Kurze Vorwürfe, lange Antwort

Im Folgenden kann man meine – hier etwas modifizierte – Antwort auf die in diesem Beitrag ab Min 2:04:30 geäußerten Bemerkungen eines mir unbekannten »Experten« lesen. Diese Antwort habe ich in zwei Kommentaren auch auf der betreffenden Youtube-Seite hinterlassen. Ich brüte gerade in der Hitze vor mich hin, da kam mir diese Abwechslung gerade recht. Und man muss ja nicht jeden Scheiß auf sich sitzen lassen, wenn man davon Kenntnis erlangt. 

Also hier mein Kommentar:

Hallo liebe Leute!

Ein Bekannter hat mir gesteckt, dass hier schlecht über mich geredet wird. 😉 Ich bin üble Nachrede ja gewohnt, macht auch nix. Das gehört nun mal dazu, wenn man bei kontroversen Themen den Finger in die Wunde legt. Weil ich nun aber den Link so mundfertig serviert bekam, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, mir die kurze Passage anzuhören, die mich betrifft. Den Rest habe ich allerdings nicht angehört.

Der Redner – keine Ahnung, um wen es sich handelt – ist ja sehr kreativ in der Deutung meiner Position. Ich fange mal mit seiner Behauptung an, ich hätte gesagt, Tiere sollten dankbar sein, dass man sie überhaupt berücksichtigt. Wäre interessant zu erfahren, wo er das gelesen haben will. Ich vermute, er bezieht sich auf eine Passage in einem Blogartikel über Hilal Sezgin. Dort referiere ich allerdings den klassischen vertragstheoretischen Standpunkt, der nicht der meine ist. Und dort steht, dass es sehr nett vom Menschen sei, Tiere überhaupt zu berücksichtigen – aus vertragstheoretischer Perspektive unter Symmetriebedingungen, also unter der Voraussetzung, dass Tiere und Menschen auf Basis ihrer Tierlichkeit tatsächlich gleichberechtigt wären.

Es geht in der Passage nicht direkt um den Inhalt, sondern um die Stringenz der Begründung. Dort halte ich Frau Sezgin vor, dass der klassische vertragstheoretische Standpunkt zumindest stringenter ist als ihrer –, unabhängig davon, ob er aus anderen Gründen verworfen werden muss. Ihr merkt, es ist kompliziert. Viel zu kompliziert für den Redner, der mir vorwirft, ein Polemiker zu sein, und mich im selben Atemzug für »kaputt« erklärt.

Selbstverständlich erwarte ich von Tieren keine Dankbarkeit. Tiere wissen nicht mal, was Dank ist. Da könnte ich auch von einem Stein erwarten, dass er die Tierrechtler widerlegt (obwohl: das schafft er vielleicht sogar). Sollte ich so etwas mal unbedacht geäußert haben, widerrufe ich dies hiermit in aller Form! 😉

Puh! Das sind schon jetzt viele Worte. Da kann man mal sehen, wie umständlich es ist, irgend eine schnell hingeworfene Bemerkung richtigzustellen. Und jetzt wird es noch komplizierter. Der Redner behauptet, ich müsse »bei den Behinderten schummeln«, und meint, ich müsse irgendwas »leugnen«, um Tiere »rauszuboxen«. Das ist schon von der Terminologie her bemerkenswert und typisch für das zirkuläre Denken vieler Tierrechtler. Man kann den Spieß genauso umdrehen und sagen, Tierrechtler müssten x und y »leugnen«, um Tiere »reinzuquetschen«. Mit solchen Formulierungen versucht man, sich eine überlegene Position zu erschleichen, indem man so tut, als wären es unverrückbare Wahrheiten, die man verkündet. Also aufgepasst, liebe Leute! Wenn euch einer so kommt, macht er einen auf dicke Hose und will damit nur über die heiße Luft darin hinwegtäuschen.

Ich leugne selbstverständlich gar nichts, sondern lege dar, warum es schlüssig und plausibel ist, behinderte Menschen unter den Schutz fundamentaler Menschenrechte zu stellen – und Tiere eben nicht. Das ist auch nicht besonders schwierig. Nur haben Tierrechtler und –befreier wie Regan oder Singer in dieser Frage ein heilloses Durcheinander angerichtet, sodass viele das »Argument der nichtparadigmatischen Fälle« bzw. der »menschlichen Grenzfälle« für sehr überzeugend halten – so auch euer Gast. Sonst würde er nicht behaupten, ich »schummele bei Behinderten«. Die philosophische Debatte darüber ist ausufernd, und ich kann diese hier nicht besprechen. Ich verweise an dieser Stelle nur auf den sehr guten Essay von Diana Mertz Hsieh. Bitte sorgfältig lesen. Obwohl die Meinungen über die Stärke dieses Arguments unter den Fachphilosophen differieren, tut euer »Experte« so, als wäre man vollkommen gaga, wenn man es für schwach hält.

Was er im Konkreten vorbringt, kann man mit Fug und Recht als blühenden Unsinn bezeichnen. Er sagt, »wir behandeln Menschen eben doch individuell. Wir geben Kindern zum Beispiel kein Wahlrecht, bloß weil sie potenziell einmal vernünftig werden.« Da hätte der Interviewer gleich mal einhaken sollen, denn was ist daran bitteschön eine individuelle Behandlung, allen Kindern, ohne vorherige Prüfung des Einzelfalles, den Gang zur Wahlurne zu verwehren? Was ist daran eine individuelle Behandlung, wenn der deutsche Staat allen Bürgern, ohne vorherige Einzelfallprüfung, ab einem exakten Termin (18. Geburtstag), den Gang zur Wahlurne gestattet? Einzelne höchstbegabte Zehnjährige bekommen nicht das Wahlrecht zugesprochen. Was ist überhaupt an dem Begriff »Kinder« individuell? Nichts. »Erna Krause aus Hückeswagen, geboren am xten …« ist individuell, nicht »Kinder«.

Kinder bekommen zwar nicht das Wahlrecht, aber das Lebensrecht zugesprochen, weil Lebendigsein für sie die notwendige Bedingung ist, im engen Sinne autonome Wesen zu werden. Da kein Tier ein im engen Sinne autonomes Lebewesen werden kann, muss auch keinem Tier aus diesem Grund ein Lebensrecht zugesprochen werden.

Wenn euer »Experte« es für berechtigt hält, Entitäten unter dem Begriff »Tiere« oder »Säugetiere« oder »Schimpansen« zusammenzufassen und diesen aufgrund bestimmter Eigenschaften ohne Einzelfallprüfung Menschenrechte zuzuweisen –, welches logische Problem hat er denn, wenn man Entitäten unter den Begriff »Menschen« zusammenfasst und ihnen aufgrund bestimmter (anderer) Eigenschaften ohne Einzelfallprüfung Menschenrechte zugesteht?

Einschub: Ich beschränke mich hier mal auf die Frage der Menschenrechte und lasse den moralischen Status raus. Der Text würde sonst noch länger, außerdem ist es ja das, was Tierrechtler seit Wilhelm Dietler (1787) gemeinhin wollen: grundlegende Menschenrechte für Tiere.

Die meisten Tierrechtler plustern sich mit dem »moralischen Individualismus« auf und meinen, man dürfe moralischen und rechtlichen Status nicht Gruppen zuweisen, sondern nur Individuen. Das ist unfreiwillig komisch, weil sie sich selber überhaupt nicht an dieses Gebot halten. Was sind denn »Lebewesen mit inhärentem Wert«? Was sind denn »empfindungsfähige Lebwesen«? Individuen? Nein. Gruppen!

Wenn ich mit »Behinderten schummele«, dann schummelt euer »Experte« erst recht mit seinen Lieblingstieren. Oder habe ich da was verpasst? Ist er ständig unterwegs und überprüft, ob jedes einzelne Exemplar diejenigen Eigenschaften zu jedem Zeitpunkt seines Lebens auch tatsächlich in vollem Maße hat, die ihm Rechte (oder auch nur moralischen Status) garantieren sollen? Nö. Macht er nicht. Er wird stattdessen in aller Naivität von »Schimpansen«, »Schweinen«, »Hunden« sprechen.

Doch woher will er überhaupt wissen, was ein Schimpanse oder Hund ist, wenn er nicht von den Eigenschaften ausgeht, die diese Tiere im gesunden, erwachsenen Zustand normalerweise haben (Speziesnorm). Was teilt einem denn ein verkohlter Stumpf darüber mit, was Bäume ausmacht? Was sagt uns ein hirnlos geborener Körper ohne Arme, Beine, Mund und Augen darüber, was einen Menschen ausmacht?

Ein Behinderter ist ein Mensch und gehört damit einer Spezies an, in der zweifellos Vernunft und Moral vorhanden sind. Sofern es unproblematisch ist, das Menschsein als solches festzustellen, steht’s für jeden Menschen in Bezug auf Menschenrechte gegenüber anderen Tieren immer mindestens 1:0. Zieht man alle anderen Eigenschaften ab, die Menschen von Tieren unterscheiden, bleibt die Eigenschaft übrig, Mensch zu sein.

Der Abstand zwischen 1 und 0 ist jedoch nicht gleich dem Abstand zwischen 1 und 2. Menschen fehlt Vernunft nicht in gleicher Weise, wie Tieren Vernunft fehlt, stellt die Tierrechtlerin Christine Kosgaard fest. Ein Tier sei durch das Fehlen derselben nicht beeinträchtigt, ein Mensch schon. Die Spezies, so Kosgaard, ist sehr wohl bedeutsam. Kurzum: Der Unterschied zwischen Menschen und Tieren ist einer der Qualität, nicht der bloßen Quantität. Menschen, schon Neugeborene, haben eine vom Tier deutlich verschiedene Art des Geistes. Das wirkt sich unter anderem eben darin aus, dass Menschen sich fragen, ob es denn alles moralisch richtig ist, was wir so mit den Tieren anstellen.

Die dem Tierrechtsgedanken nicht abgeneigte Philosophin Martha Nussbaum macht darauf aufmerksam, dass Gleichsetzungen von Kleinkindern oder schwer beeinträchtigten Menschen mit normal entwickelten erwachsenen Tieren schon deshalb verkehrt sind, weil man Kleinkinder oder schwer beeinträchtige Menschen nicht ohne größte Friktionen in eine Gruppen der betreffenden Tierarten verpflanzen kann. Die armen Menschen würden in einer Schimpansengruppe oder Wildschweinrotte wahrscheinlich eingehen wie Primeln.

Wenn man nun aus dem tierrechtlichen Wolkenkuckucksheim hinabsteigt und auf die Rechtspraxis schaut, leuchtet ein, dass es nicht möglich ist, alle Lebewesen ständig daraufhin abzuscannen, ob sie die Eigenschaften, die Rechte generieren, auch tatsächlich im Hier und Jetzt haben. Man aberkennt Volltrunkenen nicht die fundamentalen Menschenrechte, weil sie momentan nicht einsichts- und steuerungsfähig sind. Ebenso wenig verlieren alle Schlafenden ihre Menschenrechte.

Die Spezies Homo sapiens ist bislang ein sehr gutes praktisches Kriterium zur Klärung der Frage, wer prinzipiell in die Rechtsgemeinschaft hinein darf. Die Spezieszugehörigkeit ist aber nicht der Grund, eine Entität in die Rechtsgemeinschaft aufzunehmen. Der Grund ist die Vernunft- und Moralfähigkeit. Klarer geht’s eigentlich nicht. Etwas Klareres können Tierrechtler jedenfalls nicht anbieten.

Einschub: Eine Erläuterung, warum Vernunft- und Moralfähigkeit Gründe sind, Menschenrechte zuzugestehen, spare ich mir an dieser Stelle weitgehend. Regan meint ja zum Beispiel, diese Eigenschaften würden nicht zählen. Dadurch könne der Mensch keine besonderen Rechte beanspruchen. Das finde ich bizarr: Moral- und Rechtsfähigkeit sollen moralisch und rechtlich nicht mehr zählen als andere Eigenschaften – und das, obwohl nichts logisch enger mit Moral und Recht verbunden ist als die Fähigkeit zu selbigen. Ich meine genau das Gegenteil: Moralischer und rechtlicher Status ergeben sich aus der Fähigkeit zu beidem. Darüber kann man lange diskutieren, das muss ich hier aber abbrechen. Ich will nur auf das praktische Argument hinweisen, dass ein Recht in einer Rechtsordnung nur wirksam sein kann, wenn eine hinreichend große Anzahl von Rechtssubjekten vorhanden ist, die verstehen, was Recht bedeutet, und die Normen aus eigenem Antrieb befolgt. Eine Rechtsgemeinschaft, die vorwiegend aus Zombies besteht, kann es nicht geben.

Wo wir schon bei der Praxis sind: Der Philosoph Dieter Birnbacher hält das Argument der Nichtparadigmatischen Fälle schon aus praktischen Gründen für schwach: Jeder gesunde, normal entwickelte Mensch sei sich bewusst, dass er jederzeit selbst ein sogenannter Grenzfall werden könne. Er habe aus dieser Perspektive einen sehr handfesten Grund, dafür zu sein, dass alle Menschen in den Genuss der Menschenrechte kommen. Die Auswirkungen auf andere Menschen seien also weitaus größer, als es bei Tieren der Fall wäre. Furcht vor Unfall, Krankheit, Siechtum, Tod sind überdies stete Begleiter des menschlichen Lebens. Tieren fehlt diese Dimension nach allem, was wir wissen, vollständig. Ein Schwein befürchtet nicht, irgendwann einmal ein behindertes Schwein zu werden oder an Alzheimer zu erkranken.

Alle Begründungsprobleme, die Tierrechtler den bösen »Speziesisten« vorwerfen – etwa das der präzisen Grenzziehung – tauchen bei ihnen in höherem Maße wieder auf. Wenn sie nicht stets mit zweierlei Maß mäßen, müssten sie ihre Theorien genauso verwerfen wie die der »Speziesisten«. Tun sie aber nicht.  Viel Lärm um nichts.

Meine Position ist zusammengefasst folgende: Ich erkenne bei den tierrechtlichen und –befreierischen Theorien im Vergleich etwa zu der Theorie von Immanuel Kant nicht den geringsten Fortschritt in Bezug auf Konsistenz (Widerspruchsfreiheit) und Kohärenz (Lückenlosigkeit der Begründung). Ich will Tiere weder »rausboxen« noch »reinschieben«. Ich will gescheite Begründungen und nicht das altkluge Geschwätz philosophisch leicht beleckter Veganer, die jedem einen »Bias« unterstellen, der sie auf die Balken in den eigenen Augen hinweist.

Und hier schließt sich der Kreis: In der Tat ist es in gewisser Weise nett von uns Menschen, andere Tiere überhaupt moralisch zu berücksichtigen. Will sagen: Wir müssen uns zu diesem Behufe einen höheren Status zuweisen als Tieren. Wären wir bloß Tiere unter Tieren, betont der Philosoph Gotthard M. Teutsch, brauchten wir sie auch nicht moralisch zu berücksichtigen. Denn wir könnten unsere Vorteile im evolutionären Kampf ums Dasein ja ohne moralische Erwägungen ausspielen – wie es seit hunderten Millionen Jahren unter den Mitgeschöpfen nun mal Brauch ist. Ich bin mit David Hume der Meinung, dass es nur Freundlichkeit und Mitleid sein können, die uns zum Schutz von Tieren bewegen. Das Ausmaß des Schutzes kann dabei durchaus sehr groß sein. Mit Kant, der bekanntlich nur indirekte Pflichten gegenüber Tieren gelten ließ, könnte man sogar die Existenz von Gnadenhöfen rechtfertigen.

Ich bin allerdings der Meinung, dass Tiere kein subjektives Recht darauf haben, von uns geachtet und geschützt zu werden. Ich bin der Meinung, dass wir keine direkte Pflichten gegenüber Tieren haben. Gerechtigkeitsbeziehungen zu Tieren sind meiner Ansicht nach nicht möglich, weil dazu die Fähigkeit zum bewussten Machtverzicht gehört. Diese Fähigkeit hat aber offenbar kein einziges Tier.

Wir müssen uns einfach klar machen, dass es sehr schwierig ist, den Tierschutz eingermaßen streng zu begründen. Es bleibt hierbei mehr Willkür übrig als bei der Begründung von Menschenrechten für Menschen. In der Ethik kommt es leider nicht darauf an, was man will. Ethik ist kein Wunschkonzert und kein Kindergarten. Da können die Veganer noch so schreien.

Ihr seht, so einfach, wie euer »Experte« es darstellt, ist die Sache nicht. Wenn er meint, er hat die Weisheit mit Löffeln gefressen, soll er mal aufpassen, dass er sich nicht verschluckt. Ein Besuch auf meinem Weblog könnte durchaus lohnen, sofern man sich von klugscheißenden Veganern nicht restlos über den Löffel balbieren lassen will.

Viele Grüße!

Klaus Alfs

Ich bin so schön, ich bin so toll …

Verschärfter Blick oder Tunnelblick?

Bernd Ulrich hat im ZEIT-Magazin einen langen Text über seine Veganwerdung verfasst. Darin kommen alle Standardfloskeln und –anekdoten vor, die unzählige ähnliche Texte ebenfalls enthalten. Der »personal touch« ist hierbei besonders wichtig: Man beginnt mit den eigenen Kindern, Hunden oder Katzen und startet dann einen passiv-aggressiven Sermon der Selbstbeweihräucherung. Das wirkt auf die ähnlich gestrickte Leserschaft erhebend und erspart dem Autor die Mühen der Argumentation.

Es ist ja auch alles ganz rührend. Ulrich hat einen Sohn, der Philosophie studiert. Und was machen junge Leute heute, wenn sie Philosophie studieren? Sie werden Veganer. Da hat sich der Vater gesagt: das kann ich auch. Und siehe da! Es ist alles »leichter als gedacht«. Die Ärzte gratulieren ihm, er strotzt vor Gesundheit, erstrahlt im Glanze moralischer Reinheit. Das Frühstück ist für ihn ein Fest: »geschrotetes Getreide, nachts eingeweicht, köstlicher Joghurt aus Kokosmilch, frische Früchte, gehackte Nüsse, vielleicht zwei getrocknete Datteln, ein Schluck Leinöl.« Indes: »fast alles schmeckt übrigens nach Wurst, wenn man Senf draufschmiert.« Manche denken jetzt vielleicht igitt oder würg. Der Autor ist jedoch durch den Genuss von Getreideschrot und Senf mit alles so welthellsichtig geworden wie Parsifal durch den Kuss der Kundry.

Sein Blick sei nun »verschärft«. Er schaut nicht mehr weg, kann nicht mehr verdrängen, sieht überall Tierleid – jedenfalls überall dort, wo es ihm passt. Wo es ihm nicht passt, sieht er auch nichts. Zum Beispiel bei seinem Frühstück. Die Zutaten können nicht geerntet werden, ohne Myriaden Schädlinge unsanft ins Jenseits zu befördern – darunter viele possierliche Nager. Bei seinen Arztbesuchen, von denen er ausführlich berichtet, ist sein Blick ebenfalls getrübt. Nahezu alle Verfahren und Medikamente der modernen Medizin sind bekanntlich mit Hilfe von Tierversuchen entwickelt worden.

Die verschärfte Moraloptik war auch bei der Produktion eines Videos offline, das er zu seinem Text bei Facebook veröffentlicht hat. Denn elektronische Geräte enthalten allesamt Kupfer, welcher mit Knochenleim aus Schlachtabfällen bearbeitet worden ist. Benutzeroberflächen enthalten Schweine-Cholesterin. Vom Tier wird alles verwertet. Allein aus dem Schwein werden mindestens 185 verschiedene Produkte hergestellt. Ähnliches gilt für‘s Rind. Die Beispiele könnte man ad infinitum fortsetzen. Moderne Zivilisation ist nicht ansatzweise ohne Tiernutzung zu haben. Zu schweigen vom Leben der »Naturvölker«. Der Mindestanteil tierischer Kost beträgt hier 44 % (bei den Efe in Afrika). Ulrichs verschärfter Blick entpuppt sich als typisch veganer Tunnelblick.

Wer im Glashaus sitzt …

So darf man dem Autor aber nicht kommen! Wer ihn darauf aufmerksam macht, dass er das postulierte Gebot »Nichts vom Tier!« selber nicht einhält, begeht gewissermaßen Veganerlästerung: »Es ist ein wenig so als wenn jemand zum Christentum übertritt und dann von allen gefragt wird, ob er denn von Stund an auch ganz genauso lebt wie Jesus Christus«, beklagt sich Ulrich. »Die Logik dabei ist klar: Wer nicht ganz konsequent ist, der ist ein Heuchler. Wer ganz konsequent ist, der ist ein Fanatiker.«

Mit Logik hat er es allerdings nicht. Die geht nämlich so.

Prämisse 1: Wer Tiere nutzt, handelt unmoralisch.
Prämisse 2: Bernd nutzt Tiere.
Konklusion: Bernd handelt unmoralisch.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Es geht an dieser Stelle nicht um die Frage, ob Prämisse 1 sinnvoll, richtig oder falsch ist. Es geht hier nur um Logik und die Selbstverständlichkeit, dass man moralische Normen, deren Missachtung man bei anderen beklagt, auch selber einhalten muss.

Legt man diesen Maßstab an, spricht der Volksmund: Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Andernfalls drohen nämlich Heuchelalarm und K.o. in der ersten Ethik-Runde. Denn laut Immanuel Kant führt die »Unredlichkeit, sich blauen Dunst vorzumachen«, also der Selbstbetrug, irgendwann zum manifesten Betrug und verhindert die Ausbildung einer »echten moralischen Gesinnung«. Der einzige Trost, der Ulrich daher bleibt, ist die unberechtigte Annahme, trotzdem irgendwie besser zu sein. Doch was veranlasst ihn nach welchen Kriterien zu dieser Annahme? Seine ethische Grundposition verrät er ja nicht. Das ist bedauerlich. Denn so muss man sie irgendwie erschließen.

Nehmen wir an, er hält es für die Aufgabe der Moral, das unkompensierte Leid in der Welt zu reduzieren. Wo gibt es auch nur die Spur eines Hinweises, dass durch seine ganze Existenz weniger Tiere sterben, weniger Leid produziert würde als durch die Existenz irgend eines x-beliebigen Fleischessers? Er isst geschrotetes Getreide, treibt das Restaurant-Personal in den Wahnsinn und fühlt sich supertoll. Schön und gut. Derlei Lifestyle-Verrenkungen jedoch als erste Schritte zur Rettung des Planeten und zum Weltfrieden hochzustilisieren, wie Ulrich es tut, ist schon ziemlich lächerlich.

Nehmen wir an, er vertritt eine Ethik, in der es auf die Folgen von Handlungen ankommt, nicht auf Gründe oder Motive. Dann reicht es nicht, dass er von den unzähligen »Tierleidprodukten« einige meidet. Denn auch Fleischesser nutzen in der Regel nicht alle Produkte, die mit Hilfe von »Tierleid« hergestellt wurden. Motive und Gründe spielen ja keine Rolle. Ulrich hätte mit seiner prächtigen Gesinnung keinen Blumentopf gewonnen.

Wenn er nun eine Ethik vertritt, in der es nicht nur auf die Folgen ankommt, sondern darauf, das »intrinsisch Richtige« zu tun, steht er erst recht dumm da. Dann hätten Tiere nämlich zum Beispiel ein Lebensrecht, das er trotz veganer Kapriolen jeden Tag mit Füßen träte. Es wäre auch gleichgültig, ob man ohne Tiernutzung gut oder weniger gut leben könnte. Hätten die Tiere ein Lebensrecht, verböte sich deren Tötung, auch wenn man als Mensch dann eben nicht so gut leben könnte.

Wie gesagt, man weiß nicht, was der Autor für eine ethische Grundposition hat. Bei solchen feuilletonistischen Texten fischt man leider oft im Trüben. Doch auch diese sollten den fundamentalen Regeln der Logik entsprechen. Nicht mit Logik, sondern nur mit Trotz ist folgende Bemerkung zu erklären: »Jeder (gesunde und muntere) Veganer ist ein lebender Beweis dafür, dass man Tiere nicht töten oder quälen muss, um zu leben – und zwar gut zu leben.« Dummerweise hat er aber weiter oben im Text implizit eingestanden, dass er als gesunder und munterer Veganer keineswegs ein Leben führt, das ohne Tötung und Qual von Tieren auskommt. Er hat ja gerade beklagt, dass die bösen Fleischesser ihn an diesem Ideal messen. Vegane Wonneproppen wären also bestenfalls Beweise dafür, dass sie gut bei der Lebensweise nassauern können, die sie mit großer Geste verbal ablehnen.

Fleischesser sind sowieso doof!

Nun bleibt nur noch das Manöver, Fleischesser prinzipiell für nicht satisfaktionsfähig zu erklären. Er berichtet von einem Dialog mit einer Dame, die ihn auf seine Inkonsequenz aufmerksam macht. Darauf antwortet er, dass er das lieber mit anderen Veganern diskutiere und eben nicht mit einer Fleischesserin. Das soll jetzt ein Argument sein? »Mit Leuten wie Ihnen rede ich erst gar nicht«? Dabei fordert er doch von allen, die Tiernutzung zu unterlassen – nicht nur von Veganern. Das ist ja der Sinn von Moral: Man fordert implizit alle anderen auf, es einem gleichzutun. Moral muss verallgemeinerbar sein. Eine Moral, die nur für Person x gilt, kann es nicht geben. Moral ist per definitionem keine Privatsache.

Ulrich spielt zwar die verfolgte Unschuld, ist aber durchaus der Aggressor, auch wenn er »Konflikten lieber aus dem Weg geht«, also keine Lust hat, seine moralische Position auf konkrete Nachfrage hin zu verteidigen. Diese Position beinhaltet aber nun einmal vehemente Anklagen: Fleischkonsum sei Irrsinn, sei verantwortlich für mehr oder weniger alle Übel der Welt. Der Autor unterstellt Fleischessern, Schuld zu verdrängen, also schuldig zu sein, »Selbstermächtigung«, »Selbstmissionierung« und ähnlich nebulös Böses. Dann sollte er auch dazu stehen und nicht jammern, wenn die Angeklagten sich angeklagt fühlen. Sie wissen ja in der Regel, was Veganismus bedeutet. Und daher wissen sie auch, dass ein Bernd Ulrich, wenn er sich »Veganer« nennt, die Nutzung von Tieren moralisch verurteilt. Es ist also nicht verwunderlich, dass sie in Gegenwart eines solchen Menschen ein gewisses Unbehagen empfinden.

Man fragt sich allerdings, was er eigentlich meint, wenn er von den »katastrophalen Auswirkungen des Fleischkonsums« schreibt. Die Fleischproduktion ist von 1960 bis heute von 71 auf 320 Millionen Tonnen Schlachtgewicht gestiegen. Im selben Zeitraum ist die Welt in fast allen messbaren Wohlfahrtsparametern deutlich besser geworden, auch in den ökologischen. Die Fleischproduktion hat dieser Entwicklung offenbar nicht sonderlich im Wege gestanden. Dass alles besser wäre, wenn es keinen Konsum tierischer Produkte gäbe, ist hingegen nichts weiter als eine vegetarische Fieberfantasie – bar des geringsten empirischen Belegs.

Fazit

Wenn Ulrich es – wie behauptet – für moralisch geboten hielte, ein Leben zu führen, ohne Tiere zu töten und zu quälen, wäre er mindestens auf eine Art Jainismus verpflichtet. Die Mönche dieser Religion tun immerhin ihr Möglichstes, damit Tiere durch ihre Lebensweise nicht zu Schaden kommen. Sie zeigen also, dass man auf diese Weise gut leben kann. Denn »gut« kann alles Mögliche bedeuten, zum Beispiel: »im Einklang mit meinen moralischen Prinzipien.«

Alles Herumgeeier und Mit-dem-Finger-auf-andere-Zeigen nützt den Veganern hier gar nichts. Sie sind diejenigen, die diese reichlich schwachsinnige Norm aufstellen, also müssen sie sich auch daran halten. Sie haben ein Rechtfertigungsproblem – nicht die »Fleischesser«. Es ist grotesk, den Konsum von Fleisch oder Milch als schändlichen und vermeidbaren Genuss hinzustellen und zugleich etwa moderne Kommunikationstechnik als lebensnotwendig zu deklarieren, nur damit man die Konsequenzen aus seinen moralischen Forderungen selber nicht ziehen muss.

An Texten wie denen von Ulrich wird deutlich, dass die Essenz dieser Pseudomoral Selbsterhöhung ist. Es ist eben sehr berauschend, wenn man sich einer simplen Idee verschreibt, die das Heil der Welt verheißt. Das, was man an Gedankenarbeit spart, kann man in Selbstverliebtheit investieren. Man fühlt sich so erhaben und überlegen, dass man das lästige Kleinklein guten Gewissens ignorieren kann. Man hat schließlich eine höhere Moral gefunden. Man gehört zur Elite, zur Avantgarde. An die niedere Moral sollen sich gefälligst diejenigen halten, die die Erleuchteten füttern müssen.

Dieser Manichäismus ist zum Fürchten. Und am schauderhaftesten ist er, wenn er sich tarnt als Einsatz für die Erniedrigten und Beleidigten.