Naturalistischer Fehlschluss?

In Diskussionen über Fleischkonsum und Nutztierhaltung ergreifen oft Personen das Wort, die versuchen, andere mit »philosophischem« Vokabular einzuschüchtern. Eines der beliebtesten Einschüchterungsmittel ist es, zu behaupten, dass jemand, der sich in moralischen Belangen auf Natur berufe, einen »naturalistischen Fehlschluss« begehe. Wenn man nicht weiß, was das ist, steht man erst einmal da wie der Ochs vorm Berge. Dritte bekommen den Eindruck, dass jene »Philosophen« geistig-moralisch überlegen sind.

Erklärung

Sein-Sollen-Fehlschluss
Wenn wir uns mit anderen Menschen auseinandersetzen, um sie von etwas zu überzeugen oder etwas von ihnen zu fordern, argumentieren wir immer verkürzt. Wir legen nicht fein säuberlich jede Annahme offen, von der wir ausgehen, sondern setzen je nach Zusammenhang viele Annahmen als bekannt oder unstrittig voraus. In der Argumentationslehre nennt man diese Vorgehensweise »enthymemisch«. Wir sagen zum Beispiel: »In Afrika herrscht eine Hungersnot. Also sollen wir den Menschen dort mit Nahrungsmittellieferungen helfen.« Es gibt hier einen Tatbestand »Menschen in Afrika hungern« und eine moralische Forderung »Wir sollen ihnen helfen«. Inwiefern folgt aber das eine aus dem anderen? Antwort: gar nicht. Es fehlt die Brücke in Gestalt einer weiteren moralischen Forderung im Bereich der zugrundeliegenden Annahmen(Prämissen). Diese weitere moralische Forderung sprechen wir nicht aus, weil wir sie für selbstverständlich halten. Dass man Menschen in Not helfen sollte, gilt allgemein als unstrittig. Und dass Hunger eine Form der Not sei, ist eine weitere unausgesprochene Annahme.

Die Form des Arguments ist folgende:

Prämisse 1 (Obersatz): Hunger ist eine Form der Not.
Prämisse 2 (Untersatz): Menschen in Afrika hungern.
Schlussfolgerung (Konklusion): Hungernde Menschen in Afrika sind in Not.

Bis hierhin haben wir aber moralisch noch nichts gewonnen. Wir wissen noch nicht, was wir tun sollen. Das ändert sich jetzt:

Prämisse 3: Menschen in Not soll man helfen.
Prämisse 4: Hungernde Menschen in Afrika sind in Not.
Konklusion: Hungernden Menschen in Afrika soll man helfen.

Dieser Schluss ist logisch wahr und damit gültig. Zu diesem Schluss gelangen wir aber nur, wenn wir Prämisse 3 hinzufügen. Denn diese ist im Gegensatz zu den anderen nicht beschreibend, sondern vorschreibend. Die ersten beiden Prämissen drücken ein Sein aus, die letzte ein Sollen. Es war der schottische Philosoph David Hume (1711–1776), der erstmals darauf aufmerksam gemacht hat, dass aus purem Sein unmittelbar kein Sollen (moralisches Gebot) folgt. Das nach ihm benannte Gesetz besagt also: »Aus einem Sein folgt kein Sollen.« Wer dennoch aus beschreibenden (deskriptiven) Sätzen vorschreibende (präskriptive) Sätze ableitet, begeht einen Sein-Sollen-Fehlschluss.

Wichtig ist, dass es sich hierbei um eine rein formale Bestimmung handelt. Es geht nicht unmittelbar um materiale Wahrheit, sondern nur um logische Wahrheit (Gültigkeit). Wenn jemand sagt: »Die Menschen in Afrika hungern, also sollten wir sie töten«, zieht er einen Sein-Sollen-Fehlschluss. Diesen kann er verhindern, indem er sagt: »Hungernde soll man töten. Die Menschen in Afrika hungern. Also sollten wir die Hungernden in Afrika töten.« Dem würde wohl niemand zustimmen, aber der Schluss ist logisch korrekt.

Abwürgen oder Anregen?
Der Einwand, es liege ein Sein-Sollen-Fehlschluss vor, wird oft verwendet, um Diskussionen abzuwürgen. Er kann diese aber auch anregen, denn die Teilnehmer werden dadurch ermuntert, ihre unausgesprochenen Annahmen offenzulegen. Eine bloße Diskussion nähert sich dann einer echten Argumentation. In logischen Argumentationen geht es immer »ums Eingemachte«. Dort kann man sich nicht mehr mit irgendwelchen Mätzchen herausreden, zum Beispiel Drohungen, persönlichen Angriffen, Berufung auf Selbstverständlichkeit oder höhere Mächte. Argumente beinhalten ein Set von Sätzen, die untereinander widerspruchsfrei sein und lückenlos auseinander hervorgehen müssen. Anders formuliert: Argumente müssen konsistent und kohärent sein. Wenn Veganer sagen: »Die Tiere in der Nutztierhaltung leiden, also gehört die Nutztierhaltung abgeschafft«, ist dies ein Sein-Sollen-Fehlschluss.

Weist man sie auf Humes Gesetz hin, antworten sie meist, dass es sich beim Leiden der Nutztiere um »unnötiges« Leid handele und dass unnötiges Leid vermieden werden müsse. Daraufhin müssten die Veganer unter anderem darlegen, in Bezug auf welchen Zweck dieses Leiden unnötig erscheint und wie genau man es ermitteln könnte. An dieser Stelle steigen viele aus der Diskussion aus, obwohl es hier erst interessant wird. Treibt man seine Gegner aber so weit in die Tiefe einer Argumentation, kann man zeigen, dass ihre moralische Position sich keineswegs von selbst versteht und es auch legitime andere Meinungen gibt. Das reicht in der Regel, um deren Nimbus als Bessermenschen zu zerstören.

Naturalistischer Fehlschluss
Der Begriff »naturalistischer Fehlschluss« (»naturalistic fallacy«) stammt vom Philosophen George Edward Moore (1873–1958) und bezeichnet die Fehlannahme, dass das moralische Prädikat »gut« durch beschreibende Prädikate definiert werden kann. Was ist damit gemeint? Wenn wir zwei Stühle vor uns haben, die mit Ausnahme der Farbe vollkommen identisch sind, kann man sinnvoll sagen: »Stuhl x unterscheidet sich von Stuhl y nur dadurch, dass er gelb und nicht grün ist.« Sind beide Stühle aber auch farblich identisch, ergibt es keinen Sinn zu sagen: »Stuhl x unterscheidet sich von Stuhl y nur dadurch, dass er gut ist.« Im ersten Fall haben wir es nämlich mit einer Beschreibung zu tun, im zweiten mit einer Bewertung. Wenn man sagt: »Person x ist ein großer Mensch«, beschreibt man sie. Wenn man sagt: »Person x ist ein guter Mensch«, bewertet man sie. Das Prädikat »gut« wird nicht durch Person x definiert. Person x ist gut, weil sie bestimmte Eigenschaften hat, die dem Guten zugeordnet werden. Das Gute selbst bleibt hier aber eine Black Box. Der Fehlschluss kommt zustande, wenn man von der äußeren Gestalt des Satzes »x ist gut« darauf schließt, dass es sich hierbei um eine Definition des Guten handelt (»x bedeutet gut«).

Berufung auf Natur = naturalistischer Fehlschluss?
Das Konzept des naturalistischen Fehlschlusses hat nichts mit Natur oder Natürlichkeit im Besonderen zu tun. Das Beiwort »naturalistisch« führt in die Irre, denn die Kritik, die mit diesem Konzept formuliert wird, »besagt nicht, dass eine Ableitung moralischer Normen aus Naturtatsachen fehlerhaft ist, sondern dass eine Ableitung aus beliebigen rein deskriptiven Aussagen fehlerhaft ist«, stellt der Philosoph Dieter Birnbacher klar. Es ist gleichgültig, ob die beschreibende Aussage sich auf Natur, Kultur, Religion oder etwas anderes bezieht. Aus der bloßen Aussage, dass es die zehn Gebote gibt, folgt noch nicht, dass wir diese auch befolgen sollen. Wer sich also in einer ethischen Argumentation auf Natur beruft, begeht nicht schon allein deswegen einen naturalistischen Fehlschluss. Er begeht diesen zum Beispiel nicht, wenn er – aus welch fragwürdigen Gründen auch immer – davon ausgeht, dass die Natur selber moralische Normen enthält. Enthält die Natur unabhängig vom Menschen moralische Normen, ist es kein logischer Fehler, von der Natur ohne Umweg auf das menschliche Sollen zu schließen.

In Diskussionen mit ethischen Vegetariern rechtfertigen Befürworter des Fleischkonsums ihr Tun spontan meist mit Aussagen wie diesen: »Der Mensch hat von jeher Tiere genutzt und gegessen« (1), »Menschen sind von Natur aus Allesfresser mit einer natürlichen Neigung zu tierlichem Eiweiß« (2), »Das Gehirn des Menschen konnte sich nur zu solcher Komplexität entwickeln, weil die Menschen so viel Fleisch gegessen haben« (3). Ethische Vegetarier, die sich einen philosophischen Anstrich geben, bügeln solche Aussagen reflexartig mit dem Einwand ab, dass diese Aussagen auf einem »naturalistischen Fehlschluss« beruhen. Wenn (1) bis (3) Teile verkürzt vorgetragener Argumente (Enthymeme) sind, kann man die unausgesprochenen (impliziten) Annahmen auf Nachfrage offenlegen (explizieren) und (1) bis (3) in diese Argumente einbetten.

Beispiel (1)

P 1: Tiernutzung und –verzehr dienen der menschlichen Wohlfahrt.
P 2: Der Mensch hat von jeher Tiere genutzt und verzehrt.
K 1: Tiernutzung und –verzehr dienen von jeher der menschlichen Wohlfahrt.

An dieser Stelle weiß man noch nicht, was man tun oder lassen soll. Das ändert sich jetzt:

P 3: Was der menschlichen Wohlfahrt dient, soll nicht aufgegeben werden.
P 4: Tiernutzung und –verzehr dienen der menschlichen Wohlfahrt.
K 2: Tiernutzung und –verzehr sollen nicht aufgegeben werden.

Beispiel (2)

P 1: Für Allesfresser mit einer natürlichen Neigung zu einem hohen Anteil tierlicher Nahrung ist ein hoher Anteil tierlicher Nahrung gesund.
P 2: Der Mensch ist ein Allesfresser mit einer natürlichen Neigung zu einem hohen Anteil tierlicher Nahrung,
K 1: Der Mensch braucht einen hohen Anteil tierlicher Nahrung, um gesund zu sein.

P 3: Der Mensch soll sich gesund ernähren.
P 4: Der Mensch braucht einen hohen Anteil tierlicher Nahrung, um gesund zu sein.
K 2: Die Palette der menschlichen Ernährung soll einen hohen Anteil tierlicher Nahrung enthalten.

Beispiel (3)

P 1: Um ein so komplexes Gehirn zu entwickeln, wie Homo sapiens es hat, brauchten Hominiden viel Fleisch.
P 2: Der Mensch ist ein Hominide.
K 1: Der Mensch brauchte zur Entwicklung seines so komplexen Gehirns viel Fleisch.

P 3: Was der Mensch zur Entwicklung brauchte, braucht er auch zum optimalen Funktionieren.
P 4: Der Mensch brauchte zur Entwicklung seines so komplexen Gehirns viel Fleisch.
K 2: Der Mensch braucht zum optimalen Funktionieren seines Gehirns viel Fleisch.

P 5: Der Mensch soll dafür sorgen, dass sein Gehirn optimal funktioniert.
P 6: Der Mensch braucht zum optimalen Funktionieren seines Gehirns viel Fleisch.
K 3: Der Mensch soll viel Fleisch essen.

Benennt man die unausgesprochenen Prämissen seiner verkürzten Argumentation auf diese Weise, kann man den Einwand entkräften, einen naturalistischen Fehlschluss begangen zu haben. Manchem mag dadurch erst klar werden, was er mit den Aussagen (1) bis (3) genau gemeint hat bzw. sinnvollerweise meinen kann.

Fazit

Die Konzepte des Sein-Sollen- und naturalistischen Fehlschlusses sind bei Hume und Moore Teil einer umfassenden ethischen Theorie. Hume und Moore wollten keine logischen und sprachanalytischen Spielchen treiben, um halbgebildeten Sektierern ein rhetorisches Kampfmittel zu liefern. Deren Versuch, Diskussionen abzuwürgen, sollte man kontern, indem man seine Position präziser erläutert, um damit wiederum den Gegner unter Zugzwang zu setzen.

»Es gibt keine Nutztiere«

Wenn man öffentlich über Nutztierhaltung diskutiert, wird schnell eine vegane oder tierrechtlich engagierte Person auf den Plan treten, die sich über den Ausdruck »Nutztier« erregt und sagt: »Es gibt keine Nutztiere!« Will heißen: Tiere sind nicht dazu da, um von uns genutzt zu werden. Die Tierrechtsorganisation Peta hat das Wort »Nutztier« sogar zum »tierfeindlichsten Wort« des Jahres 2010 gekürt.

Einwände

Der Duden definiert »Nutztier« folgendermaßen: »Tier, das vom Menschen wirtschaftlich genutzt wird.« Wenn jemand die wirtschaftliche Nutzung von Tieren kritisiert, muss er logischerweise auch davon ausgehen, dass diese stattfindet, es also Tiere gibt, die vom Menschen tatsächlich genutzt werden. Wenn es keine Nutztiere gäbe, hätten Veganer nichts, worüber sie sich beschweren könnten.

Hier wie überall verwandeln bzw. verwechseln »Moralisten« Sachaussagen mit moralischen Forderungen. Sie wollen damit sagen, dass es keine Nutztiere geben sollte. Zugleich wollen sie damit zum Ausdruck bringen, dass die Tiere nicht zu dem objektiven Zweck existieren, von Menschen genutzt zu werden. Dass Tiere und Pflanzen für den Menschen da seien, wurde unter anderem im alten Griechenland von Aristoteles (384–322 v. Chr.) vertreten und vom Christentum übernommen (Anthropozentrismus). In diesem Sinne gibt es tatsächlich keine Nutztiere.

Es gibt aber Tierarten, die sich von Natur aus sehr gut für menschliche Zwecke eignen, zum Beispiel manche Wiederkäuer oder Allesfresser, die relativ groß sind und/oder schnell wachsen, deren Fortpflanzung problemlos steuerbar ist, die einen Herdentrieb haben und gut in Einpferchungen zu halten sind. Von den vielen Arten, die theoretisch für die Nutzung durch den Menschen in Frage kommen, hat der Mensch nur vierzehn tatsächlich domestiziert. Das bedeutet: Unabhängig von der Tatsache, dass wir sie nutzen, gibt es Nutztiere im Sinne von »besonders gut zur Nutzung geeignet«.

Fazit

Es gibt sehr wohl Nutztiere. Wer deren Existenz leugnet, kann sich nicht zugleich über deren Existenz beschweren. Dass es keine Nutztiere geben sollte, ist eine moralische Forderung, die man anders begründen muss als mit dem Hinweis auf objektive Zwecke.

Tiere sind eben so bürtig wie wir

Jens Tuider – ein im Uni-Gewächshaus herangezüchtetes Tierrechtler-Pflänzchen – hat eine eigene Seite (Hinweis 13. März 2018: Die Seite ist anscheinend inzwischen offline). Er geht als Tierrechtler »davon aus, dass es keinen grundlegenden Unterschied zwischen Menschen und Tieren gibt, sondern dass Tiere uns moralisch ebenbürtig sind.«

Es gibt auch keinen grundlegenden Unterschied zwischen Tuider und einem Tofublock, denn beide bestehen hauptsächlich aus Wasser. Daher ist der Tofu dem Tuider moralisch ebenbürtig – oder gar überlegen, weil mehr Wasser drin. Tuider macht ihm folgerichtig auch Vorwürfe, wenn er sich an selbigem verschluckt. Oder nicht? Meint Tuider, dass Tiere (welche?) »genauso moralisch« sind wie Menschen? Nein, das meint er nicht. Er meint, dass Tiere die gleichen grundlegenden Grundrechte wie Menschen haben sollen, kann es aber nicht so recht ausdrücken.

Wer jedoch verlangt, dass Menschen Tiere Rechte zusprechen, muss logischerweise davon ausgehen, dass Tiere Menschen moralisch nicht ebenbürtig sind, sofern er Tiere »grundlegend« von jeder moralischen und rechtlichen Pflicht entbindet. Wären Tiere Menschen tatsächlich moralisch ebenbürtig, wären sie im Normalfall voll zurechnungsfähig, müssten Recht und Gesetz beachten sowie Handeln und Gedanken bei sich und bei anderen anhand von moralischen Normen beurteilen können. Dann gäbe es zum Beispiel Kakerlaken oder Zecken oder Nacktmulle auf Ethik-Lehrstühlen.

Affen gibt es dort ja schon eine ganze Reihe. Und es werden immer mehr.