The absence of thinking

To prove or not to prove …

Der Twitterer Argo Nerd leistet verdienstvolle Arbeit. Er zitiert per Screenshot öffentliche Aussagen von Personen und stellt diesen widersprechende Aussagen derselben Personen gegenüber:

Leider hat Frau Berndt insofern recht, als Wissenschaftler tatsächlich so etwas Törichtes sagen. In dieser Arbeit zur Wirkung von Atemschutzmasken behaupten die Autoren zum Beispiel:

However, there is an essential distinction between absence of evidence and evidence of absence. 

Worin diese essential distinction bestehen soll, erläutern sie jedoch nicht. Das verwundert auch wenig, denn es gibt nicht einmal eine unessential distinction, sondern lediglich eine essential tautology. Fehlen nämlich die Beweise, sind sie offenkundig nicht da.

Gemeint ist wohl: Beweise, die zum Zeitpunkt x fehlen, könnten zum späteren Zeitpunkt y vorliegen. Es gilt aber auch umgekehrt: Liegen zum Zeitpunkt x Beweise vor, könnten sie zum späteren Zeitpunkt y nicht mehr vorliegen. Frau Berndt müsste also folgendem Satz zustimmen: The presence of evidence ist not the evidence of presence. Wenn Ihnen das absurd vorkommt, liegen Sie richtig. Es ist aber kein Gran absurder als die ursprüngliche Fassung von Frau Berndt.

Though this be madness, yet there is method in’t

Bullshit proven. Case closed? Leider nicht. Der Zweck solcher Sophismen ist es nämlich, über den nackten Tatbestand hinwegzuschwurbeln, dass im konkreten Fall die postulierten Schlussfolgerungen nicht begründet werden können. Man will sich auf diese Weise der Beweislast entledigen. In der Wissenschaftspraxis haben Studien mit negativen Resultaten generell schlechte Chancen, publiziert zu werden. Wissenschaftler müssen jedoch auf Teufel komm heraus publizieren, weil ihre Reputation davon abhängt, wie viel sie publizieren und wie oft sie zitiert werden. Im Fall der Nichtpharmazeutischen Interventionen gegen Corona kommt erschwerend hinzu, dass ein immenser polititscher Druck herrscht, die Wirkung derselben zu erweisen. Will man weitere Forschungsaufträge erhalten, vermeidet man es tunlichst, seine Geldgeber mit negativen Resultaten zu verstimmen.

Aus diesem Grund braucht man in wissenschaftlichen Studien auch nur die Kapitel über Methoden und Resultate zu lesen sowie – wenn vorhanden – die Anhänge. In letzteren findet man oft die wirklichen Ergebnisse, welche mit dem, was im Abstract steht, häufig gar nichts zu tun haben. Schon in der normalen Wissenschaftspraxis werden minimale Effekte oder sogar Nulleffekte gewohnheitsmäßig via Abstract und Pressemitteilung zu bedeutsamen Effekten hochstilisiert. Dieser ganz gewöhnliche Hype wird in Zeiten starken politischen Drucks überdimensional vergrößert.

Da sich harte Evidenz partout nicht einstellen will, vertraut man einfach auf die Dummheit der (Wissenschafts-)Journalisten und ihrer ebenso hochmütigen wie grundstupiden Nachplapperer. Sie nehmen obiges Geschwurbel für bare Münze und tragen es mit Verve in die Welt hinaus – genauso, wie sie am Beginn der „Pandemie“ andere über exponentielles Wachstum „aufgeklärt“ haben.

Ich habe ad nauseam dargelegt, dass die Begründungslast allein beim Behauptenden und nicht beim Bestreitenden liegt. In der Statistik konkretisiert sich das folgendermaßen: Es wird eine Alternativhypothese formuliert (z.B. „Masken wirken“) und an der korrespondierenen Nullhypothese („Masken wirken nicht“) getestet. Hat erstere keine höhere Evidenz, gilt weiter die Nullhypothese. Der vermutete Zusammenhang kann dann nicht bewiesen werden. Selbstverständlich darf dies auch anders ausgedrückt werden, indem man zum Beispiel sagt: The absence of evidence is proven.

Man sollte das Denken den Pferden überlassen

Die beiden Zitate von Christine Berndt sind nur ein Beispiel für das unterirdische geistige Niveau, mit dem seit über zwei Jahren strengste Grundrechtseinschränkungen gerechtfertigt und schlimmste Verwerfungen verursacht werden. Es ist aber nicht von heute auf morgen unter Null gesunken. Das Grundübel besteht darin, dass auch bei formal Gebildeten kaum Wert auf logisches Denken gelegt wird, sondern vor allem auf Haltung. Logische Widersprüche tun ihnen einfach nicht weh. Dann aber ist Sprache nichts anderes als bloßer Naturlaut. Menschen wären tatsächlich nur Tiere unter Tieren. Assoziativ „denken“ können nämlich sogar die Mollusken.

Bereits vor fünfzig Jahren schrieben Wilhelm Kamlah und Paul Lorenzen:

Woran es heute fehlt, ist […] die Disziplin des Denkens und Redens […]. Die Disziplinlosigkeit des monologischen Drauflosschreibens und Aneinandervorbeischreibens in fast allen Bereichen […] ist erschreckend, obwohl gerade dies von den Betroffenen meist gar nicht bemerkt wird, weil es Maßstäbe und Regeln des disziplinierten Dialogs nicht gibt.*

Da es solche Regeln nicht gibt bzw. diese nicht bekannt sind, können sich die Leute öffentlich um Kopf und Kragen reden, ohne dass sie befürchten müssen, dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. Die Homöopathie wird verdammt, weil ihre Wirkung nicht mit hoher Evidenz bewiesen werden kann und weil sie den Menschen „schadet“. Zugleich glaubt man an die Wirkung von Lockdowns, Masken- und Impfzwang so fest wie die Azteken an die Wirkung ihrer Menschenopfer. Würde Frau Berndt sich bei den Azteken über diese Praxis beklagen, könnten diese gelassen antworten:

However, the abesence of evidence is not evidence of absence.

Frau Berndt bliebe dann nur, ihnen viel Erfolg, guten Appetit oder dergleichen zu wünschen und sich womöglich als Nachspeise zur Verfügung zu stellen. Kritisieren dürfte sie daran jedenfalls aus rationaler Perspektive nichts.

Fazit

Ich halte es für ein großes Problem, dass auch Kritiker restriktiver Maßnahmen ihrerseits kaum Wert aufs Denken legen. Es reicht aber nun einmal nicht, auf Widersprüche wie den oben gezeigten nur hinzuweisen. Man müsste Befürworter generell und systematisch auf ihre argumentativen Dilemmata festnageln (wie das geht, habe ich hier ausführlich erläutert). Stattdessen werden lange Debatten zum Beispiel darüber geführt, ob Homöopathie und Maßnahmen nun „wirklich“ wirken oder nicht. Da immanente Kritik bloße Standpunktkritik übertrumpft, sollte man allenfalls dann über die „wirkliche Wirklichkeit“ diskutieren, wenn bezüglich Konsistenz und Kohärenz nichts auszusetzen ist. Letzteres kommt jedoch sehr selten vor, schon gar nicht bei den Befürwortern der Nichtpharmazeutischen Interventionen gegen Corona.

Aber ich wiederhole mich. Wer es bis jetzt nicht begriffen hat, wird es nie begreifen.

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* Kamlah/Lorenzen, Logische Propädeutik, 3. Aufl., Stuttgart, Weimar 1972, Einleitung