummerweise verwechseln die Bürger heutzutage meist Agrarlandschaft mit unberührter Natur. So ist beispielsweise die Lüneburger Heide „ein Produkt des Raubbaus der Hanse, die ganze Eichenwälder verschlang, um ihre Koggen auszurüsten“, wie der Philosoph Gernot Böhme anmerkt. „Die oftmals nur unbewusste, teilweise aber bewusst initiierte Assoziation von landwirtschaftlicher Natur mit unberührter Natur muss folglich als zentrale Konfliktquelle erkannt werden“, resümiert der Philosoph Christian Dürnberger. Landwirtschaft und unberührte Natur unter einen Hut zu bringen gleicht dem Versuch, seinen Pelz zu waschen, ohne nass zu werden. Die falschen Assoziationen erschweren als ideologischer Ballast sachgerechte Lösungen agrarwirtschaftlicher Probleme.

Reine Natur und menschliche Aliens

Definiert man Natur als das, was ohne menschlichen Einfluss seiner eigenen Zweckbestimmung folgt, muss man den Menschen gedanklich aus der Natur herausnehmen und schauen, was übrigbleibt. Dadurch wird es möglich, den Menschen moralisch gegen die Natur auszuspielen. Er kann wie eine Art bösartiger Alien dargestellt werden, der von außen in die unschuldige Natur eindringt und sie zerstört.

Da Menschen der finalen Naturbestimmung zufolge gar nicht anders als naturwidrig handeln können, ist es leicht, sie als per se schuldig zu bezeichnen (Erbsünde). Die Menschen können ihre Schuld jedoch klein halten, indem sie möglichst wenig gegen die Natur handeln. Wenn es eine natürliche Landwirtschaft in diesem Denksystem schon nicht gibt, so scheint es immerhin machbar zu sein, eine weniger künstliche und damit „naturnähere“ Landwirtschaft zu betreiben.

Das Bestreben, möglichst „naturnah“ zu leben, erzeugt eine Art Sog zum „Urzustand“, zu einer Natur ohne Menschen. Je rückständiger die Art und Weise der Naturbearbeitung wirkt, desto näher steht sie dem Ursprung, desto weniger sündhaft ist sie. Im Umkehrschluss bedeutet das: Je fortschrittlicher und „künstlicher“ die Naturbearbeitung wirkt, desto sündhafter erscheint sie. Die moderne Zivilisation überziehe demnach ihr Sündenkonto so sehr, dass letzteres nur durch einen universalen Crash bereinigt werden könne.

Zurück zur Natur!

Eine solche Denkweise nennt man kulturpessimistisch. Für den Kulturpessimismus ist die Parole „Zurück zur Natur“ kennzeichnend, welche vom Schweizer Philosophen Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) formuliert wurde. Ursprüngliche Natur wird bei ihm als das schlechthin Gute angesehen. Je weiter sich die Menschheit von jener Ursprünglichkeit entferne, desto schwächer, kriecherischer und feiger werde sie.

Diese Denkfigur ist besonders beliebt bei Menschen, die von der „unberührten Natur“ (Wildnis) in keiner Weise persönlich behelligt werden, sondern sich den Luxus leisten können, sie schön und edel zu finden. „Die Natur geht mit allen Tieren, die ihrer Vorsorge überlassen sind, mit solcher vorzüglichen Liebe um, woraus zu sehen ist, wie eifrig sie auf ihre Rechte hält“, schreibt Rousseau blauäugig. Erst auf dieser Grundlage konnte die Vorstellung entstehen, dass Natur nicht etwas Bedrohliches ist, sondern ihrerseits durch den Menschen bedroht werde und deshalb geschützt werden müsse. Von dort führt ein direkter Weg zur heutigen Disneyfizierung der Natur (Bambi-Syndrom), zu Veganismus, Tierbefreiung und den Forderungen von Ökofundamentalisten, die Menschheit auszurotten oder zumindest stark zu dezimieren.

Vom Totschlagargument zum Totschlag

Der Kulturpessimismus begleitet als eine Art intellektueller Katzenjammer die gesellschaftlichen Modernisierungsprozesse. Sämtliche Probleme und Verwerfungen, die bei solchen Prozessen entstehen, werden nur auf eine einzige Ursache zurückgeführt (Unstatthafte Entfernung vom Ursprung), und als Patentlösung wird gefordert, irgend einen „ursprünglicheren“ Zustand wieder herzustellen.

Während des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts war diese Denkweise besonders in Deutschland sehr weit verbreitet. In der „Lebensreformbewegung“ huldigten städtisch sozialisierte Angehörige der Mittel- und Oberschicht einer „naturgemäßen Lebensweise“. Hier entstand der Mythos, dass naturbelassene Nahrung gesünder sei als verarbeitete und dass deren Genuss eine moralische Höherentwicklung der Menschheit herbeiführe.

Im Nationalsozialismus schließlich wurde diese Ideologie durch die Ernährungslehre des Hygienikers und Bakteriologen Werner Kollath (1892-1970) zur offiziellen Doktrin. Kollath, Erfinder der Vollwertkost, teilte die Wertigkeit der Nahrung nach dem Grad ihrer Verarbeitung ein. Je geringer der Verarbeitungsgrad, desto höher deren Wertigkeit. Kollaths Lehre halten weite Teile der Bevölkerung auch heute noch für richtig. Die Beliebtheit von „Steinzeitdiät“ und ähnlichen Marotten legt davon beredtes Zeugnis ab.

Die Landwirtschaftpolitik im Nationalsozialismus bemühte sich, die notorische „Fett- und Eiweißlücke“ der heimischen Agrarproduktion zu schließen, um Autarkie zu erlangen. Dabei konnte sie auf moderne Verfahren gar nicht verzichten. Parallel aber wurden Bauern als „Neuadel aus Blut und Boden“ (Walther Darré) aufs Podest gehoben, wurden rückständige bäuerliche Lebensformen gegenüber den städtischen idealisiert. „Landwirt“ galt als Schimpfwort, „Bauer“ als Ehrentitel. Der „knorrige“, „erdverbundene“ und „naturnahe“ Bauer wurde gegen den „feigen“, „kriecherischen“ und „naturfernen“ jüdischen Händler in Stellung gebracht. Im Nationalsozialismus zeigte sich also in besonders schrecklicher Weise, wozu es führen kann, wenn Natürlichkeit und Künstlichkeit moralisch gegeneinander ausgespielt werden.

Wir scheißen auf die Natur!

„Landwirtschaft ist der hartnäckige Versuch, der Natur etwas Essbares abzuringen. Je weiter sie sich dabei von der ‚reinen Natur’ entfernte, desto reichhaltiger, vielfältiger und gesünder wurden unsere Lebensmittel“, schreiben Dirk Maxeiner und Michael Miersch. Wie gezeigt, haben viele Menschen Probleme, diesem Befund zuzustimmen, weil sie unreflektiert dem Naturverklärungs-Mythos huldigen.

Die konventionelle Landwirtschaft wird allerdings nicht aus der Defensive herauskommen, solange deren Vertreter sich dieser Ideologie bedienen, um ihr Image aufzubessern. Bei dem Versuch, sich als besonders naturverbunden darzustellen, können konventionelle Landwirte nur verlieren. Denn Landwirtschaft ist keineswegs besonders „naturnah“, bloß weil sie von der Wirtschaftswissenschaft zum Sektor der „Urproduktion“ gezählt wird und „Rohstoffe“ produziert (Rohöl wäre nach dieser Logik weniger künstlich als jede Ackerfrucht, die heute geerntet wird). Den Assoziationen, die solche Begriffe wecken, dürfen moderne Landwirte nicht erliegen, sonst werden sie Opfer der selbsternannten Naturapostel.

Landwirte können den agrarfernen Bürgern zwar viel erzählen von natürlichen Lebensbedingungen ihrer Schweinchen, Kälbchen oder Hühnchen. Doch sobald die Bürger „Natur“ hören, denken sie an Wiesen und Wälder, an Bambi und Schweinchen Babe. Sehen sie dann in den Ställen zuviel Beton, Metall oder Kunststoff, werden sie den Landwirten nicht mehr glauben, dass moderne Ställe tiergerecht sind.

Ein Weg aus der Falle wäre die Flucht nach vorn. Nicht die Natürlichkeit der Landwirtschaft sollte hervorgehoben werden, sondern deren Künstlichkeit, und zwar durchaus im Sinne von Kunstfertigkeit. Einen modernen Betrieb zu führen ist eine Kunst, das heißt sie erfordert eine Menge technisches Know-How, eine hervorragende Ausbildung und viel Wissen um die Bedürfnisse der gehaltenen Tiere. Man sollte es einmal damit versuchen, jeden Hinweis auf „Naturverbundenheit“ und „Natürlichkeit“ zu unterlassen.*

 

* Dieser Artikel ist in gekürzter Form erstmals im September 2015 in der Zeitschrift Agrarmanager erschienen