Peta Singer und die sieben Wölflein

Für viele scheint es selbstverständlich, dass Tierrechtler und –befreier für die Ausbreitung des Wolfes in Deutschland sind. Und tatsächlich äußern sich manche der üblichen Verdächtingen auch in diesem Sinne. Die Frage ist jedoch, ob sie dies gemäß ihrer eigenen Überzeugungen auch zu Recht tun.

In der Wolfsschlucht geistiger Umnachtung
Nehmen wir als Beispiel Peta. Ein Vertreter dieser Organisation hat sich jüngst in der Fernsehsendung Gehts noch? zu dem Thema geäußert. Seine Argumentation gestaltet sich so wirr, wie man es von Peta gewohnt ist. Ich gehe nur kurz auf den offenkundigsten Unsinn ein, den der Mann im Interview als Argument präsentiert – zum Beispiel, dass Peta sich für den „Schutz aller Lebewesen“ einsetze. Wer aber den Wolf schützen will, kann nicht zugleich all seine Beutetiere schützen wollen. Auch das Argument, der Wolf sei „schon immer dagewesen“ führt Peta zielsicher ins Aus. Denn wenn diese Art Argument zählen würde, müsste Peta der von ihr scharf kritisierten Aussage zustimmen, dass Menschen „schon immer“ Fleisch gegessen haben und es deshalb auch heute dürfen.

Auf der Suche nach einer klaren ethischen Position
Versucht man nun, die Befürwortung des Wolfes mit der ethischen Grundposition von Peta abzugleichen, muss man eine solche erst aus den einander widersprechenden und lose zusammengefügten Statements extrahieren. In einem Artikel zum Thema Warum sollten Tiere Rechte haben referiert Peta zunächst die Positionen der Philosphen Peter Singer und Jeremy Bentham, die behaupten, dass Leidfähigkeit moralische Berücksichtigung erzwinge. Aus letzterem folgen aber keineswegs Tötungs- und Nutzungsverbote, zu schweigen von Rechten. Doch Peta geht darauf nicht ein, sondern stellt ohne Übergang die ethische Auffassung dar, dass jedes Tier einen ihm innewohnenden Wert und daher Rechte habe. Dies ist aber explizit nicht die Position von Singer oder Bentham, auch nicht die des berühmtesten Tierrechtlers Tom Regan. Was gilt denn für Peta nun?

Sich nen Wolf gedacht …
Spielen wir ungeachtet dessen die Wolfsfrage in Bezug auf die Themen Leid und Rechte einmal durch: Obwohl in der Leidfrage immer Bentham bemüht wird, war dieser selbst kein Vegetarier. Er hielt den Fleischkonsum nicht für moralisch falsch, da der Fleischkonsum den Menschen mehr nutze, als er den Tieren schade. Peter Singer nun trennt die Tötungsfrage von der Leidfrage. Seine Theorie besagt, dass die Tötung von Nichtpersonen erlaubt ist, sofern an die Stelle der getöteten Nichtperson ein Wesen tritt, das im Leben netto mindestens so viele positive Erfahrungen macht wie das getötete Wesen. Für Singer sind Nichtpersonen lediglich Gefäße ihrer Interessen. Das Gefäß kann durchaus zerstört werden, wenn nur der Inhalt nicht verloren geht.

Singer eiert seit je her bei der Frage herum, welche Tiere denn nun Personen seien und welche nicht. Schweinen will er diesen Status zugestehen, obwohl diese nicht einmal in der Lage sind, einen Spiegel zu nutzen, um Nahrung zu ergattern, geschweige denn, sich selbst darin zu „erkennen“. Bei Hunden war er jedenfalls bis Ende der 1990er Jahre sicher, dass sie keine Personen und daher ersetzbar sind. In einem Kommentar zu JM Coetzees „Leben der Tiere“ tröstet er seine Tochter Naomi über den Tod des Familienhundes Max hinweg, indem er darauf verweist, dass ein neuer Hund anstelle von Max gute Hundegefühle haben könne. Nehmen wir also einmal an, dass Singer auch den Wolf für in dieser Weise ersetzbar hält. Für Schafe und Rinder gälte dann das Gleiche.

Schafe, die draußen auf der grünen Wiese gehalten werden, haben auch nach herrschenden Disneykriterien ein besseres Leben als wildlebende Wölfe. Bis zur Wiederkehr des Wolfes konnten sie ohne Angst vor Beutegreifern friedlich herumgrasen; sie brauchen sich überdies keine Sorgen um die Futterbeschaffung zu machen, werden medizinisch versorgt, von Schäfern gehegt und gepflegt. Sie leben im Schnitt länger als Wölfe in freier Wildbahn. Da sie wenig entbehren müssen, haben sie weit mehr Gelegenheit, unterm Strich – also abzüglich der unangenehmen Erfahrungen – angenehme Erfahrungen zu sammeln.

Arrividerci Wolf 1
Daraus folgt, dass man gemäß Singers Auffassung nicht für die Wiederkehr des Wolfes sein kann. Im Gegenteil: Man müsste sich konsequenterweise für die Erweiterung der Weidehaltung aussprechen. Wenn man jeden Wolf tötet und an seiner Stelle ein Schaf, besser zehn, hundert oder tausend Schafe großzieht, hat man das allgemeine „Nettoglück“ erhöht. Die permanente Anwesenheit von Wölfen vergrößert den Stress der Weidedetiere ganz erheblich. Die Wiederansiedelung des Wolfes im Yellostone-Nationalpark hat zum Beispiel eine „Ökologie der Angst“ etabliert, wie der Tierrechtler Oscar Horta schreibt,  in der die Wapitis in dauerhaftem Stress leben, sich zurückziehen, weniger Nahrung erhalten, häufiger krank und hungrig sind und daher zahlreicher sterben. Man würde also durch die Verbreitung des Wolfes das Nettoglück schmälern, ohne das der Wölfe wesentlich zu erhöhen. Hinzu käme noch das Leid der Herdenschutzhunde, die sich brutale Kämpfe mit den Wölfen liefern müssten. Und auch die Wölfe würden durch solche Auseinandersetzungen natürlich mehr leiden.

Arrividerci Wolf 2
Wenn nun alle Tiere aufgrund des ihnen innewohnenden Werts Rechte hätten, vor allem das Recht auf Leben, käme man ebenfalls nicht weiter. Hätte der Wolf ein Lebensrecht, hätte es das Schaf auch. Also müsste man sich entscheiden, wer das „höhere“ Lebensrecht hat – dies wäre aber durch nichts begründet. Dass man Wölfe schöner oder intelligenter findet als Schafe kann ja kein rationaler Grund sein, den Wolf rechtlich höher zu stellen als das Schaf. Da es keine erkennbare Lösung gibt, das so verstandene Lebensrecht auch durchzusetzen, ist es von vornherein ungültig und unwirksam.

Hätte nun der Wolf trotzdem ein Recht auf Leben, ohne zugleich Subjekt von Pflichten zu sein, käme es zu folgender absurder Konsequenz: Der Wolf könnte dem Schaf kein Unrecht tun – er könnte aber auch dem Menschen kein Unrecht tun, wenn er ihn angreift und tötet. Kein anderer Mensch wäre verpflichtet, einem Angegriffenen zur Hilfe zu eilen, denn der Wolf verletzt nicht das Lebensrecht des Menschen. Schlimmer noch: Da das Lebensrecht eines hungrigen Wolfes verletzt würde, wenn man ihm die menschliche Beute verweigerte, wären wir sogar verpflichtet, ihm den Menschen als Beute zu überlassen (dieser Gedankengang wird hier näher erläutert). Rechte brechen alle anderen Normen und auch die Intuition, dass man Menschen doch helfen müsse.

Wäre der betreffende Mensch ein Baby oder Kleinkind, das nach Meinung der Tierrechtler ja noch keine Person ist, wäre der einzige Grund, das Kind zu retten, seine Spezieszugehörigkeit, sofern man sich als Tierrechtler nicht verpflichtet fühlt, ein beliebiges Jungtier ebenfalls zu retten. Mit anderen Worten: Die Rettung des Kindes wäre durch nichts begründet als durch lupenreinen Speziesismus! Tatsächlich sind einige bedeutende Tierrechtler gegen die Wiederkehr von Großbeutegreifern in Gegenden, wo diese bereits ausgerottet wurden – so zum Beispiel erwähnter Oscar Horta. Darüber hinaus informiert der gute Wikipedia-Artikel Wildtierleid über die Dimension des Problems, das alle Tierrechtler haben, die für die Ansiedelung von Großbeutegreifern sind.

Da Peta nirgendwo verkündet, das Recht auf Leben der Tiere verpflichte uns dazu, in bestimmten Situationen Hilfe bei Angriffen auf Menschen zu unterlassen, kann Peta auch vom Rechtsstandpunkt aus nicht für die Wiederansiedelung des Wolfes sein. Wölfe greifen nachweislich Menschen an. Stellt Peta sich im Falle des Falles den Rettern entgegen und ruft: „Haltet ein! Ihr verletzt das Lebensrecht des hungrigen Wolfes“? Peta müsste dies eigentlich tun, und wenn sie es täten, wären sie immerhin leidlich konsequent. Aber solche Konsequenz schadet selbstverständlich sehr dem Image.

Fazit
Wenn man die Gedankenknäuel entwirrt, die Peta täglich dem gleichermaßen verwirrten Publikum zuwirft, kann man zu keinem anderen Schluss kommen, als dass Peta ihren eigenen Prinzipien folgend gegen die Wiederkehr des Wolfes sein und seinen Abschuss befürworten müsste.

Ob es nun pure Dummheit oder perfide Absicht ist, sich derart nebulös und widersprüchlich auszudrücken, wie Peta dies stets tut, sei dahingestellt. Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus beidem. Peta kann auf den allgemeinen Unwillen zum klaren Denken sowie den Willen, andere anzuklagen, jedenfalls fest bauen.