Sind Vegetarier wahre Schotten?

Der argumentative Fehlschluss Kein Wahrer Schotte wurde von Anthony Flew (1975) eingeführt und geht so:
Argument: „Kein Schotte streut Zucker auf seinen Haferbrei.“
Gegenbeispiel: „Aber mein Onkel Angus ist Schotte, und er streut sehr wohl Zucker auf seinen Haferbrei.“
Widerlegung: „Kein wahrer Schotte streut Zucker auf seinen Haferbrei!“

Diese Art der Pseudoargumentation wird von Vegetariern sehr gerne verwendet, wenn die moralische Vorzüglichkeit ihrer Lebensweise mit Hilfe von Gegenbeispielen wie Hitler, Himmler oder Heß bestritten wird. Präsentiert man eine Liste vegetarischer Unmenschen (1), braucht man auf die Reaktion nicht lange zu warten: „Das waren alles gar keine echten Vegetarier!“ Warum? Weil sie auch mal Leberknödel gegessen haben? Oder weil sie Unmenschen waren? Letzteres wäre offenkundig zirkulär. Motto:
§ 1: Vegetarier können keine Unmenschen sein.
§ 2: Taucht irgendwo ein vegetarischer Unmensch auf, tritt automatisch § 1 in Kraft.

Ich habe Flews Buch nie gelesen und kenne den Fehlschluss Kein Wahrer Schotte nur vom Hörensagen. Ich weiß daher nicht sicher, ob folgende Behauptung vom Autor selbst selbst stammt oder nur von Wikipedia hinzugedichtet worden ist: „Dagegen ist zum Beispiel ‚Kein wahrer Vegetarier würde ein Steak essen‘, keine Täuschung, da es aus der akzeptierten Definition eines Vegetariers hervorgeht.“

Nun, was ist denn die akzeptierte Definition eines Vegetariers? Dass er niemals Fleisch isst? Was passiert aber mit einem Vegetarier, der dennoch ein Stück Fleisch verputzt? Wird ihm die Echtheit aberkannt -,selbst wenn er das Fleisch nur aus Versehen gegessen oder es ihm jemand untergejubelt hat? Nein. Und wie soll man diese Schlagzeile verstehen: Ein Drittel aller Vegetarier isst betrunken Fleisch? Sie wäre gar nicht formulierbar, wenn die betroffenen Personen nicht trotz ihres Fleischkonsums weiter als Vegetarier gelten würden. Schauen wir ins Tierreich. Dort gibt es bekanntlich die Pflanzenfresser. Kein einziges Tier dieser Gruppe frisst nicht bisweilen oder gewohnheitsmäßig auch andere Tiere.

Die tatsächlich akzeptiere Definition von Vegetarier muss also eine andere sein. In der Praxis halten Menschen andere Menschen dann für Vegetarier oder Veganer, wenn diese es von sich behaupten. That’s it. Was man grundsätzlich verstehen muss: Es geht bei derlei Zuschreibungen niemals um den realen Konsum, sondern um das, was der Soziologe Thorstein Veblen (1857-1929) demonstrativen Konsum genannt hat. Demonstrativer Konsum dient Distinktionszwecken. Die Person zeigt damit coram publico, dass sie auf der gesellschaftlichen Stufenleiter höher steht oder höher stehen will als andere. Ernährungsmarotten haben rituelle, symbolische Bedeutung. Man demonstriert vor anderen, was man für ein Prachtmensch ist. Im Alltag und stillen Kämmerlein kann man dann natürlich Fünfe gerade sein lassen, wie es einem beliebt. Es ist schließlich sehr anstrengend, sich ständig vor anderen aufzuplustern. Wer Vegetarier also auf etwaige Inkonsequenzen hinweist, versteht sie tatsächlich nicht. Denn auf eigene Konsequenz kommt es ihnen nun einmal nicht an.

Die Definition der veganen Lebensweise, die von der Vegan Society formuliert worden ist, liest sich denn auch wie ein Manifest der Selbstermächtigung mittels Gummiparagraphen. Nach dieser Definition könnte jeder X-Beliebige als Veganer gelten, sofern er nur behauptet, er würde alles ihm Mögliche tun, um den Konsum tierlicher Produkte zu meiden. Warum soll dann ausgerechnet Adolf Hitler nicht als echter Vegetarier gelten? Hitler hat zu seiner Zeit mehr für den Tierschutz getan als alle anderen Staatsoberhäupter. Er hat sich sehr tierfreundlich geäußert und so vegetarisch ernährt wie irgend ein Allerweltsvegetarier heute. Da er keinen Alkohol konsumierte, war er wahrscheinlich konsequenter als Vegetarier, die dem Alkohol zusprechen, die kiffen oder koksen und im Rausch des Heißhungers fuderweise Döner in sich hineinstopfen.

Wenn also Hitler kein echter Schotte war, dann sind alle Vegetarier falsche Schotten. Wenn sie als echte Schotten gelten wollen, müssen sie Hitler, Himmler, Heß sowie zahlreiche andere Übelmenschen als ihresgleichen anerkennen oder sich selber aus dem wahren Schottenreich ausbürgern. Tertium non datur.
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(1) Vgl. Udo Pollmer, Georg Keckl, Klaus Alfs, Don’t Go Veggie!, 3. Aufl. Stuttgart 2017, Kapitel 2, Gurkentruppe: „Große Vegetarier“ sind große Vegetarier.



Ich AfD? Nee!

Hervorgehoben

Seit ich mich öffentlich zu den Themen Landwirtschaft, Ökologismus, Natur- und Tierethik äußere, werde ich von Leuten, denen meine Schlussfolgerungen nicht passen, regelmäßig als „rechts“ beschimpft. Lange bevor es die AfD gab, bin ich schon zum Nazi gestempelt worden. In Zuschriften phantasierten empörte Zeitgenossen frei darüber, dass ich angeblich einem „rechten Netzwerk“ angehöre (1). Andere beteten mir folgende Litanei vor: Wer gegen Tierrechte ist, ist ein „Speziesist“, daher auch Rassist und Sexist, also Trump (und Hitler in einem). Soziologische Studien hätten dies einwandfrei erwiesen. Es wurde mir schon eine AfD- und eine NPD-Mitgliedschaft angedichtet. Dies betrachte ich als üble Nachrede und Verleumdung.

Ich bin in keiner Partei Mitglied (nie gewesen) und gehöre nur einem einzigen Verein an: Tierhaltung modern und transparent e.V. (2) Meine Aktivität erschöpft sich hier allerdings darin, den Mitgliedsbeitrag zu entrichten. Ich äußere mich in der Öffentlichkeit ausschließlich zu Themen, von denen ich etwas verstehe. Aus dem, was ich zu diesen Themen schreibe, kann man nicht auf meine allgemeine politische Anschauung schließen. Soviel sei aber verraten: Ich hege keine Sympathie für die AfD. Es fiele mir nicht ein, diese Partei zu wählen. Eine Mitgliedschaft käme also erst recht nicht infrage. Das Gleiche gilt natürlich auch für NPD, Pegida oder ähnliche politische Organisationen und Gruppierungen.

Ich bin ein geistig unabhängiger Mensch. Als solcher erregt man immer Anstoß bei Personen, die das Gruppendenken pflegen. Ich habe keinerlei Mission und gehöre keinem politischen Netzwerk an. Ich möchte nicht in eine Fremd- oder Eigengruppe einsortiert werden. Ich bin weder einer von denen noch einer von uns. Ich trage Argumente vor, ohne Rücksicht darauf, wem diese gefallen oder missfallen könnten.


Anmerkungen

(1) Ein Leserbriefschreiber nannte als Beweis für meine „rechte Gesinnung“, dass unser Buch Don’t Go Veggie! vom Buchdienst der Jungen Freiheit vertrieben werde. Dieser Tatbestand war mir bis dahin unbekannt. Schaut man nun dort unter der betreffenden Rubrik Wissen nach (Stand 2.11.2019), findet sich auf der ersten Seite unter anderem ein Buch des FAZ-Herausgebers Jürgen Kaube, eines des Ökologen Hansjörg Küster, eines des Psychologen Niels Birbaumer, eines von Alexander von Humboldt. Sind das nun alles Nazis oder Angehörige rechter Netzwerke? Wohl kaum.
Als weiterer „Beweis“ diente dem Leserbriefschreiber mein Artikel über Tierschutz und Nationalsozialismus. Ich habe letzteren hier im Blog online gestellt. Hinweis: Man ist mitnichten rechts, wenn man nachweist, dass die Nationalsozialisten den Tierschutz sehr ernst genommen haben, und daraus schließt, dass Vegetarier das nationalsozialistische Deutschland loben müssten, sofern sie behaupten, die Humanität einer Gesellschaft könne man daran erkennen, wie pfleglich darin mit Tieren umgegangen werde.

(2) Ich war als Jugendlicher bis 1984 in einem Basketballverein. Ungefähr von 1987 bis 1993 war ich passives Mitglied des WWF. That’s it.