Skeptiker in Bewegung 6

Wer im Glashaus sitzt …

Der offizielle Grund, warum die Skeptikerbewegung sich gegen Parawissenschaft und Pseudowissenschaft engagiert, ist der gesellschaftliche Schaden, den diese Phänomene anrichten. Edgar Wunder wendet allerdings Folgendes ein: „Nur in den allerseltensten Fällen wird dabei die ‚Gefahr‘ (genauer: die Chancen-Risiko-Relation) anhand empirischer Studien oder Abschätzungen belegt, sondern es wird mit Einzelfällen […], subjektiven Erfahrungen, Horrorszenarien und Betroffenheitsgefühlen argumentiert – im Prinzip nur spiegelbildlich zu sog. ‚Esoterikern‘, die mit ähnlichen Argumenten uns vom heilsbringenden Nutzen ihrer jeweiligen Systeme überzeugen wollen.“ (S. 76)

Würden sie solche empirisch gestützten Abschätzungen vornehmen, wäre klar, wer den Splitter und wer den Balken im Auge hat. Dies wird nirgendwo deutlicher als beim Thema Corona. In meinem Beitrag Auf verlorenem Posten habe ich ausführlich besprochen, dass jegliches Befürworten strenger Coronamaßnahmen wie Lockdowns, Quarantäne, Masken- und Impfzwang allein schon aus logischen Gründen argumentativ aussichtslos ist. Solche Maßnahmen erscheinen nur dann plausibel, wenn durchgängig Doppelstandards angewendet und mit zweierlei Maß gemessen wird. Ich empfehle, zumindest Teil zwei meines Beitrags zu lesen, um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie weit nicht nur die „Skeptiker“ beim Thema Corona hinter ihrem Anspruch zurückbleiben, kritisch, rational und wissenschaftlich zu sein.

Beispiellose Bedrohung?

Im ersten Teil dieser Serie wurde bereits erwähnt, dass sich die GWUP sehr früh darauf festgelegt hat, Covid-19 als „beispiellose Bedrohung für die öffentliche Gesundheit in Deutschland, Europa und der ganzen Welt“ einzuschätzen. „Die wissenschaftlichen Fakten waren klar“, betonte sie schon im Frühjahr 2020. „Als Skeptiker können wir ebenfalls einen Beitrag leisten: Wir können durch unser Engagement über Fehlinformationen zu Covid-19 aufklären. […] Und wir können bei der Enttarnung von alternativen Fakten helfen. Manchmal lauern diese sogar im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. In der Sendung ;Frontal 21‘ war am 10.03. ein umstrittener Arzt zu Gast und bezeichnete die von anerkannten wissenschaftlichen Experten dringend empfohlene Absage von Großveranstaltungen als ,Panikmache.‘“[1]

Gemeint ist natürlich Wolfgang Wodarg. Wieder einmal beruft sich die GWUP auf von ihnen selbst „anerkannte Experten“, während Wodarg mit dem völlig nichtssagenden Ausdruck „umstritten“ abgewertet wird. Er war bis dahin durchaus ein allgemein anerkannter Experte, und zwar vollkommen zu Recht. Seine Expertise als Lungenfacharzt mit epidemiologischer Zusatzausbildung und ehemaliger Gesundheitsamtschef ist nicht geringer einzuschätzen als die eines bloßen Labormediziners wie Christian Drosten mit seinem virologischen Tunnelblick. Aus unvoreingenommener Perspektive war seinerzeit nicht ersichtlich, warum Wodargs Wort keinerlei Gewicht haben sollte und warum derart heftig auf ihn eingedroschen wurde.

Da ich zu dieser Zeit noch bei Facebook aktiv und dort mit einer ganzen Reihe Personen befreundet war, die entweder selbst „Skeptiker“ waren oder diesen nahestanden, habe ich hautnah mitbekommen, wie diese Leute sich an üblen Rufmordkampagnen gegen Wodarg beteiligten.[2] Ich war tatsächlich erstaunt, dass sie ihn allesamt von früher zu kennen schienen. Ich kannte ihn bis dato nicht. Sie warnten mich vor ihm, da er ein notorischer „Schwurbler“ sei. Für kurze Zeit war ich verunsichert. Hatte ich etwas übersehen? Ich fand seine Einwände nämlich vernünftig, nüchtern und klar. Er machte das, was ein verantwortungsvoller Experte tun sollte: keine Panik. Es dauerte ein, zwei Tage, bis ich merkte, dass meine „Freunde“ Wodarg so wenig kannten wie ich, sondern bloß nach dem Muster „Die Spinne in der Yucca-Palme“ irgendwelche Verleumdungs-Geschichten über ihn verbreiteten, als hätten sie sie selbst erlebt. 

Ich versuchte vergeblich, meinen „Freunden“ klarzumachen, dass Wodargs Auffassung abgesehen von der Meinungsfreiheit auch dann rational legitim sei, wenn er falsch liegen sollte. Denn Wodarg vertat die Nullhypothese, ohne die nichts stattfinden kann, was Wissenschaft genannt wird. In einem rationalen Diskurs muss jemand den Gegenstandpunkt vertreten, andernfalls handelt es sich um Predigt oder Befehl. Am 26. März 2020 schrieb ich auf Facebook: „Wer sagt, ‚es passiert derzeit nichts Besonderes‘, ist kein ‚Leugner‘, sondern vertritt die Nullhypothese und ist nicht in der Beweispflicht. Die anderen sind ihm gegenüber in der Beweispflicht. Das scheint allgemein nicht verstanden zu werden. Nichts zu tun, was über die normale Bekämpfung einer Grippe-Epidemie hinausgeht, ist keineswegs eine abwegige Position zu Corona. Es könnte sich hinterher durchaus herausstellen, dass ‚Nichtstun‘ die beste Variante gewesen wäre. Dies folgt logisch daraus, dass man wenig über das Virus weiß und die Folgen von Maßnahmen nicht klar voraussehen kann.“ 

Es ist fast überflüssig zu erwähnen, dass die Skeptikerbewegung exakt dies argumentativ hätte vertreten müssen, wenn das Wort „Skeptiker“ bei ihnen irgendeinen Sinn ergeben soll. Stattdessen hat sie schon zu einem Zeitpunkt eine dogmatische Position eingenommen, als andere wenigstens noch so taten, als wisse man nicht genug. Schon im Februar und März zeichnete sich unter anderem durch Michael Levitts und John Ioannidis‘ Analysen deutlich ab, dass Corona kein „Killervirus“ sein konnte. Levitt ist immerhin Nobelpreisträger für Chemie und Fachmann für Statistik, Ioannidis war bis dahin einer der anerkanntesten Epidemiologen der Welt. Beide wurden danach in heftiger Weise kritisiert und verleumdet. Ioannidis „fiel einer der schlimmsten Hexenjagden in der neueren Medizingeschichte zum Opfer“[3].

Diffamation oblige

An der Stellungnahme der GWUP kann man erkennen, dass sie es von Beginn an als heilige Pflicht betrachtete, solche Kampagnen zu unterstützen. Es zeigt sich sehr deutlich, dass sie weder an Wissenschaft noch an Logik interessiert ist. Die „Fakten“ waren nämlich insofern früh „klar“, als fast alle Menschen, die mit dem Virus in Kontakt kamen, keine oder nur milde bis moderate Symptome hatten. Jedem, der logisch denken konnte, musste daher einleuchten, dass das Immunsystem der Menschen diesem Virus keineswegs wehrlos ausgeliefert sein konnte. Mit der nachweislich falschen Annahme ungenügender Immunität wurden und werden bis heute alle Zwangsmaßnahmen begründet. Dass für Deutschland nach wie vor keine repräsentativen Kohortenstudien vorliegen, denen man valide Aussagen über Infektiosität und Sterblichkeit von Covid-19 entnehmen könnte, ist ein Skandal, den die GWUP anscheinend nicht einmal bemerkt hat.[4]

„Skandalon“ bedeutet „Ärgernis“. Trotz höchsten wissenschaftlichen Anspruchs ärgert es die GWUP nicht im Geringsten, dass ihre Einlassungen weitgehend auf Zahlensand gebaut sind. Sie ist auch viel zu sehr damit beschäftigt, „Coronaleugner“ dingfest zu machen. Personen wie die Rechtsanwältin Beate Bahner oder der Schweizer Arzt Thomas Binder (siehe Mythen ABC) werden als Verrückte dargestellt, weil sie mit Gewalt in psychiatrische Kliniken eingewiesen wurden. Auf die Idee, dass ihnen damit grobes Unrecht widerfahren ist, kommt die GWUP nicht. Über Thomas Binders politische Anschauungen mag man streiten – es ist sein Recht, sie zu äußern –, aber seine Einlassungen zum Thema Covid sind weit kompetenter als das, was die GWUP anbietet. Über die kämpferische Diktion Binders darf sich die GWUP am allerwenigsten beschweren. Ihre Äußerungen zum Thema Corona sind insgesamt auf deutlich niedrigerem Niveau als beispielsweise die Analysen des Teams um Professor Schrappe, der 81 Wissenschaftler, des Mediziners Gunter Frank oder des Datenanalytikers Tom Lausen, der unter anderem die Seite intensivstationen.net betreibt.[5] Jedes Kind kann das erkennen.

Mit alles?

Ein Beispiel ist die Behandlung des Themas „an und mit Corona gestorben“ durch die GWUP (siehe Mythen ABC). In vielen Worten folgt sie hier der unter anderem vom Robert Koch-Institut verbreiteten Geschichte, dass selbst die schwer vorerkrankten, greisen Verstorbenen durch Covid fast zehn Lebensjahre verloren hätten. Da das Medianalter der „mit und an Covid“ Verstorbenen über dem Medianalter aller Todesfälle von knapp 82 Jahren liegt, wären sie also ohne Covid im Schnitt über 92 Jahre alt geworden. Das ist unglaubwürdig. „Es handelt sich dabei letztlich immer um einen Kategoriefehler [sic], weil eine Eigenschaft, nämlich Lebenszeit, einer Gruppe von Personen zugeordnet wird, die diese Eigenschaft nicht haben können, weil sie bereits tot sind“, betont Andreas Zimmermann

Die Tatsache, dass das Medianalter der Covid-Toten dem Medianalter aller Todesfälle entspricht, besagt daher etwas anderes, nämlich dass Corona keine gesamtgesellschaftlich bedrohliche Epidemie sein kann, sondern im Grundrauschen der natürlichen Todesursachen verschwindet. Das ist mit einfacher Logik zu erschließen und auch mit den kompliziertesten Berechnungen nicht hinwegzumodellieren. Deshalb hätte ziemlich rasch Entwarnung gegeben werden können. Stattdessen wurde ein weiterer eklatanter Kategorienfehler kultiviert, indem man eine gesamtgesellschaftliche Gefahr auf individuelle Schicksale herunterbrach. Das ermöglichte jenen moralischen Trief, mit dem glühende Befürworter der Maßnahmen seitdem sogar ihre eigenen Angehörigen drangsalieren und ihre Schutzbefohlenen foltern.[6]

Die GWUP erhebt einen wissenschaftlichen Anspruch. Wissenschaftlich ist es, Vergleichbarkeit herzustellen. Die GWUP setzt die vermeintlich verlorenen Lebensjahre jedoch nicht in Relation. Um zu begreifen, was gemeint ist, genügt eine simple Alltagserfahrung. Auch „Skeptiker“ hätten noch im Jahr 2019 auf die Nachricht, jemand sei mit 83 Jahren nach langer Vorerkrankung schließlich durch ein Atemwegsvirus „erlöst“ worden, nicht einmal mit Achselzucken reagiert. Sie wären nicht auf die Idee gekommen, klagend durch die sozialen Netzwerke zu ziehen und auszurufen: „Sie hatten noch zehn Jahre vor sich!“ Und das vollkommen zu Recht. Weil es blühender Unsinn ist. Sie hätten sogar allen den Vogel gezeigt, die behauptet hätten, ein Krebskranker im Endstadium sei „an und mit“ jenem Atemwegsvirus verstorben.

Wenn über achtzigjährige, schwerstkranke Personen mit ihrem Immunsystem am Ende sind, können sie Atemwegsviren nichts mehr entgegensetzen, und so sind zum Beispiel Rhinoviren für diese Personengruppe sogar gefährlicher als Influenzaviren. Vor 2020 ist niemandem eingefallen, solche Verstorbene als „Rhinotote“ zu klassifizieren, oder zu behaupten, Rhinoviren seien so gefährlich, dass eine ganze Gesellschaft in Quarantäne gesteckt werden müsse. Da dem so ist, sind die zu Covid präsentierten Zahlen allein schon deswegen in keiner Weise aussagekräftig. Von der bis heute nicht vorhandenen Reliabilität und Validität zu schweigen.[7]

In dem langen Beitrag wird nicht thematisiert, dass so gut wie keine Differenzialdiagnosen stattfinden, anhand derer festgestellt werden könnte, ob das per PCR-Test – unzureichend – festgestellte Coronavirus überhaupt einen kausalen Einfluss gehabt haben könnte. Die finanziellen Fehlanreize, die der Bundesrechnungshof moniert (S.7ff.), werden nicht berücksichtigt. Es existiert nicht der Hauch einer Reflexion darauf, dass Daten in diesem Fall kaum vergleichbar sind, da es nie zuvor eine derartig manische, massenmedial verstärkte Fixierung auf ein einziges Atemwegsvirus gab, welche alle Daten gegenüber vergangenen Erhebungen über andere (Virus-)Erkrankungen stark verzerren. Um sie zum Beispiel mit der Influenza vergleichen zu können, hätte die Influenza früher schon einmal in vergleichbarer Weise mit Abermilliarden wenig aussagekräftiger, vollkommen unsystematisch angewandter Tests „festgestellt“ worden sein müssen. Das ist aber nie der Fall gewesen. 

Selffulfilling Prophecy

Authentische Skeptiker würden zumindest in Betracht ziehen, dass hier ein überdimensionaler Bestätigungsfehler, eine Self-Fullfilling Prophecy am Werk sein könnte, die Robert K. Merton in einem berühmten Aufsatz von 1948 folgendermaßen definiert hat: „a false definition of the situation evoking a behavior which makes the originally false conception come true.“ Dies müsste ernsthaft erwogen und wissenschaftlich operationalisiert bzw. modelliert werden. Aus rationaler Perspektive wird bisher nur deutlich, wie hochgradig biased der Blick auf Corona ist. Es lässt sich aber klar feststellen: Hält man strenge methodische Standards bei der Ermittlung von Coronadaten ein, verschwindet die beispiellose Pandemie augenblicklich.[8] 

Die Skeptikerbewegung will der Öffentlichkeit allen Ernstes weismachen, dass es aus einer skeptischen Perspektive keinerlei rationale Alternative zu den Annahmen gibt, mit welchen die überaus strengen Coronamaßnahmen begründet werden. Menschen mit skeptischer Haltung, die das Prinzip der Gleichwertigkeit von Argumenten verinnerlicht haben (siehe Teil eins), sollen also Lockdowns, Masken- und Impfzwang inklusive No-Covid-Strategie für zwingend notwendig, für alternativlos halten. Andernfalls werden sie von der skeptischen Inquisition als „Pseudoskeptiker“ verurteilt. Das ist vollkommen grotesk.

Hätten „Skeptiker“ und ihre Freunde Courage, hätten sie zum Beispiel angeregt, Studien zur Wirkung von Atemschutzmasken zu replizieren – allerdings mit dem Unterschied, dass die Probanden Aluhüte statt Atemschutzmasken tragen. Es sollte mit dem Teufel zugehen, wenn sich mit den Ergebnissen nicht eine hinreichende Signifikanz herbeizaubern ließe. [9] Der Vorteil von Aluhüten wäre immerhin, dass sie im Gegensatz zu den Masken nicht schaden.[10]

Im nächsten Teil wird ein imaginärer Blick aus der Zukunft auf heute gewagt.


[1] Der Beitrag der GWUP ist nicht datiert. Die GWUP erwähnt aber die Frontal-Sendung mit Wolfgang Wodarg vom 10. März 2020, ohne das Jahr zu nennen. Da die für Mai geplante „Skepkon“ abgesagt wird, muss der Beitrag zwischen März und Mai 2020 verfasst worden sein.

[2] Bereits im Oktober 2020 hatte der Juraprofessor Martin Schwab in einem180 Seiten langen Bericht alle Vorwürfe gegen Wodarg eingehend besprochen und sie insgesamt zu Recht als Rufmordkampagne eingeschätzt. Jeder, der Augen im Kopf hat, sieht, dass sich Schwabs Schrift meilenweit über dem Niveau dessen befindet, was „Skeptiker“ in der Regel zu äußern pflegen. Kein Wunder, dass nun auch Schwab zum Objekt einer medialen Schmutzkampagne wird. 

[3] Peter Gotzsche, Impfen für und Wider, München 2021, S. 192.

[4] Vgl.Gunter Frank, Der Staatsvirus, Berlin 2021, S. 42–46.

[5] Vgl. auch Lausens Stellungnahme vom 8. Juli 2021 für den Bundestag zur vermeintlichen Überlastung des Gesundheutssystems.

[6] Der Wissenschaftsphilosoph Michael Esfeld erläutert, warum die Maßnahmen mit keinem der gängigen ethischen Systeme vereinbar ist.

[7] Vgl. Gunter Frank, Der Staatsvirus, Kap. 7–9.

[8] Zu diesen Themen vgl. meine ausführliche Erläuterung im Text Auf verlorenem Posten, vor allem in Teil 2, S. 37 ff.

[9] Die diversen Möglichkeiten, den p-Wert bei Datenrauschen unter 0,05 zu bekommen, habe ich schon in meinem Grundstudium vermittelt bekommen. 

[10] Vgl. dazu das hervorragende Paper Zur Pathologie des Maskentragens von Arne Burkhardt.

Skeptiker in Bewegung 5

Alles Krampf

Wie in den vorangegangenen Teilen gezeigt, kann die Skeptikerbewegung ihrem Namen in keiner Weise gerecht werden. Auch ihre Berufung auf „den breiten wissenschaftlichen Konsens“ muss mit einem großen Fragezeichen versehen werden. Die Dinge sind nun einmal nicht so eindeutig, wie es die „Skeptiker“ gerne hätten. Fast möchte man ihnen zurufen: „Gebt euch zufrieden und seid stille!“ Sie sind jedoch vom ruhelosen Fanatismus des erschlagenen Zweifels durchdrungen und wollen vom gelassenen Fatalismus der Skepsis nichts wissen. Anstatt nun einfach Angebote diverser Religionen anzunehmen, ihnen die gewünschte Seelenruhe zu verschaffen, sind sie geradezu manisch auf „Wissenschaft“ fixiert und wollen partout beweisen, dass sie glasklar von „illusorischen Erkenntnisweisen“ unterschieden werden kann. Letzteres könnte aber die größte Illusion von allen sein.

Alles klar?

Im Abschnitt „Was wir wollen“ schreibt die GWUP auf ihrer Website: „Die GWUP hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Grenze zwischen echter Wissenschaft und parawissenschaftlichen Behauptungen klar sichtbar zu machen.“ Das klingt markig. An anderer Stelle heißt es: „Was macht eine Interpretation zu einer parawissenschaftlichen und wo ist die Grenze zu einer wissenschaftlichen Deutung? Eine ganz klare Grenze gibt es nicht.“ Das klingt schon weniger markig. Das Wörtchen „ganz“ wirkt fast so, als hätte man es eingefügt, um einen glatten Selbstwiderspruch zu kaschieren. Denn wenn es zum Beispiel keinen klaren Grenzverlauf zwischen zwei Staaten gibt – wie will man ihn dann klar sichtbar machen, ohne ihn vorher erzeugt, also nach eigenem Gusto beispielsweise auf einer Karte eingezeichnet zu haben? 

„Wir wollen die Grenze zwischen Staat x und Staat y klar sichtbar machen.“
„Aber es gibt doch keine klare Grenze.“
„Dann zeichnen wir sie eben jetzt auf der Karte ein. So. Nun ist sie klar sichtbar.“

Wer nach einem solchen Willkürakt triumphierend seinen Bleistift schwingt, wird gewiss nicht ernst genommen. Das Wort „ganz“ kann also den Argwohn nicht beseitigen, dass die vielbeschworene Klarheit eine trübe Angelegenheit sein könnte.

In einem weiteren Artikel kommt die GWUP der Sache näher. Ein wissenschaftstheoretisch kompetenter Autor stellt fest: „Nun ist es jedoch unter Wissenschaftsphilosophen weitgehend Konsens [ohne Konsens geht es offenbar nicht, KA], dass es einen Satz notwendiger und zugleich hinreichender Abgrenzungskriterien nicht gibt. Mit anderen Worten: Es gibt kein Allzweckkriterium bzw. eine kleine Zahl von Allzweckkriterien, die auf alle Kandidaten für Parawissenschaften anwendbar sind und zu einer klaren und eindeutigen Abgrenzung führen.“

Das ist korrekt, steht allerdings in Spannung zu den zuvor zitierten Einlassungen. Wenn schon Abgrenzungsversuche unternommen werden, können sie nur über Familienähnlichkeit im Sinne Ludwig Wittgensteins, nicht über klare Definitionen erfolgreich sein. Das macht die Sache aber ziemlich kompliziert. „Eine Untersuchung, ob ein bestimmter Erkenntnisbereich eine Parawissenschaft darstellt, wird also auf einen vielfältigen Katalog von Kriterien zurückgreifen müssen, von denen in jedem Einzelfall andere zum Tragen kommen können.“ Der Autor des Artikels listet allein als Beispiele neun mehrdimensionale und bisweilen mehrdeutige Kriterien auf.

Alles verwirrend

Ein „vielfältiger Katalog von Kriterien“ ist unterm Strich wohl das Gleiche wie ein „Satz von Abgrenzungskriterien“. Auch ein Satz kann Vielfältiges enthalten. In einem Satz Werkzeuge beispielsweise können die unterschiedlichsten Utensilien enthalten sein: Hammer, Zange, Schraubendreher, Trennscheibe, Draht und anderes. So wie ich den Passus verstehe, meint der Autor, dass ein handliches Set zur Untersuchung von Erkenntnisbereichen nicht ausreicht. Stattdessen müsse stets mit ganz großem Besteck angerückt werden.

„Mithilfe dieser und weiterer [!] Kriterien lässt sich in aller Regel eine wohlbegründete Entscheidung treffen, ob ein Erkenntnisbereich den Parawissenschaften zuzurechnen ist oder nicht. Auch wenn eine solche Beurteilung nicht in jedem Fall zu einem eindeutigen Ergebnis führen mag, bleibt sie eine rational vertretbare und gut begründete Abgrenzung. Ein Erkenntnisbereich, der nur zu 70 bis 90 Prozent der zur Analyse genutzten Kriterien nicht erfüllt, kann immer noch zu Recht als Parawissenschaft betrachtet werden.“  

Ich habe bei dieser Passage Verständnisschwierigkeiten. Mir scheint aber, dass hier auf den Anspruch verzichtet wird, zugleich notwendige und hinreichende Bedingungen zu erfüllen. Denn rational vertretbar und gut begründbar ist „in aller Regel“ vieles. Das reicht aber nicht. Wenn das Ergebnis der Untersuchung ebenso gut rational bestreitbar ist, haben die Skeptiker nichts gewonnen. Da sie die Begründungslast tragen, hätten sie bei nominellem Gleichstand sogar verloren. 

Jede Untersuchung eines Erkenntnisbereichs müsste eine exakte Anzahl Kriterien enthalten, da andernfalls das prozentuale Ergebnis mit der Anzahl der Kriterien verändert und damit nach Wunsch manipuliert werden könnte. Solche Manipulation wäre auch schon im Vorhinein möglich, indem man die Kriterien so auswählt und gestaltet, dass sie voraussichtlich ein gewünschtes prozentuales Ergebnis zeitigt.

Die im Katalog enthaltenen Kriterien lassen viel Raum für subjektives Ermessen. Wie will man zum Beispiel von außen objektiv feststellen, ob Ergebnisse eines Erkenntnisbereichs „von vornherein feststehen“, wenn letzteres nicht explizit bekundet wird? Trifft die Analyse Knorr-Cetinas (siehe Teil 4) nur annähernd zu, kann man so etwas den wissenschaftlichen Veröffentlichungen gar nicht ansehen. Menschen können bewusst täuschen, sich irren, sich selbst betrügen. 

Ferner könnte jemand auf die Idee kommen, statt 70 bis 90 Prozent andere Margen für verbindlich zu erklären, wenn mit den 70 bis 90 Prozent mehr Erkenntnisbereiche als Wissenschaft anerkannt werden müssten, als den Skeptikern lieb ist. Das Verfahren müsste zudem auf eine große Anzahl von Erkenntnisbereichen in regelmäßigen Abständen immer wieder angewendet werden, da sich auch in parawissenschaftlichen Bereichen etwas bewegt, was ihren Status ändern könnte. Dies müsste obendrein im kritischen Austausch mit den Parawissenschaftlern und in voller Kenntnis der einschlägigen Literatur geschehen.

Alles egal

Die GWUP will besagte Grenze „klar sichtbar“ machen, um Parawissenschaftler und deren Spießgesellen – warum auch immer – voller Elan bekämpfen zu können. Nun müssen die wackeren Streiter mit einer langen Checkliste voller Kriterien aufs Schlachtfeld, von denen in jedem Einzelfall andere zum Tragen kommen, die auch nicht immer zu einem eindeutigen Ergebnis führen mögen, aber einen Erkenntnisbereich noch zu Recht als Parawissenschaft markieren können, jedoch nicht müssen, wenn sie zu 70 bis 90 Prozent erfüllt (oder nicht erfüllt?) sind. Wohl dem, der dann noch weiß, wer Freund und wer Feind ist!

Abgrenzungen dieser Art mögen trotz allem in zufriedenstellender Weise getroffen werden können. Doch als rein deskriptives Unternehmen sind sie ziemlich reizlos. Reizvoll werden sie erst als Waffen in einem Weltanschauungskampf. Es sieht für mich nicht so aus, als würde die GWUP regelmäßig solche Analysen durchführen. Noch weniger ist zu erkennen, dass die öffentlich aktiven Skeptiker solche diffizilen Untersuchungen zur Grundlage ihrer vehementen Kritik machen. Edgar Wunder bestätigt: „Eigene Untersuchungstätigkeit zu Parawissenschaften tritt in der Regel gar nicht auf, denn es sei ja ohnehin schon klar, dass alles ‚Quatsch‘ ist, was solle man denn noch untersuchen? Wenn überhaupt ,Untersuchungen‘ vorgenommen werden, dann nur, um einer breiten Öffentlichkeit zu demonstrieren, was man ohnehin schon für gesichert hält“. (S. 79f.)

Ich muss allerdings zugeben, dass ich noch nie ein Exemplar der GWUP-Zeitschrift Skeptiker gelesen habe. Es könnte also sein, dass dort präzisere Untersuchungen im oben genannten Sinn zu finden sind. Dies stünde aber in krassem Gegensatz zu allem, was Betrachtern auf der Website und im Blog entgegenspringt. Für Menschen, die nicht in starren Freund-Feind-Schemata denken, ist es schlechte, für diejenigen, die solche Schemata bestätigt haben wollen, gute Werbung. Wunder war selbst Redaktionsleiter der Zeitschrift: „Unzählige Male habe ich als verantwortlicher Redaktionsleiter des Skeptiker aus der Leserschaft und aus der Mitgliedschaft der GWUP Anfragen und Aussagen folgenden Sinngehalts bekommen: ‚Dass Parawissenschaften Quatsch sind, weiß ich ohnehin. Die GWUP brauche ich vor allem deshalb, um gut begründen zu können, warum es Quatsch ist‘.“ (S. 80) 

Die Autoren des GWUP-Blogs sind offenbar immer dann voll in ihrem Element, wenn sie sich an Witzfiguren wie Xavier Naidoo oder Attila Hildmann abarbeiten können. Naidoo hat wohl für diverse Verirrungen um Verzeihung gebeten (ich verfolge so etwas nicht). Die GWUP lässt ihn nicht vom Haken. Doch Naidoo hat immerhin etwas getan, wozu „Skeptiker“ konstitutionell unfähig zu sein scheinen, nämlich Fehler eingestanden und um Verzeihung gebeten. Wie wahrscheinlich ist es wohl beispielsweise, dass „Skeptiker“ irgendwann zugeben, sich in der Coronafrage hoffnungslos verrannt zu haben? Sehr unwahrscheinlich. Die praktischen Konsequenzen dieser Haltung zu Corona sind aber um Dimensionen schlimmer als das, was Statements eines Pop-Sängers anrichten können.

Wie man im Blog und Mythen ABC der GWUP sehr gut sehen kann, besteht ein erklecklicher Anteil ihrer „Aufklärung“ aus Kontaktschuld-Vorwürfen, Invektiven ad hominem und Argumenten, die nichts zur Sache tun („Bhakdi wird weniger zitiert als Drosten“). Das Niveau ist insgesamt erschreckend niedrig und entspricht dem wirren Wortschwall, den man von Faktencheckern gewohnt ist. Ich frage mich ernsthaft, ob irgend jemand im Team weiß, wie man logisch korrekt argumentiert. Geboten werden vor allem Parforce-Ritte über Stock und Stein, Engführungen, Kurz- und Zirkelschlüsse.

Immanent logische Beweisführung findet nicht statt. Stattdessen immerzu so etwas: Coronaleugner behaupten x – regierungsnahe Experten behaupten y. Y ist wahr, denn x bedeutet schließlich Coronaleugnung. Oder: Person x ist früher schon durch Coronaleugnung aufgefallen. Bei Studienergebnissen, die passen, wird nach deren Qualität nicht gefragt. Bei Studienergebnissen, die nicht passen, werden hingegen hohe Standards angesetzt. Dergleichen beleidigt die Intelligenz eines jeden unvoreingenommenen Lesers. Die GWUP scheint in dieser Hinsicht allerdings schmerzfrei zu sein (Näheres zu alldem in Teil 6).

Es besteht eine große Diskrepanz zwischen den ohnehin schon uneinheitlichen wissenschaftstheoretischen Erwägungen und dem, was man auf dem Weblog zu lesen bekommt. Erstere sollen das ganze Unternehmen rational rechtfertigen, stehen aber in keinem erkennbaren Zusammenhang mit den konkreten Beiträgen. Es mag für bestimmte Charaktere befriedigend sein, andere Menschen vorzuführen, um sich selbst zu erhöhen. Doch dazu braucht man keine wissenschaftstheoretischen Girlanden zu flechten. 

Im nächsten Teil wird das Wirken der Skeptikerbewegung im Lichte der „Corona-Krise“ betrachtet. 

Skeptiker in Bewegung 4

Was wäre gewesen?

Die Überzeugung des Philolaos, dass die Erde nicht im Zentrum stehe, sondern sich um ein ruhendes Feuer im Mittelpunkt drehe, – sogar der Gedanke der Erdbewegung als solcher – wurde schon von Aristoteles und später von Ptomlemäus als „unglaublich lächerliche“ Anschauung der Pythagoräer bezeichnet.[1] Ptolemäus war nach heutigen Maßstäben schlicht ein Plagiator; die Pythagoräer waren eine Art Sekte, die noch dazu den Fleischverzicht praktizierte. Hätte es damals schon die Skeptikerbewegung gegeben, hätte sie das heliozentrische Weltbild als esoterisches Blendwerk vegetarischer Esoteriker abgetan und sich dabei auf einen „Wissenschaftsbetrüger“ berufen. Die Dominanz des ptolemäischen Weltbildes bewirkte, dass sich das wenig später von Aristarchos von Samos vertretene heliozentrische Weltbild 1300 Jahre lang nicht durchsetzen konnte. 

Für die Skeptikerbewegung mag das alles Schnee von gestern sein – Zeichen einer unausgereiften „Protowissenschaft“. Man schmückt sich heute unverdrossen mit den Ikonen der Wissenschaft, obwohl man damals zu deren Erfolg gewiss nicht das Geringste beigetragen hätte. Wie wäre die Skeptikerbewegung mit Leuten wie Ignaz Semmelweis oder Alfred Wegener umgesprungen? Wegener war Meteorologe, kein Geologe, und hatte schon allein deswegen einen schweren Stand bei den zuständigen Experten. Seine Kontinentaldriftthese wurde noch zu seinen Lebzeiten im Jahr 1928 durch Arthur Holmes plausiblel gemacht. Letzterer führte die Bewegung der Erdplatten auf Konvektionsströmungen zurück. Trotzdem wurde Wegener von der Scientific Community bekanntlich wie Unrat behandelt. Erst 1960 wurde seine Theorie schließlich anerkannt. Wissenschaftsenthusiasten erklärten Fälle wie diesen gerne zu Ausnahmen. Doch selbst wenn dies zuträfe, wären sie Grund genug, weniger breitbeinig aufzutreten. Vor hundert Jahren gab es immerhin schon eine voll professionalisierte Wissenschaft. 

Hätte sich die Skeptikerbewegung vor hundert Jahren an allgemein anerkannten Methoden sowie am wissenschaftlichen Erkenntnisstand orientiert, wären ihre Mitglieder aus heutiger Sicht Rassisten[2] und Eugeniker gewesen[3], und damit mitverantwortlich für die umfangreichen Programme zur Sterilisation und Ausrottung „genetisch Minderwertiger“. Dass Werk Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens von Alfred Hoche und Karl Binding war 1920 erschienen. Die theoretischen Grundlagen von Eugenik und Rassenhygiene werden heute von vielen als „pseudowissenschaftlich“ bezeichnet. Doch das ist falsch. Es waren allgemein anerkannte wissenschaftliche Theorien. Man wusste zwar noch wenig über das Genom, aber dafür umso genauer, dass die Welt untergeht, wenn nicht getan wird, was dem „breiten wissenschaftlichen Konsens“ entspricht. 

Die Eugenik lebt denn auch bis heute weiter und wird eifrig betrieben. Ihre Grundidee lautet, dass der Mensch „weg muss“ und nur als Übermensch eine Existenzberechtigung habe, welcher wiederum ein Heer von Untermenschen befehligen müsse. Sie hat sich erfolgreich ins Gewand des Umweltschutzes und des Ökologismus gekleidet. Organisationen wie der „Club of Rome“ oder das Weltwirtschaftsforum sind von diesem Ungeist beseelt. Dessen „eliminatorischer Algorithmus“[4] bestimmt auch die Klimawissenschaft. Nur das mit den „minderwertigen Menschenrassen“ wird heute weniger deutlich ausgesprochen.

Auch damals waren Wissenschaftler international gut vernetzt und die Wissenschaft in Disziplinen differenziert, die einander ergänzten und stützten. Auch damals hieß die Devise „Follow the Science“. Erst nachdem die Nationalsozialisten damit allzu bitteren Ernst gemacht hatten und gescheitert waren, kam allgemeine Katerstimmung auf. Sie dämpfte in der Folge den Wissenschaftsoptimismus gewaltig, der bereits durch die Verwerfungen des Ersten Weltkriegs beträchtlich heruntergedimmt worden war. 

Heutige „Skeptiker“ hätten aufgrund ihrer Anbetung des wissenschaftlichen Konsenses die Wenigen zu Pseudowissenschaftlern erklären müssen, welche bestritten hatten, dass die Menschheit genetisch unaufhaltsam degeneriere und dies zum Untergang derselben führe, wenn nicht drastische Maßnahmen ergriffen würden. Sie hätten diesen „Aluhutträgern“ vielleicht vorgehalten, für Abermillionen Tote verantwortlich zu sein, weil sie mit ihrem „Geschwurbel“ das Nichtstun rechtfertigen. Die Parallelen zum aktuellen Klima- und Coronakatastrophismus liegen auf der Hand.

Außer dies auf der faktischen Ebene rundheraus zu bestreiten, könnten „Skeptiker“ darauf erwidern, dass dergleichen nicht mehr passieren könne, da Wissenschaft heute so viel klüger sei. Oder sie behaupten, es sei eine singuläre Entgleisung gewesen. Beides sind sehr schwache Einwände. Schließlich würde eine einzige weitere Entgleisung von dieser Größenordnung ausreichen, um die Welt wieder an den Abgrund zu führen (wir sind übrigens mittendrin). Zweitens spricht – siehe Teil 3 – schon aus grundsätzlichen Erwägungen wenig dafür, dass Wissenschaftler tatsächlich so viel schlauer und ihre Mechanismen der Selbstkorrektur so viel besser geworden sind. Genau genommen spricht gar nichts dafür. Die aktuelle Wissenschaftspraxis spricht sogar deutlich dagegen.

Unter Primaten

Schon Pierre Duhem stellte Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts fest, dass die von Wissenschaftsphilosophen postulierten Methoden wenig Ähnlichkeit mit den Methoden haben, die Wissenschaftler tatsächlich anwenden.[5] In den 1970er Jahren betonte Paul Feyerabend eindringlich, dass Wissenschaftler ihre Methoden allenfalls als Daumenregeln verwenden, die bedenkenlos ignoriert oder modifiziert werden, sobald sie nicht das gewünschte Ergebnis zu liefern drohen.[6] In den 1980er Jahren legte Karin Knorr-Cetina aus der Innenperspektive dar, wie in der experimentellen Praxis Erkenntnis erzeugt wird.[7] Dies geschieht mittels Improvisation aufgrund von internem und externem Druck. Die Methoden werden opportunistisch gewählt und gewechselt, um passende Ergebnisse zu erzielen.[8] In den wissenschaftlichen Papers wird die Sache ex post so dargestellt, als wäre man streng einer Methode gefolgt. Ganz analog dazu erscheint der wissenschaftliche Fortschritt nur durch die voreingenommene Darstellung der Wissenschaftsgeschichte als Resultat eines rationalen Prozesses.[9]

Bestimmend für die von Knorr-Cetina dargestellte Laborpraxis ist das Menschlich-Allzumenschliche: Geld, Status, Anerkennung, nicht etwa das Bestreben, Hypothesen auf Herz und Nieren zu testen. Messinstrumente werden folgendermaßen ausgewählt: „‚Es stand hier `rum, daher war es das Einfachste.‘“ Oder: „‚Was ich ursprünglich wollte, hat nicht funktioniert, daher hab ich was Neues probiert.‘“[10] Die Validierung durch die Community erfolgt, indem „Wissenschaftler im Labor ihre Entscheidungen und Selektionen ständig auf die vermutliche Reaktion bestimmter Mitglieder der Wissenschaftsgemeinde, die als ‚Validierende‘ in Frage kommen, beziehen, ebenso wie auf die Politik der Zeitschrift, in der sie zu publizieren vorhaben. Entscheidungen werden danach getroffen, was gerade in und was out ist, was man machen und nicht machen ‚kann‘, mit wem man dabei in ‚Clinch‘ gerät und mit wem man sich durch diese Entscheidungen in eine Koalition begibt. Kurz, die discoveries werden im Labor im Hinblick auf riskierte Anfeindungen und Allianzen ebenso wie im Hinblick auf erhoffte Anerkennung und Kooperationen gemacht.“ Die Scientific Community ist ein Zusammenschluss von Produzenten und Kunden, die wechselseitig ihre Dienstleistungen brauchen. Zugleich sind sie Konkurrenten um finanzielle Mittel und Reputation. Beurteiler und Produzenten wissenschaftlicher Studien sind in keiner Weise voneinander unabhängig.[11]

Folgende Sichtweise wäre ernsthaft als mit den Tatsachen kompatible alternative Sichtweise zu erwägen: Wissenschaftlicher Konsens wird vor allem in politisch relevanten Gebieten durch eine dominierende Clique besonders rücksichtsloser Individuen erzeugt, die gut netzwerken, intrigieren und Drittmittel beschaffen können. Alle anderen müssen ihnen folgen, dürfen ihnen zumindest nicht grundsätzlich widersprechen, sonst sind ihre Karrieren vorüber bzw. finden erst gar nicht statt. Wie realistisch diese Sichtweise auf den ersten Blick erscheint, spielt keine Rolle. Ich persönlich halte sie für äußerst realistisch. Für eine Betrachtung des wissenschaftlichen Komplexes aus skeptischer Perspektive genügt jedoch bereits, dass sie nicht aufgrund offensichtlicher Absurdität ausgeschlossen werden kann. 

Es ist methodisch reizvoll, das Treiben der Wissenschaftler aus dem Blickwinkel der Ethnologie zu beobachten, die es mit einer fremdartigen Kultur zu tun hat. Vielleicht genügen auch schon die Methoden der Primatenforschung, um das Verhalten der Scientific Community hinreichend zu erklären. Entscheidend ist, dass hierbei die höhere, spezifische Rationalität des ganzen Unterfangens nicht bereits vorausgesetzt wird. Es könnte auch eine andere Logik am Werk sein, die sich gegen den offiziellen Zweck der Wahrheitsfindung rigoros durchsetzt. Die Hinweise darauf sind – um in der Sprache der „Skeptiker“ zu bleiben – überwältigend.

Jenseits der Illusionen

In seinem Buch „Science Fictions“ weist der Psychologe Stuart Richie an zahlreichen Beispielen nach, dass die Replikation von Experimenten – das Herzstück empirischer Wissenschaft – zusammen mit dem Peer Review als Kontrollmechanismen auf ganzer Linie versagen.[12] Das gesamte wissenschaftliche System sei „badly broken“, allen voran die klinische Forschung in Medizin und Pharmakologie.[13] Einschlägig bekannte Verzerrungen wie Publication BiasSampling BiasConfirmation Bias sind die treibenden Kräfte. Hinzu kommt die Tendenz zum „Hype“, also zu massiven Übertreibungen kleiner Effekte.[14] In Abstracts, Presserklärungen oder populärwissenschaftlichen Bestsellern werden Resultate meist derart aufgebauscht, dass die anschließend durch die Medien verbreiteten Botschaften kaum mehr aus der Welt zu schaffen sind. Das alles wird von den Strukturen systematisch begünstigt, geradezu erzeugt. 

Wissenschaft will vor allem Neues herausfinden, nicht Bekanntes wiederholen. Wer in der Wissenschaft etwas werden will, achtet tunlichst darauf, Studien von vornherein daraufhin zu konzipieren, dass sie positive Resultate liefern, weil die Publikationschance für solche Studien weit höher ist als für Studien, die einen unterstellten Zusammenhang nicht nachweisen können oder andere Studien bloß replizieren. Wissenschaft bedeutet vor allem: publizieren, bis der Arzt kommt – publish or perish. Es werden ohne Unterlass Berge von Papier vollgeschrieben, die niemand bewältigen kann. Dieser Anreiz, positive Resultate in möglichst vielen Publikationen zu produzieren, führt aufgrund seiner Eigenlogik zu einer Explosion von schlechten Studien mit falsch-positiven Ergebnissen. 

In ihrem Artikel The natural selection of bad science stellen die Autoren ein Modell vor, in welchem von den genannten Anreizen ausgegangen wird. Labore, die mehr publizieren, „reproduzieren“ sich in der Simulation mit höherer Rate, weil mehr Graduierte aus diesen Laboren neue Labore gründen und so die gelernten Methoden verbreiten. Falsch-positive Resultate sind leichter zu erzielen als echt-positive, werden aber mit gleicher Wahrscheinlichkeit publiziert. Labore, die methodisch nachlässig sind und damit viele falsch-positive Resultate liefern, sind also weit im Vorteil. Irgendwann gibt es keine anderen mehr: „natürliche Selektion schlechter Wissenschaft“.[15] Dies bestätigt wiederum die Ergebnisse von John Ioannidis (Siehe Teil 2).

Je mehr ein Wissenschaftler publiziert, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass er von anderen zitiert wird. Je häufiger er zitiert wird, desto höher sein Rang. Es gilt die Devise: Zitierst du mich, dann zitiere ich dich. Nun ist es aber üblich, dass Institutsleiter oder Lehrstuhlinhaber wenig bis gar nichts mehr selbst verfassen, sondern die Arbeiten ihrer Untergebenen lediglich mit ihrem Namen versehen und damit als Hauptautoren firmieren[16]. Es kann sogar vorkommen, dass Personen für Leistungen oder Entdeckungen mit dem Nobelpreis ausgezeichnet werden, die in Wahrheit ihre Assistenten erbracht oder gemacht haben. 

Der Immunologe Robert A. Good war zum Beispiel ein Meister darin, andere für sich forschen zu lassen und bloß seinen Namen auf deren Paper zu setzen. Er brachte es binnen fünf Jahren auf mehr als 700 wissenschaftliche Publikationen. „Über einen Zeitraum von vierzehn Jahren wurden Arbeiten mit Goods Namen von anderen Wissenschaftlern mehr als 17 600 mal zitiert – und Good dadurch zum meistzitierten Autor der Forschungsgeschichte.“[17] Dabei wusste er in der Regel kaum, was in den Arbeiten stand. Im Wikipedia-Eintrag wird nur ganz am Schluss ein Betrugsfall eines seiner Mitarbeiter erwähnt. In ihrem Buch „Betrug und Täuschung in der Wissenschaft“ berichten William Broad und Nicholas Wade ausführlich darüber. Sie schildern den Frust des Mitarbeiters, der die gesamte Arbeit zum Ruhm seines Vorgesetzten erledigte und dafür keinerlei Würdigung erfuhr. Im Gegenteil. Good setzte ihn immerzu unter Druck und bezeichnete ihn als Versager, weil er keine Arbeiten von Bedeutung liefere.[18] Der Ruf des Mitarbeiters war ruiniert, der seines Chefs blieb weitgehend unangetastet. 

Diese Konstellation dürfte eher die Regel als die Ausnahme sein. „Wenn der Nachwuchswissenschaftler gedrängt wird, Aufsätze zu veröffentlichen, bei denen er als kleines Licht im Sternbild eines erfahrenen Wissenschaftlers erscheint, kann er der Versuchung, es nicht so genau zu nehmen, die Ergebnisse zu schönen oder sogar Daten frei zu erfinden, häufig schwer widerstehen“[19], resümieren Broad und Wade. Es kann sich sogar eine regelrechte Sabotagehaltung herausbilden, vor allem auf der untersten Ebene der „hired hands“, also der wissenschaftlichen Hilfsarbeiter, deren Namen nicht auf den Publikationen erscheinen. Diese verrichten oft sehr anstrengende, konzentrierte Arbeit, bei der es auf Genauigkeit ankommt. Da solche Mitarbeiter nicht offiziell gewürdigt und oft auch nicht gut behandelt werden, kann sich bei ihnen der Eindruck verfestigen, für andere die Drecksarbeit zu machen. Sie geben sich dann „keine Mühe mehr, sorgfältig, genau oder exakt vorzugehen. Sie kürzen ab, um Zeit und Energie zu sparen. Sie fälschen Berichte“, [20] analysierte der Soziologe Julius A. Roth bereits 1966. 

Der ganz normale Wahnsinn

Das wissenschaftliche Milieu selbst erzeugt also das, was offiziell gerne als bloße Anomalie abgetan wird. „In einem solchen Milieu sind Betrug und Fälschung eine immanent angelegte und oft nur allzu konsequente Erscheinung. […] Manche betrügen nur für sich und ihr eigenes Fortkommen im Milieu, andere treibt die existenzielle Abhängigkeit ganzer Arbeitsgruppen vom nächsten Forschungserfolg zur gewissermaßen fürsorglichen Fälschung[21], beschreiben Marco Finetti und Armin Himmelrath die deutschen Verhältnisse. Sie kommen zu dem Schluss, dass „die Orientierung an einer immer kalkulierbareren Förderpraxis zum Sieg des wissenschaftlichen mainstrams über wissenschaftliche Originalität führt und Forscher ihre Kreativität den Antragsbedingungen unterordnen.“[22] Wissenschaftler versuchen vor allem, ihre Geldgeber nicht zu vergrätzen und möglichst weitere Forschung finanziert zu bekommen, um Karriere zu machen. Diese Finanzierung übernehmen immer häufiger Stiftungen von „Philanthrokapitalisten“. Bill Gates will nun einmal das Klima retten und die ganze Menschheit impfen. Forscher, die von seinen Stiftungen finanziert werden (wollen), tun also gut daran, keine Entwarnung zu geben. 

Was ist daran nun so schwer nachzuvollziehen? Man muss wohl schon der Skeptikerbewegung angehören, um dies als absurde Verschwörungstheorie verwerfen zu können. Die beschriebenen strukturellen Defizite sind einschlägig bekannt und keine Neuigkeiten. Sie wurden nicht beseitigt, sondern vergrößern sich von Tag zu Tag. Es ist bemerkenswert, dass sie in einer Skeptikervereinigung nicht im Mittelpunkt des Interesses stehen. Stattdessen werden Liebeserklärungen an die Wissenschaft formuliert und das Loblied des „breiten wissenschaftlichen Konsenses“ gesungen. Dies müsste jedem sauer aufstoßen, der sich etwas intensiver mit der Materie befasst. 

Edgar Wunder berichtet, welchen Methoden und welchem Konsens die „Skeptiker“ tatsächlich verpflichtet sind: „Ich habe innerhalb der GWUP Gremiumssitzungen erlebt, bei denen sich alle Teilnehmer gegenseitig versicherten, dass eine bestimmte Studie ‚Unsinn‘ und ‚widerlegt‘ sei, ohne dass nur ein einziger Teilnehmer jene Studie gelesen hätte, relevante Argumente oder eine ‚Widerlegung‘ hätte anführen können. Sogar entdeckte, teils peinliche nachweisliche Fehler und Falschbehauptungen von einzelnen Mitgliedern werden organisationsintern kaum kritisiert (und schon gar nicht öffentlich!).“ (S. 75ff.)  Diese Methoden sind in der Tat sehr verlässlich, wenn es gilt, die eigene Gruppenmoral, statt der Argumente zu stärken.[23]

Zwischenfazit

Bevor ich im nächsten Teil auf die wissenschaftstheoretische Fundierung der Skeptikerbewegung eingehe, möchte ich schon einmal ein Zwischenfazit formulieren: Vom herrischen Auftreten her erinnert mich die Skeptikerbewegung an den frühen Positivismus von Auguste Comte, der die ganze Welt wissenschaftlich durchorganisieren wollte.[24] Wissenschaft sollte ohne jeden Rest die Sinnstiftungsfunktion und den absoluten Wahrheitsanspruch der Religion übernehmen. Die Skeptikerbewegung scheint auch von Comtes Drei-Stadien-Lehre durchdrungen zu sein, wonach die Menschheit sukzessive zur wissenschaftlichen Weltanschauung heranreife. Mit ähnlichem Gestus vertraten die Logischen Positivisten des Wiener Kreises in den 1930er ihre Auffassung.[25] Der Deutsche Monistenbund, strebte Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts nach einer „neuen, auf naturwissenschaftlicher Grundlage ruhenden einheitlichen Weltanschauung.“ Sie ernannte 1904 Ernst Haeckel zum „Gegenpapst“. Die Skeptikerbewegung wirkt ein wenig so, als wären die damaligen Protagonisten ihren Gräbern entstiegen und würden nun unbeirrt ihr Programm der Weltherrschaft verwirklichen, als wäre unterdessen nichts vorgefallen. Das mutet tatsächlich etwas gruselig an.

Warum nennen sich „Skeptiker“ nicht einfach „Positivisten“ oder „Realisten“? Weil sie dann selbst Objekt der Skepsis sein könnten. Der Kniff besteht darin, die Skepsis zu monopolisieren, um sich gegen jegliche Kritik zu immunisieren. Im vollendeten Doppelsprech können sie dann verkünden: Deine Skepsis befiehlt dir, niemals anzuzweifeln, was wir sagen. Im Lichte der zu Beginn formulierten Vermutung ist diese Strategie nachvollziehbar. Unter falscher Flagge wird ein totalitäres Programm vorangetrieben. 


[1] Vgl. Paul Feyerabend, Wider den Methodenzwang, 3. Aufl., Frankfurt am Main 1991, S. 57. 

[2] Vgl. Stefan Kühl, Die Internationale der Rassisten, 2. Aufl., Frankfurt am Main/New York 2014.

[3] Vgl. Peter Weingart, Jürgen Kroll, Kurt Bayertz, Rasse, Blut und Gene, Frankfurt am Main 1992. Vgl. auch mein Beitrag Ich vertraue den Experten bei Novo-Argumente online.

[4] Vgl. Drieu Godefridi, The Green Reich, Lovain-la-Neuve 2019.

[5] Vgl. Pierre Duhem, Ziel und Struktur der physikalischen Theorien, Hamburg 1998. Vgl. Larry Laudans Aufsatz The Demise of the Demarcation Problem (S. 116). 

[6] Vgl. Feyerabend, Wider den Methodenzwang, passim.

[7] Vgl. Karin Knorr-Cetina, Die Fabrikation von Erkenntnis, 4. Aufl., Frankfurt am Main 2016.

[8] Vgl. Ebd., S. 90 f.

[9] Vgl. Thomas S. Kuhn, Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, 13. Aufl., Frankfurt am Main 1996. Der kumulative Fortschritt der (Natur-)Wissenschaft besteht laut Peter Janich im steten Zuwachs des technischen Handlungswissens, der besseren Messtechnik und Experimentierkunst. Vgl. Peter Janich, Kleine Philosophie der Naturwissenschaften, München 1997, S. 191. Das sollte aber meiner Meinung nach nicht als Zuwachs an „objektiver Wahrheit“ oder „Wirklichkeit“ gedeutet werden. Vgl. Knorr-Cetina, Fabrikation von Erkenntnis, S. 21f.

[10] Knorr-Cetina, Fabrikation von Erkenntnis, S. 32.

[11] Vgl. Ebd., S.29f.

[12] Vgl. Stuart Richie, Science Fictions, New York 2020.

[13] Vgl. Ebd., S. 5.

[14] Vgl. Ebd., Kap. 6.

[15] Vgl. Richie, Science Fictions, S. 195f.

[16] Schon zu den Zeiten, als mein Vater (1925–1975) als Physiker und Mathematiker an der RTWH Aachen und Uni Bochum arbeitete, war dies üblich. Ein persönlicher Bekannter – ein hochbegabter Physiker – studierte und promovierte in Japan. Bis er 2009 endlich seinen Doktor erhielt, musste ein Jahr länger als geplant in Japan bleiben, weil ihn der Lehrstuhlinhaber und Doktorvater schlicht erpresste, immer noch mehr für ihn zu arbeiten. 

[17] William Broad/Nicholas Wade, Betrug und Täuschung in der Wissenschaft, Basel, Boston, Stuttgart 1984, S. 180.

[18] Vgl. Ebd., S. 184.

[19] Ebd., S. 177.

[20] Zit. nach Broad/Wade, ebd. Vgl. dazu Roths Studie Hired Hands Research.

[21] Marco Finetti/Armin Himmelrath, Der Sündenfall, Berlin 2012, S. 142.

[22] Ebd., S. 148.

[23] Ich halte Wunders Bericht deshalb für glaubwürdig, weil sich das beschriebene Verhalten genau mit dem öffentlichen Auftreten von „Skeptikern“ deckt. Es deckt sich auch mit meinen persönlichen Erfahrungen mit Personen aus dem Umfeld der GWUP. 

[24] Vgl. Auguste Comte, Katechismus der positiven Religion, Leipzig 1891. Vgl. dazu Wolf Lepenies, Auguste Comte, München 2010.

[25] Vgl. Das Manifest Wissenschaftliche Weltauffassung – der Wiener Kreis aus dem Jahr 1929.

Skeptiker in Bewegung 3

Liebeserklärungen und Verklärungen

Der Konsens ist für die Skeptikerbewegung eindeutig wichtiger als die Skepsis. Es wird zwar behauptet, ein Konsens herrsche erst, nachdem Theorien das Stahlbad unbarmherziger Fachkritik durch Kollegen überstanden hätten. Doch das muss man den Wissenschaftlern und ihren unkritischen Bewunderern einfach glauben. Bezweifelt man es, hat man eben „keine Ahnung, wie Wissenschaft funktioniert.“ Viel berechtigter wäre aber die Frage, ob Wissenschaftsenthusiasten nicht eine rosarote Brille tragen.

Das erwähnte Buch von Florian Aigner ist zum Beispiel laut Untertitel eine „Liebeserklärung an die Wissenschaft“[1]. Der Ausdruck Liebeserklärung bezieht sich exklusiv auf romantische Liebe, nicht auf andere Formen. Wie unvoreingenommen mag jemand gegenüber dem Objekt seiner Verliebtheit sein? Wer es für nahezu makellos und wunderschön hält, reagiert auf Kritik entsprechend empfindlich. Der Button des Covers signalisiert, dass es allen schlecht ergehen wird, die am Liebesobjekt etwas auszusetzen haben: „100 % frei von Unsinn, Aberglauben und Fake News“. Auf Amazon wird das Buch als „Rüstzeug“ gegen „Pseudolehren und Fake News“ beworben. Zielgruppe sind alle, die sich without a cause und without a clue für „aufgeklärt-rational“ halten, aber ohne Anweisung von oben nicht einmal die einfachsten Argumente für ihre Haltung finden können.

Wer derart gerüstet ist, versteht selbstverständlich keinen Spaß. „Wenn wir heute über Ideen lachen, die vor zweihundert Jahren als wissenschaftliche Wahrheit galten, wird man dann nicht in weiteren zweihundert Jahren über die angeblichen Wahrheiten von heute lachen? Nein, das wird man nicht,“[2] ist sich Aigner sicher. Er tritt so selbstsicher auf, weil ihn in 200 Jahren niemand zur Rechenschaft ziehen wird. Wer sich schon kaum vorstellen kann, dass ganze Wissenschaftsbereiche korrumpiert sein oder Pharmariesen ihre Studien frisieren könnten, dürfte kaum der Lage sein zu imaginieren, dass spätere Generationen heutige Wissenschaft in beträchtlichem Umfang als illusionäre Pseudowissenschaft ansehen. 

Mir steht indes schon heute das mögliche Entsetzen ferner Generationen über unsere „wissenschaftlichen Wahrheiten“ plastisch vor Augen. Ich halte es auch nicht für ausgeschlossen, dass unser „wissenschaftliches Weltbild“ in ferner Zukunft einmal als bösartige Variante kollektiven Selbstbetrugs eingestuft wird. Im Moment wird jedenfalls hart daran gearbeitet, diesen Eindruck zu hinterlassen. Es spielt keine Rolle, für wie wahrscheinlich man solche Szenarien hält. Wichtig ist die Haltung. Wer so etwas kategorisch ausschließt, legt einen Hochmut an den Tag, welcher in der Gegenwart zwar vor dem sozialen Aufstieg stehen mag, aber in der Nachwelt zum tiefen Fall führen könnte.

Die Pointe besteht gerade darin, dass man sich vieles, was möglich ist, heute in keiner Weise konkret vorstellen kann. Nicht auszuschließen, dass in 200 Jahren über den „wissenschaftlichen Konsens“ so gelacht wird wie über diverse Kapriolen der fernen Vergangenheit, ist rationaler und humaner, als heute alle Menschen erbittert zu bekämpfen, die den „Stand der Wissenschaft ignorieren“. Die Geschichte der Wissenschaft ist voll von Dr. Aigners, Dr. Schmids, Dr. Mukerijs oder Dr. Burschners (siehe Teil 2), die mit dem Forschungsstand auf Stelzen laufen, aber aus der Rückschau bestenfalls noch milde belächelt werden, sofern sie nicht – was höchst wahrscheinlich ist – vollständig vergessen sind. 

The Wild Bunch – die Scientific Community

Warum dem so ist, kann gut mit der „transienten Unterbestimmtheit“ erklärt werden. Ich zitiere mich selbst: „Zu jeder Theorie sind zu jedem Zeitpunkt eine unbestimmte Anzahl radikal widerstreitender Theorien denkbar, die genauso gut oder besser zu den verfügbaren empirischen Daten passen. Sie ‚existieren‘ als konkrete Möglichkeit schon zu diesem Zeitpunkt. Wissenschaftler ziehen jedoch zum Zeitpunkt x stets nur eine sehr kleine Anzahl möglicher Theorien in Betracht. Da sich die Wissenschaftler bis heute in diesem Belang nicht geändert haben, kann durchaus bezweifelt werden, dass der heutige Stand der Wissenschaft dem damaligen bezüglich seiner Wahrheitsnähe oder Objektivität ontisch überlegen ist. 

Auch engere Vernetzung und größere Anzahl der beteiligten Wissenschaftler ändern an dem Befund nichts. Egal wie groß und vernetzt die Community auch sein mag – sie ist nicht in der Lage, den Umfang möglicher und bestens bestätigbarer Alternativen zu erfassen. Die Pointe dieser Variante der Unterbestimmtheitsthese ist, dass sie nicht direkt auf Theorien, sondern auf Personen zielt. Die Unterbestimmtheit resultiert aus einer konstitutionellen Beschränktheit von Wissenschaftlern. Liebeserklärungen, mit denen Wissenschaftler ihr Tun emotional erhöhen, dürfen diese Beschränktheit eher fördern.“[3] Auch Gruppendruck macht beschränkt.

„Skeptiker“ können nichts mit dem Gedanken anfangen, dass die Scientific Community in gravierendem Ausmaß auf dem falschen Dampfer sein, systematischen Bestätigungsfehlern unterliegen und massenpsychotischen Erscheinungen erliegen könnte. Sie sind nicht bereit, auch nur zu erwägen, dass das Netz an verlässlichem Wissen zwar eng geknüpft sein mag, aber trotzdem einem selbstreferenziellen System gleichen könnte, in welchem Personen sich sogar über Generationen hinweg gegenseitig vor allem darin bestätigen, einen privilegierten Zugang zur Wahrheit zu haben, um daraus Herrschaftsansprüche abzuleiten. Niemand darf auf den Gedanken kommen, dass die Scientific Community nichts anderes oder besseres sein könnte als eine Kaste von Priestern.

Gerade die enge globale Vernetzung und interdisziplinäre Verbindung; die starke institutionelle Einbindung und Abhängigkeit der modernen Wissenschaftler könnte diese besonders anfällig für Gruppendynamik und Gruppenmoral machen, was wiederum kollektive Voreingenommenheit begünstigt. Zudem befinden sich heute fast alle Menschen in derselben medialen Matrix. Unabhängige Individualisten, die bis Mitte des 19. Jahrhunderts die Wissenschaft prägten, hätten im professionalisierten, bürokratisierten und ökonomisierten Betrieb von heute nichts mehr verloren. Dies wiederum ist auch als Schwäche des wissenschaftlichen Komplexes interpretierbar.

Einem Fundamentalkritiker und Exzentriker wie Paul Feyerabend wurden damals aufgrund seiner schieren Brillanz die besten Professuren hinterhergetragen; er machte mehr oder weniger, was er wollte, und fand an der ETH Zürich schließlich sein Paradies: maximales Gehalt, minimale Lehrverpflichtung.[4] Heute hätte er im akademischen Betrieb nicht mehr die geringste Chance; er würde von Wokeness und Political Correctness in Stücke gerissen werden. Bis vor kurzem wurde solchen Persönlichkeiten bescheinigt, wertvolle „Querdenker“ zu sein, die „wider den Stachel löcken“. Es wurde ihnen eine wichtige korrigierende Funktion zugesprochen. Heute ist „Querdenker“ das Schimpfwort schlechthin, „Korrektiv“ wird mit zwei Cs geschrieben und ist der Name einer Orwellschen Wahrheitsagentur. 

Dogmen und Bulldoggen

Auf Grundlage eines nicht hinterfragten allgemeinen Kenntnisstandes, also eines Dogmas, mag man beherzt über Einzelfragen streiten und dies als „organisierten Zweifel“, „Selbstkritik“, „Peer Review“[5] bezeichnen. Innerhalb dieses Rahmens kann sich die „Skepsis“ als Drang austoben, Kollegen aus dem Feld zu schlagen. Um christliche Dogmen wurde im Vierten Jahrhundert auf derart hohem Niveau gestritten, dass moderne Wissenschaftler dagegen oft wie Kretins wirken.[6] Das war auch eine Art „Peer Review“, oft leider mit tödlichem Ausgang für diejenigen, die sich in der Minderheit befanden und daher als Häretiker galten. Die Wissenschaft ist gerade dabei, diese Tradition wieder einzuführen. Zum sozialen Tod werden schon jetzt viele verurteilt, die nicht der herrschenden Meinung, dem „breiten wissenschaftlichen Konsens“ folgen. Die Frage, was denn so überwältigend an diesem Konsens sei – die Argumente oder der soziale Druck – taucht im Universum der „Skeptiker“ nicht auf. Wer solchen Fragen stellt, erweist sich für sie bereits damit als Verschwörungstheoretiker.

Die interne Konkurrenz ist im wissenschaftlichen Betrieb groß, „und da in der akademischen Politik Macht und Einfluß die einzige frei konvertierbare Währung bilden, dürfte der Wettkampf um sie […] sogar noch schärfer sein als draußen.“[7] Man könnte auf die Idee kommen, dass der egoistische Geltungsdrang aller Beteiligten, deren starke Neigung zu Animosität und Intrige, sich als unerbittliche Kritik aneinander äußere und damit der „Wahrheitsfindung“ insgesamt dienlich sei. Wie in Bernard Mandevilles Bienenfabel erschienen dann die privaten „Laster“ der Wissenschaftler als kollektiver Vorteil. Doch wie in der Wirtschaft kommt es auch hier zu Monopolen und oligarchischen, quasi feudalen Strukturen. In internen Auseinandersetzungen wird zu allen denkbaren unlauteren Mitteln gegriffen, sodass mitunter weniger „Wahrheit“ produziert, als Macht perpetuiert wird.

Aufgrund der genannten Faktoren dürfte Mobbing im wissenschaftlichen Sektor nicht seltener vorkommen als woanders, wahrscheinlich häufiger. Ein Beispiel wäre die Geschichte der Hypothese, dass Alzheimer durch Ablagerungen von Beta-Amyloid in der grauen Hirnsubstanz („Plaques“) verursacht werde. Solche Ablagerungen kommen bei Alzheimer in großer Dichte im Hirn vor. Es konnte jedoch letztlich kein kausaler Zusammenhang nachgewiesen werden. Die Reduktion des Amyloids hatte keinerlei positiven Effekt.[8] Wie ein ausführlicher Bericht darlegt, waren Wissenschaftler, die die „Amyloid“-Hypothese anzweifelten, heftigem Mobbing von mächtigen, sehr angesehenen Professoren ausgesetzt, die konzertiert handelten, indem sie bösartige Peer Reviews verfassten bzw. verfassen ließen und alle Versuche der missliebigen Kollegen vereitelten, Gelder für ihre Forschungen zu bekommen.

In diesem Fall war nicht einmal politischer Druck oder ideologische Verblendung im Spiel. Das Ganze beruhte nur auf kollektiver Voreingenommenheit, Platzhirschgebaren, Ehrgeiz und dergleichen. Wenn nun Politik und Weltanschauung mit ins Spiel kommen, wird die Neigung zu solchem Verhalten wohl kaum gemindert, sondern eher verstärkt.

Im nächsten Teil geht es um die Frage, ob es legitim ist, dieses Verhalten als bloße Anomalie zu bezeichnen, welche den rationalen Kern des wissenschaftlichen Unternehmens nicht berührt. Spoiler in einem Wort: nein.


[1] Diesen Titel mag sich der Verlag, nicht der Autor ausgedacht haben. Tatsächlich trifft er den Inhalt sehr gut.

[2] Aigner, Die Schwerkraft ist kein Bauchgefühl, Berlin 2020, Kap. „Widerlegt – na und?“.

[3] Vgl. Lawrence Sklar, „Methodological Conservatism “, in: Philosophical Review, Vol. 84 (3), 1975, S. 384–400. Vgl. Stanford, Exceeding our Grasp, Kap. 1.3. Vgl. Bas van Fraassen, The Scientific Image, Oxford 1980, S. 59–64. Stanford belegt die transiente Unterbestimmtheit am Beispiel wissenschaftlich etablierter Theorien.

[4] Vgl. Paul Feyerabend, Zeitverschwendung, Frankfurt am Main 1997, Kap. 13.

[5] Zum Peer Review, also einem Verfahren interner Qualitätskontrolle bei wissenschaftlichen Zeitschriften, siehe diese ausführliche Kritik von Heike Diefenbach.

[6] Vgl. zum Beispiel Adolf von Harnack, Lehrbuch der Dogmengeschichte, 3. Bände, 4. Aufl., Freiburg 1909/1910.

[7] Stephen Toulmin, Kritik der kollektiven Vernunft, Frankfurt am Main 1983, S. 313.

[8] Vgl. Stuart Richie, Science Fictions, New York 2020, S. 114f.

Skeptiker in Bewegung 2

Wissenschaftlicher Skeptizismus?

Die Skeptikerbewegung reklamiert einen „modernen“, „wissenschaftlichen Skeptizismus“ für sich, der darin besteht, genau das Gegenteil dessen zu vertreten, was den in Teil 1 skizzierten Skeptizismus ausmacht. „Wissenschaft und rational-kritisches Denken sind die einzigen verlässlichen Methoden, mit denen wir unsere Welt objektiv und nachprüfbar erforschen und verständlich erklären können“, verkündet die GWUP auf ihrer Website. Sie behauptet, mit verlässlichen Methoden den sicheren Boden der Objektivität gewonnen zu haben, fühlt sich dem wissenschaftlichen Realismus verpflichtet und entzieht das, was sie für Wissenschaft hält, per definitionem jeglicher Skepsis. 

Vom gleichrangigen Objekt derselben mutiert Wissenschaft zu ihrem erhabenen Subjekt und wird damit zum Richter über alle etwaige Konkurrenz. „Wissenschaftlicher Skeptizismus“ bedeutet im Klartext, den eigenen Standpunkt, die eigenen Methoden absolut zu setzen und Skepsis nur noch gegenüber anderen zuzulassen. Es liegt auf der Hand, dass nichts und niemand gegen ihn gewinnen kann. Was ihm nicht hinreichend gleicht, gilt als Parawissenschaft, Pseudowissenschaft, Aberglaube, Verschwörungstheorie – gar als „Pseudoskepsis“ – und wird moralisch verurteilt, weil es „der Gesellschaft schadet“. Nahezu alles, was in Teil 1 als Skeptizismus beschrieben wurde, müsste folgerichtig unter das Verdikt der „Pseudoskepsis“ fallen, namentlich der wissenschaftliche Antirealismus. Letzterer ist jedoch eine starke wissenschaftstheoretische Position und echte Herausforderung für den Realismus. Man kann ihn nicht einfach beiseiteschieben – schon gar nicht als Skeptiker.

Obige Definition des „wissenschaftlichen Skeptizismus“ ist selbstreferenziell und zirkulär. Denn die Voraussetzung, besagte Methoden als verlässlich anzuerkennen, ist es, sie als verlässlich anzuerkennen. Wie wird aber deren Verlässlichkeit geprüft? Mit den Methoden. Wer praktiziert diese Methoden? Die Wissenschaftler. Wer überprüft sie? Die Wissenschaftler. Es ist also nicht überraschend, dass diese in ihrem eigenen System stets als rational beste aller möglichen Menschen erscheinen. 

Im Netz gefangen

Der „wissenschaftliche Skeptizismus“ kann in keinerlei Hinsicht mit Skeptizismus, aber in jeder Hinsicht mit seinem Gegenteil in Verbindung gebracht werden. Bei Wikipedia heißt es: „Pseudoskepsis […] ist eine philosophische oder wissenschaftliche Position, die anscheinend Skepsis oder wissenschaftliche Skepsis ist, in Wirklichkeit aber nicht.“[1] Dies trifft exakt auf die Skeptikerbewegung zu. Sascha Lobo, der von GWUP-Autor Bernd Harder begeistert zitiert wird, liefert eine unfreiwillige Selbstbeschreibung, wenn er anmerkt, dass Pseudoskepsis an allem zweifele, außer an sich selbst.[2]

Dazu passt, dass die GWUP gebetsmühlenartig den „wissenschaftlichen Konsens“ und den „Stand der Forschung“ bemüht. Bloße Intersubjektivität – der Konsens von Personen – wird rhetorisch mit Objektivität ineins gesetzt, obwohl beides logisch nichts miteinander zu tun hat. Man braucht nur wahllos auf der Website zu suchen – überall stößt man auf gleichlautende Formulierungen, so zum Beispiel bei den Referenten der Konferenz Skepkon 2021. Ein ganzer Themenblock befasst sich dort mit „Wissenschaftsleugnung“ und „Wissenschaftsskepsis“. Die Ironie, dass letztere in einer Skeptikerbewegung eigentlich begrüßt werden müsste, fällt dort niemandem mehr auf.

„Effektive Strategien im Umgang mit Wissenschaftsleugnern – Eine psychologische Perspektive. Impfungen sind sicher und effektiv. Menschen verursachen globale Erderwärmung. Die Evolutionstheorie erklärt die Vielfältigkeit von Lebensformen. Keiner [sic] dieser Fakten ist in wissenschaftlichen Fachkreisen umstritten. Dennoch zweifeln Wissenschaftsleugner den Wahrheitsgehalt dieser Erkenntnisse öffentlich an“. Dr. Philipp Schmid

„Die Ethik des Klimawandels – ein skeptischer Blick. Die Wissenschaft des Klimawandels ist extrem kompliziert. Deswegen würde kaum ein Laie ernsthaft behaupten, sie verstehen zu können. Dennoch kann sich jeder sicher sein, dass der menschengemachte Klimawandel real ist. Schließlich gibt es einen überwältigenden Konsens in der Expertengemeinschaft.“ Dr. Nikil Mukerji

„Astronomisch angehauchte Klimamärchen. […] Auch wenn es an der Umsetzung des internationalen Pariser Klimaabkommens in den meisten Ländern noch hakt, so ist der breite wissenschaftliche, politische und gesellschaftliche Konsens, dass der Mensch für die globale Erwärmung in den letzten 100 Jahren hauptverantwortlich ist und daher auch ihre Bekämpfung bewältigen muss. Wie so oft hindert die wissenschaftlich unzweideutige Studienlage einige wenige aber nicht daran, falsche Fakten und Lügenmärchen zu erzählen.“[3] Dr. Leonard Burtschner

Welch ein Frevel, möchte man kommentieren, da zweifeln Menschen die Mehrheitsmeinung an! Die zitierten Formulierungen wirken geradezu infantil, vor allem die des Psychologen und des Philosophen. Das Unangenehme ist aber, dass es sich hier um Erwachsene handelt, die andere Menschen dazu zwingen wollen, zu denken und zu tun, was sie für wahr und richtig halten. Aus der Kompliziertheit einer Materie wird unmittelbar geschlossen, dass Laien aufgrund des überwältigenden Konsenses einer „Expertengemeinschaft“ sicher sein können, dass Phänomen x „real“ sei. Realität ist aber ein weites Feld. Dort hat sich schon mancher verirrt.

Gemeint ist, dass Laien sicher sein müssen, wenn sie nicht von der Skeptikerbewegung oder anderen Wahrheitsbesitzern erkennungsdienstlich verfolgt und behandelt werden wollen. Man könnte aber aufgrund der Komplexität (nicht „Kompliziertheit“) einer Materie auch zu dem Schluss kommen, dass überwältigende Übereinstimmungen von Experten eher unwahrscheinlich sind, wenn alles mit rechten Dingen zugeht, also kein Gruppendruck herrscht. Zustimmungsraten, die höher sind als Ergebnisse von DDR-Wahlen, sollten bei einem derart komplexen System misstrauisch machen. Es sollte doch wenigstens ein Gegenmodell geben, das nicht in Bausch und Bogen verworfen wird.

Gemäß der Wissenschaftstheorie von Imre Lakatos darf ein einziges Forschungsprogramm niemals alle alternativen Forschungsprogramme vollständig verdrängen, da letzteren andere Paradigmata zugrundeliegen, die ausgearbeitet sein müssen, um sofort an die Stelle des herrschenden Paradigmas treten zu können, sobald dieses nicht mehr trägt. Das gilt laut Lakatos selbst für alternative Ansätze, die vorerst falsifiziert worden sind. Es gibt also nicht den geringsten Grund, Wissenschaftskollegen als „Märchenerzähler“ zu diskreditieren, selbst wenn diese auf der falschen Fährte sein sollten. Denn – ob es Dr. Burschner glaubt oder nicht – der „breite Konsens“ könnte sehr wohl auf fundamentalem Irrtum beruhen.

Für den Physiker und GWUP-Mitglied Florian Aigner ist so etwas gänzlich ausgeschlossen[4]: Wissenschaft als solche sei ein Netz verlässlicher Informationen und Methoden, das im Laufe der Geschichte immer enger geknüpft und robuster geworden sei. In diesem Netzwerk sei wenig Platz für korrumpierte oder verblendete Gedanken. Der Mechanismus der Selbstkorrektur sei so wirksam, die Schwarmintelligenz so ausgeprägt, dass Manipulation, Betrug, systematischer Irrtum immer nur vorübergehend und unbedeutend sein können. Aufgrund dieser robusten Netzstruktur mit „unendlich vielen Knoten“ sei es für Laien die rationalste Option, zu glauben, was eine Mehrheit von Experten und Fachwissenschaftlern sage, und ihren Empfehlungen zu folgen.[5] Die Netzstruktur der Wissenschaft scheint zu erzwingen, Experten ins Nirwana des No Covid oder Zero Carbon zu folgen.

Der Verweis auf dicht geknüpfte Netze, die kein Laie durchschaut, hat zur Folge, dass die eigene Zunft faktisch als unfehlbar gilt. Laien haben hier außer ihrer Gefolgschaft nichts Legitimes beizutragen. Die Kontrolle und Selbstkorrektur übernehmen die Fachleute selbst. Was deren Mehrheit verkündet, ist Gesetz. Alle anderen müssen ihnen einfach glauben, sonst werden sie mit der Diagnose Dunning-Kruger zu Aluhutträgern und Schwurblern erklärt. Diese Diagnose gilt dann auch für alle Wissenschaftler mit abweichender Meinung. Dabei hatte einer der bedeutendsten Wissenschaftler der Welt, John Ioannidis, bereits 2005 dargelegt, dass fast alle in wissenschaftlichen Zeitschriften publizierten Resultate falsch sind. Da er aber die Panikmache rund um Covid nicht mitmacht, gilt er heute selbst als Schwurbler und muss sich von Ikonen der Skeptikerbewegung über seine Pseudoskepsis aufklären lassen. So schnell geht das.

Im nächsten Teil wird erörtert, wie der wissenschaftliche Konsens aus skeptischer Perspektive beurteilt werden müsste. Spoiler in einem Wort: skeptischer.


[1] Gemeint ist hier „scheinbar“, nicht „anscheinend“.

[2] Lobo erwähnt Descartes und Popper, weiß aber ersichtlich nicht, wovon er schreibt. Ausgerechnet er und die GWUP wollen eine „neue Aufklärung“ ins Werk setzen, die darin besteht, im Zeitalter digitaler Vernetzung „falsche Skepsis von der richtigen zu unterscheiden“. Der Artikel ist aus dem Jahr 2015. Die Utopie Lobos ist für alle eigenständig Denkenden eine Dystopie, die sich inzwischen leider verwirklicht hat. Unter „Aufklärung“ versteht Lobo mit den Skeptikern ungefähr das, was der Legionär Taubenus in „Asterix der Gallier“ unter „psychologischer Kriegsführung“ versteht: alle „Feinde“ mit grober Keule niederstrecken. 

[3] Mit den „astronomischen Klimamärchen“ ist hier die Forschung von Henrik Svensmark, Nir Shaviv und Ján Veizer gemeint – drei Wissenschaftler, die Achtung verdient haben, ganz unabhängig davon, ob sie richtig liegen. Zum Thema settled climate science vgl. Steve E. Koonin, Unsettled?, Dallas 2021. Vgl. auch Fritz Vahrenholt/Sebastian Lüning, Unerwünschte Wahrheiten, München 2020.

[4] Vgl. Florian Aigner, Wissenschaft ist kein Bauchgefühl, Wien 2020.

[5] Eine originär skeptische Gegenposition hingegen vertritt zum Beispiel Nobelpreisträger Richard Feynman, der Naturwissenschaft als „Glauben an das Nichtwissen von Experten“ definiert.