Skeptiker in Bewegung 1

Skepsis und Wissenschaft

Skepsis ist ein wesentlicher Teil des wissenschaftlichen Selbstverständnisses. Laut Robert K. Merton ist sie neben dem Universalismus, der Interesselosigkeit, der Gemeinschaftlichkeit (communality) eine der vier wissenschaftlichen „Kardinaltugenden“.[1] Die korrigierende Funktion der Skepsis gilt als Alleinstellungsmerkmal der Wissenschaft und Indikator ihrer höheren Rationalität. Ohne höhere Rationalität mangelt es jeglicher Wissenschaft an Verbindlichkeit. Bekenntnisse zur Wissenschaft werden selten formuliert, ohne zugleich die zentrale Bedeutung der Skepsis hervorzuheben.

Es gibt eine Skeptikerbewegung, zu der in Deutschland unter anderem die „Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften“ (GWUP) und das Portal „Pseudowissenschaft, Irrationale Überzeugungssysteme, Alternative Medizin“ (PSIRAM) gehören. Die „Skeptiker“ verfügen über ein ausgeprägtes Sendungsbewusstsein und vertreten aggressiv das, was sie für Wissenschaft und Vernunft halten. Mit dem Coronaregime haben sie einen bedeutsamen Sieg erringen können. Ihr Koordinatensystem ist nun weitgehend das der öffentlichen Meinung, vor allem zahlreicher Multiplikatoren in Leitmedien sowie sozialen Netzwerken. Die bevorzugten Objekte ihrer Kritik – Esoteriker aller Art – sind heute öffentlich weitgehend diskreditiert, allen voran die Impfgegner. 

Die GWUP hat sich von Beginn an darauf festgelegt, dass Covid „eine beispiellose Bedrohung für die öffentliche Gesundheit in Deutschland, Europa und der ganzen Welt“ sei. Das Mythen ABC und Blog der GWUP zeigen, dass sie Lockdowns, Maskenzwang, Impfzwang, sogar die No-Covid-Strategie aggressiv befürwortet. Mit der Beispiellosigkeit von Covid wird zugleich die Alternativlosigkeit der genannten Maßnahmen postuliert.

Insgesamt bekommt man nicht den Eindruck, dass die GWUP tut, was ihr Name verspricht, nämlich Parawissenschaften wissenschaftlich zu untersuchen. Letzteres hatte wohl das ehemalige GWUP-Mitglied Edgar Wunder im Sinn: eine sachliche, faire, kenntnisreiche Auseinandersetzung mit dem Phänomen „Parawissenschaft“ unter kritischer Beteiligung der Parawissenschaftler. Stattdessen wird Parawissenschaft wohl weniger untersucht, als in Abwesenheit moralisch zum Tode verurteilt. Die GWUP bietet sich als eine Art Wahrheitsagentur an, die Bürger vor dem Irrationalismus warnt. Aus ihrem Umkreis scheint sich ein Teil des Personals heutiger „Faktenchecker“ wie Correctiv oder Mimikama zu rekrutieren. Jedenfalls sind Gestus, Wortwahl und allgemeine Haltung identisch.

Merkmale des Skeptizismus

Auf den ersten Blick fällt auf, dass das missionarische Auftreten der „Skeptiker“ in Spannung zum Namen ihrer Bewegung steht. Man könnte sogar von einem „performativen Selbstwiderspruch“ reden, da ihre Performance nicht zu einer skeptischen Grundhaltung zu passen scheint. Bestimmende Merkmale des Skeptizismus[2] können besser im Kontrast zum methodischen Zweifel als im Kontrast zur rigiden Dogmatik verdeutlicht werden.[3]

Sokrates‘ „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ ist Teil seiner Mäuetik, mit welcher er der Wahrheit zur Geburt verhelfen will. Die Argumentationsstrategie besteht darin, Gesprächspartner an einen Punkt zu bringen, wo sie mit ihrem „Latein am Ende“ sind. Nach diesem Eingeständnis ist der Weg frei zum wahren Wissen. Ähnlich verhält es sich mit dem methodischen Zweifel im Sinne von René Descartes. In einer Art Great Reset wird alles bisher Gewusste auf null gestellt, um ein neues, diesmal unumstößliches Gebäude des Wissens errichten zu können. Die durch Zweifel erlangte erste Gewissheit der eigenen Existenz (cogito ergo sum) führt bei Descartes über den Dualismus von Denken (res cogitans) und Körper (res extensa) zur zweiten Gewissheit der Existenz Gottes. Bei Sokrates und Descartes fungiert Zweifel als Mittel der Gewissheit. Die Gefahr, den nächstbesten Strohhalm zu ergreifen, ist jedoch sehr groß, da man es mit dem Zweifel nicht lange aushält, wenn man sich nach Gewissheit sehnt.[4] Sören Kierkegaard meint, dass man verzweifeln wird, wenn man das Prinzip, an allem zu zweifeln, ganz ernst nimmt und radikal verwirklicht.[5]

Im Gegensatz zu Zweiflern bemühen Skeptiker sich nicht um Gewissheit, sondern bestreiten angesichts aller gescheiterten Versuche deren Möglichkeit. Als Gegenpart zu Sokrates kann zum Beispiel der Sophist Gorgias genannt werden. Dieser vertrat rhetorisch einen radikalen Skeptizismus, der inhaltlich dem entspricht, was Kierkegaard zufolge den Weg in die Verzweiflung ebnet. Skeptiker sind allerdings in der Regel nicht verzweifelt, denn extremer Skeptizismus wird nur selten vertreten. Sie betrachten die Dinge aus vielen Blickwinkeln unter allerlei Aspekten und lehnen die Vorstellung ab, dass es möglich sei, beweisbare Aussagen über die objektive Wirklichkeit zu machen. 

Skeptizismus wird nicht vom methodischen Zweifel bestimmt, dessen Funktion es ist, sicheren Boden unter die Füße zu bekommen. Er wird von der Vorstellung gleichwertiger Argumente („Isosthenie“) getragen: Zu jeder Behauptung gebe es mindestens eine gegenteilige Behauptung, die genauso plausibel begründet werden könne. Mit wissenschaftlichem Realismus ist der Skeptizismus schlecht vereinbar, da letzterer davon ausgeht, dass wissenschaftliche Theorien die Wirklichkeit erkennbar machen und sich der objektiven Wahrheit zumindest annähern.

Die Haltung eines Skeptikers ist neutral und zurückhaltend („Epoché“). Seine Gelassenheit ergibt sich nicht aus dem trügerischen Bewusstsein, nun endlich im Besitz der Wahrheit zu sein, sondern aus der Annahme, dass jedes Streben danach letztlich vergebens ist. Was die jeweilige Haltung betrifft, könnte man schablonenhaft sagen: Skeptiker sind eher entspannt, vergnügt und neigen zur Toleranz,[6] Zweifler sind eher verspannt, verzweifelt und neigen zum Fanatismus. 

Selbst der moderate Skeptizismus eines David Hume reicht immerhin aus, grundsätzliche Zweifel an der Validität der neuzeitlichen empirischen Wissenschaft zuzulassen. Hume hat gezeigt, dass die Induktion – der Schluss von der Vergangenheit auf die Zukunft – nicht ohne argumentativen Zirkel begründet werden kann. Daraus folge, dass auch Kausalität lediglich als ein Erfahrungswert gelten müsse.[7] Der „Zement des Universums“, wie Hume die Kausalität nennt, ist rissig und bröckelig. Diese Schlussfolgerung, dass alle moderne Wissenschaft auf unsicherem Grund steht, ist bis heute ein Stachel in ihrem Fleisch geblieben. 

Man sollte erwarten, dass die Fragilität, die Fehlbarkeit wissenschaftlichen Wissens in einer Skeptikerbewegung besonders betont und der wissenschaftliche Antirealismus dort prominent verfochten wird. Denn in letzterem hat die Isosthenie als Unterbestimmtheitsthese eine zentrale Bedeutung. Der Antirealismus bestreitet, dass erfolgreiche wissenschaftliche Theorien deren objektive Wahrheit verbürgen, ist skeptisch gegenüber den angewandten Methoden, aber nicht seinerseits Methode. Einen absoluten Standpunkt hat er nicht. Kennzeichnend für ihn ist die Pluralität von Perspektiven. 

Als Minimum müsste die auch von wissenschaftlichen Realisten geteilte Ansicht gelten, dass empirisch-wissenschaftliche Resultate niemals so eindeutig sein können, dass mit ihnen nur eine einzige Handlungsoption rational begründet werden kann. Es gibt auf Grundlage empirisch „bestätigter“ Theorien immer verschiedene rational ungefähr gleichwertige Handlungsmöglichkeiten. Aus der unterstellten Beispiellosigkeit von Covid-19 etwa folgt mitnichten die Alternativlosigkeit einer einzigen Strategie. Die „Skeptiker“ treten aber grundsätzlich so auf, als wären die von ihnen favorisierten praktischen Lösungen ohne jede rationale Konkurrenz. 

Was die Skeptikerbewegung selbst unter Skepsis versteht, ist Inhalt des nächsten Teils.


[1] Vgl. Robert K. Merton, The Sociology of Science, Chicago, London 1973, S. 267–278.

[2] Der Begriff wird im Folgenden bewusst nicht weiter differenziert. Wie bei allen Denkrichtungen gibt es starke, mittlere, schwache Ausprägungen. Es würde hier aber zu weit führen, das alles zu erläutern.

[3] Mir ist bewusst, dass es sich hierbei um eine Stilisierung handelt. De facto lässt sich das alles nicht sauber auseinanderhalten. Mir geht es darum, Unterschiede in der Haltung deutlich zu machen. Ein differenziertes Schema mit Bezug auf die Skeptikerbewegung findet sich auf S. 71ff. des oben bereits verlinkten Beitrags Das Skeptiker-Syndrom von Edgar Wunder. 

[4] Da die Gottesbeweise von Descartes sich im Gegensatz zu seiner ersten Gewissheit nicht haben behaupten können, liegt der Verdacht nahe, dass die schwach begründete Existenz Gottes von vornherein als „Wahrheit“ feststand und via Zweifel mit der stark begründeten Eigenexistenz bewiesen werden sollte.

[5] Vgl. Sören Kierkegaard, Philosophische Brocken. De omnibus dubitandum est, Frankfurt am Main 1975.

[6] Beispiele wären Michel de Montaigne (1533–1592), David Hume (1711–1776) oder Odo Marquard (1928–2015). Humes Souveränität selbst im Angesicht seines langsamen Todes ist legendär. Sein Freund Adam Smith (1723–1790), der ihm beistand, bezeugt: „Obwohl er sich viel schwächer fand, verließ ihn sein heiterer Sinn doch nie.“ Marquard war geradezu die Inkarnation eines entspannt-heiteren Skeptikers.

[7] Vgl. David Hume, Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand, Stuttgart 1982, S. 41–59.

Kritische Wissenschaft?

Nicht gewusst, wie 

In der öffentlichen Diskussion um Corona fällt besonders auf, dass sich nicht nur ständig auf Wissenschaft berufen wird, sondern auf eine Wissenschaftstheorie bestimmten Typs, deren Schöpfer Karl Raimund Popper war. Es wäre kein Problem, wenn Popper als Person weiter verehrt würde. Ein Problem ist jedoch, dass seine Theorie in Gestalt einiger Versatzstücke noch immer als non plus ultra präsentiert wird – meist mit dem triumphierenden Gestus desjenigen, der anderen erklärt, „wie Wissenschaft funktioniert“. Das lässt auf ein bedenkliches Maß an Selbsttäuschung schließen.

Ein Indiz dafür ist die Tatsache, dass auch viele sachkundige Kritiker der strengen Coronamaßnahmen ihr erliegen. Als typisches Beispiel soll hier ein Artikel des praktizierenden Naturwissenschaftlers Andreas Zimmermann (Pseudonym) dienen. Während etwa Natalie Grams und Eckart von Hirschhausen mit dem Impfomat geistig auf dem absoluten Nullpunkt agieren, legt Zimmermann mit methodischer Strenge dar, dass die Covid-Impfungen alles andere als harmlos sind.[1] Leider belässt er es nicht dabei und verkündet unter der Überschrift „Wissenschaft lebt vom Zweifel – im Gegensatz zur Ideologie“ Folgendes:

„Die wissenschaftliche Vorgehensweise funktioniert nämlich so, dass man zunächst eine Hypothese aufstellt und dann versucht, diese zu widerlegen. Wissenschaft lebt also aus Prinzip vom Zweifel – im Gegensatz zur Ideologie, bei der die ,Wahrheit‘ von vornherein feststeht und Zweifel an ihrer Richtigkeit deshalb nicht erlaubt sind.“[2]

Keineswegs funktioniert aber „die wissenschaftliche Vorgehensweise“ so wie beschrieben, und das nicht nur, weil es die wissenschaftliche Vorgehensweise überhaupt nicht gibt. Was der Autor andeutet, ist lediglich eine Vorgehensweise, die Popper sich in den 1930er Jahren ausgedacht hat,[3] und zwar als Norm, nicht als faktische Beschreibung dessen, was tatsächlich geschieht. Das Problem daran ist, dass Wissenschaft erstens noch nie so vorgegangen ist und es zweitens auch vollkommen unsinnig wäre, so vorzugehen. Der Unsinn hat jedoch einen berühmten Namen und heißt „Falsifikationismus“, welcher wiederum das Kernstück des Kritischen Rationalismus bildet. 

Falsifikation als Lösung

Wissenschaftler erscheinen im Kritischen Rationalismus als mutig, originell und selbstlos. Sie formulieren Hypothesen nicht einfach deshalb, weil sie etwas prima facie für zutreffend halten und durch gewisse Prozeduren bestätigen wollen. Nein. Sie stellen ihre Hypothesen auf wie Delinquenten, um sie so lange zu beschießen, bis sie tot umfallen. Danach wird sogleich die nächste Hypothese aufgestellt und ebenfalls standrechtlich erschossen. So geht es im Akkord weiter, denn genau darin besteht laut dem Kritischen Rationalismus die wissenschaftliche Vorgehensweise. Ein paar robuste Opfer überleben den Beschuss, werden als „vorerst nicht falsifiziert“ auf Bewährung entlassen, bis sie irgendwann erneut in die Fänge eines professionellen Hypothesenkillers geraten. So schreitet die Wissenschaft im Rückwärtsgang fort – einer Wahrheit entgegen, die zwar unerreicht und unerkennbar sei, der man aber näherkomme, indem man möglichst viele Hypothesen in beschriebener Weise traktiert und füsiliert.[4]

Popper war stolz darauf, eine ärgerliche Rationalitätslücke der Wissenschaft geschlossen zu haben. Die Naturwissenschaft war lange Zeit damit beschäftigt, Naturgesetze zu „entdecken“, die sich dadurch auszeichnen, dass sie uneingeschränkt gelten. Wissenschaftler „entdeckten“ diese Gesetze, indem sie systematisch von der Vergangenheit auf die Zukunft schlossen (Induktion). In der neuzeitlichen Wissenschaft wurde dieses Prinzip zur wissenschaftlichen Methode schlechthin – vor allem in Gestalt von Experimenten, die bei beliebiger Wiederholung immer zum gleichen Ergebnis führten. Das logische Problem bestand darin, dass Naturgesetze im strengen Verständnis als Allsätze formuliert werden müssen, zum Beispiel „Für alle x gilt …“ oder „Immer wenn …“. Allsätze können aber niemals durch Induktion bestätigt (verifiziert) werden. Trotz der Tatsache, dass die Sonne bisher so oft und regelmäßig am Morgen aufgegangen ist, kann niemals ausgeschlossen werden, dass sie es morgen nicht mehr tun wird. 

David Hume hatte bereits Mitte des 18. Jahrhunderts überzeugend dargelegt, dass die Induktion als Verfahren nicht rational begründbar ist.[5] Denn alle denkbaren Versuche einer solchen Begründung beruhen notwendig ihrerseits auf Induktionsschlüssen, sind also immer zirkulär. Humes Befund ist bis heute gültig. Will die Wissenschaft sich anderen Verfahren gegenüber als besonders rational ausweisen und besteht diese Rationalität in der induktiven Methode, muss sie scheitern. Popper meinte jedoch, den Stein der Weisen gefunden zu haben: Zwar können Allsätze nicht durch Induktion bestätigt, aber durch ein einziges Gegenbeispiel widerlegt (falsifiziert) werden. 

Macht man also die Falsifikation zum Prinzip der Wissenschaft, ist die Lücke geschlossen. Humes Kritik an der Induktion wird von Popper voll anerkannt. Der Kritische Rationalismus zerschlägt den Gordischen Knoten, indem er behauptet, auf Induktion nicht angewiesen zu sein. Sie wird als illegitimes, weil irrationales und überflüssiges Verfahren des wissenschaftlichen Feldes verwiesen. Der Kerngedanke lautet: Wir können zwar nicht sagen, was richtig ist, aber wir wissen per Falsifikation, was falsch ist, und können es aus dem Korpus der Wissenschaft entfernen. 

Popper erklärt die Falsifikation zum alleinigen Abgrenzungskriterium von Wissenschaft und Pseudowissenschaft. Letztere liege immer dann vor, wenn sie als Wissenschaft auftritt, deren Thesen aber nicht widerlegbar seien. Theorien und Hypothesen müssen „an der Wirklichkeit scheitern“ können. Die Skepsis soll in diesem System eine besonders prominente Stellung haben und zugleich daran gehindert werden, es vollends zu sprengen. 

Der Kritische Rationalismus wurde nach dem Zweiten Weltkrieg begeistert aufgenommen. Popper war weit und breit der einzige Philosoph, den Naturwissenschaftler ernst nahmen – dies jedoch wohl nicht nur wegen seiner Beweisführung, sondern unter anderem aufgrund der schmeichelhaften Rolle, die er den Wissenschaftlern in seinem System zugedacht hatte. In der Wissenschaftstheorie sind alle Varianten des Falsifikationismus inzwischen nicht einmal mehr Gleiche unter Gleichen, während praktizierende Wissenschaftler und gebildete Laien von ihnen als vermeintlichem Königsweg partout nicht lassen mögen. 

Falsifikation als Problem

Von den zahlreichen möglichen Kritikpunkten[6] sei die Selbsttäuschung herausgegriffen, ohne Induktionsschluss auch nur einen einzigen Schritt tun zu können. Zwar hat Popper die Rationalitätslücke der empirischen Wissenschaft an einer Stelle geschlossen, dabei aber an anderer Stelle einen Graben aufgerissen. Norbert Hoerster schreibt dazu: „Die ‚kritischen Rationalisten‘ gehen in ihrer Theorie […] immer wieder stillschweigend von Voraussetzungen aus, die sie zuvor ausdrücklich als unbegründet, irrational und überflüssig verworfen haben.“[7] Wenn der Schluss von der Vergangenheit auf die Zukunft unzulässig ist, wie Popper meint, wie kann er dann überhaupt irgendeine Hypothese oder Theorie als „vorläufig nicht falsifiziert“ und damit als „bewährt“ bezeichnen? In dem Moment, in dem er dies tut, schließt er bereits von der Vergangenheit auf die Zukunft. 

Er kann auch niemals Beobachtungsdaten heranziehen, weil Daten, sobald sie vorliegen, Resultat vergangener Untersuchungen, Experimente und dergleichen sind. In dem Moment, in welchem man ein Paper liest, könnten dessen Resultate schon nicht mehr stimmen. Unmittelbar nachdem eine Theorie oder Hypothese für falsifiziert erklärt wurde, müsste sie sogleich wieder auf den Prüfstand. Der Ausgang hätte auch nach einer Milliarde Versuchen mit identischem Ergebnis als ungewiss zu gelten. Die Tatsache, dass eine Milliarde Versuche das gleiche Ergebnis hatten, könnte sogar zur Annahme verleiten, gerade deshalb sei ein anderes Resultat umso wahrscheinlicher. 

Beobachtungsdaten sind ohnehin eine unzureichende Grundlage. Mit dem Verweis auf sie allein kann nichts wirklich falsifiziert oder verifiziert werden.[8] Es müsste schon vorab ein Konsens erzielt werden, wann eine bestimmte These als falsifiziert zu gelten habe. Dann aber wäre nicht Falsifikation, sondern der Konsens das bestimmende Metaprinzip. Unabhängig vom Induktionstabu gilt, dass sich niemals mit Sicherheit sagen lässt, ob eine Aussage falsifizierbar ist. Denn dies ist abhängig vom jeweiligen Stand des Wissens und den jeweilig zur Verfügung stehenden Testverfahren. 

Da man nicht von der Vergangenheit auf die Zukunft schließen darf, steht zudem jedes Ideensystem, das aus Erfahrung als offenkundig absurd und krank angesehen wird, bis zu seiner Falsifizierung gleichberechtigt neben ernstzunehmenden Kandidaten. Das allein mag noch zu verschmerzen sein. „Kein Gedanke ist so alt und absurd, dass er nicht unser Wissen verbessern könnte“[9], meint Paul Feyerabend. Doch David Hume hat mit der Induktion auch gleich die Kausalität zum nicht weiter begründbaren Erfahrungswert degradiert[10] und als bloße Regularität aufgefasst.[11] Der Satz „Kein Säugetier legt Eier“ wird durch die Existenz des Schnabeltiers falsifiziert, der Satz „In der Regel legen Säugetiere keine Eier“ hingegen nicht. 

Von statischen Naturgesetzen mit uneingeschränkter Geltung ist in vielen Wissenschaftsdisziplinen nicht mehr die Rede, zum Beispiel in der Evolutionsbiologie oder der modernen Physik. Wissenschaftliche Aussagen werden heute oft als Wahrscheinlichkeiten formuliert. Wahrscheinlichkeitssätze sind jedoch nicht falsifizierbar. Daraus folgt zwingend, dass zum Beispiel alle probabilistischen Theorien der modernen Physik im Kritischen Rationalismus als Pseudowissenschaft zu gelten haben. Das gefeierte Prinzip der Falsifikation düpiert ausgerechnet diejenigen, die damit besonders ausgezeichnet werden wollen. Wenn es die Besten erschlägt und die Schlimmsten leben lässt – wozu taugt es dann überhaupt?

Mit leeren Händen

Popper wusste selbstverständlich um die Probleme seines Ansatzes, konnte sie aber insgesamt nicht befriedigend lösen.[12] Einwände gegen den Falsifikationismus werden noch heute gerne damit pariert, dass die Kritik lediglich einen „naiven Falsifikationismus“ treffe, wie ich ihn oben dargestellt habe. Der wirkliche Falsifikationismus sei viel differenzierter. Auch ein differenzierter Falsifikationismus müsste aber den erklärten Hauptzweck erfüllen, auf nicht allzu komplexe Weise zwischen wissenschaftlichen und metaphysischen Theorien unterscheiden zu können. Letzteres wiederum würde nur funktionieren, wenn der naive Falsifikationismus widerspruchsfrei begründbar wäre. Er ist aber offenkundig absurd. 

Mit höherem Differenzierungsgrad mag er weniger widersprüchlich werden, wird aber im selben Maß weniger fasslich. Auch ein „raffinierter“ Falsifikationismus leidet unter gravierenden Konstruktionsfehlern, selbst wenn nicht Theorien oder Hypothesen, sondern ganze Forschungsprogramme sein Gegenstand sind. Feyerabend riet unumwunden dazu, den Kritischen Rationalismus möglichst schnell zu vergessen und am besten gleich die gesamte Wissenschaftstheorie als „Kinderei“ zu verwerfen.[13]

In den 1960er Jahren stand man also wieder mit der ebenso unbegründbaren wie unverzichtbaren Induktion da, welche zwar hervorragend funktioniert, aber rätselhaft bleibt. Sie zu verwenden ist zwar in praktischer Hinsicht äußerst rational. Doch mit dieser Rationalität hat die Wissenschaft nun einmal der Alltagspraxis oder „Pseudowissenschaft“ nichts Prinzipielles voraus. Schon der antike Skeptizismus wusste, dass Letztbegründungen auf deduktivem Wege in die Ausweglosigkeit führen. Schließlich muss man irgend etwas unhinterfragt lassen, um von dort aus weiterzukommen. Doch das hilft der Wissenschaft nicht aus der Misere, weil es nun einmal auf alle zutrifft. Wissenschaft will aber etwas Besonderes sein.

Da die Falsifikation aus genannten und weiteren Gründen nicht zum alleinigen Abgrenzungskriterium taugte, stand plötzlich die Wissenschaft selbst unter Pseudowissenschaftsverdacht. Thomas S. Kuhn[14]und Paul Feyerabend pulverisierten den Kritischen Rationalismus mitsamt Falsifikationismus, Imre Lakatos [15] konnte letzteren wohl auch nicht retten.[16] Von diesem Schock scheinen sich viele Wissenschaftler und gebildete Laien bis heute nicht erholt zu haben. 

Laborgesetze der Straße

Anfang der 1980er Jahre zeigte Karin Knorr-Cetina aus der Innenperspektive eines biochemischen Labors, wie praktische Wissenschaft wirklich zu „funktionieren“ scheint. Ihre Studie mit dem Titel „Die Fabrikation von Erkenntnis“[17] legte offen, dass in der experimentellen Praxis alles andere gemacht wird, als mit strengen Methoden Hypothesen zu falsifizieren. Vielmehr wird unter äußerem Druck improvisiert. Es geht um Geld, Erwartungen, Macht, Hierarchie, Anerkennung, Status, Karriere – wie bei anderen Menschen auch (nur schlimmer, möchte man ergänzen). Die veröffentlichten „Paper“ sind Artefakte besonderer Art, die weniger mit „objektiver Realität“ oder „Annäherung an die Wahrheit“ als mit der internen Realität einer gänzlich opportunistischen experimentellen Praxis zu tun hat, die Methoden so zu wählen, dass sie ein bestimmtes Ergebnis erzeugen. In den Veröffentlichungen ist davon allerdings nichts zu sehen. Die Autoren solcher Paper stellen die Sache lediglich ex post so dar, als seien sie einer strengen Methode gefolgt und hätten unbarmherzig die eigenen Hypothesen getestet. Genau wie die Rationalität des wissenschaftlichen Fortschritts laut Kuhn erst ex post durch voreingenommene Geschichtsschreibung hergestellt wird.

Man mag dies als unzulässige Verallgemeinerung ansehen. Doch Knorr-Cetina hat ihre Theorie inzwischen auf breiterer Grundlage ausgearbeitet (siehe Fußnote 17). Ihre Resultate werden zudem durch umfassendere Untersuchungen und bekannt gewordene Betrugsfälle gestützt.[18] Manifester Betrug in signifikantem Ausmaß ist nur das auffälligste Indiz, dass etwas grundsätzlich schief läuft. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine wissenschafliche Studie falsche Resultate liefert, ist laut John A. Ioannidis größer als die Wahrscheinlichkeit des Gegenteils. In seinem Buch „Science Fictions“ zeigt Stuart Richie[19], dass die Replikation von Experimenten in der wissenschaftlichen Praxis so gut wie keine Rolle spielt. Das liegt unter anderem daran, dass man als Forscher für Wiederholungen von Experimenten kaum Gelder bekommt und zudem keinen Ruhm ernten kann. Wenn aber Experimente wiederholt werden, können die Resultate sehr oft nicht bestätigt werden.[20]

Die Wiederholung von Experimenten ist zusammen mit dem Peer-Rewiev als Mechanismus der Selbstkorrektur das offizielle Herzstück der empirischen Wissenschaft. Darauf sind Wissenschaftler stolz; damit begründen sie den einzigartigen, überlegenen Charakter der Wissenschaft. Genau diese Mechanismen greifen jedoch laut Richie nicht, haben sogar einen negativen Effekt. Das ganze System sei „badly broken“.[21] Dies gilt – wie auch Richie betont[22] – besonders für Medizin und Pharmakologie. Beim Thema Covid spielen diese eine herausragende Rolle.[23] Die Laborpandemie Corona wirkt im Ganzen wie eine hypertrophe Bestätigung von Knorr-Cetinas Thesen. Nachgezeichnet wird dies unter anderem hier und hier

Poppers Hauptwerk heißt „Logik der Forschung“. Dem Anspruch nach befasst es sich nicht mit den Aspekten der Entstehung und Verwertung von Theorien. Man darf es also nicht als Beschreibung der Forschungspraxis missverstehen. Wie aber seit Kuhn klar ist, können die Bereiche Entstehung, Begründung, Verwertung nicht sauber voneinander getrennt werden. Die Begründung von Theorien wird durch Forschungspraxis ermöglicht. Diese aber folgt, wie gezeigt, im Inneren und strukturell bedingt ganz anderen Gesetzen, als denjenigen, die von Popper postuliert werden. Dies affiziert auch den Begründungszusammenhang. Denn Hypothesen wie Theorien werden laut Kritischem Rationalismus durch Beobachtungsdaten falsifiziert. Wenn diese aber aus strukturellen Gründen ganz anders zustande kommen, als Popper meint, erfüllen sie nicht die ihnen zugedachte Funktion, und der Falsifikationismus hängt in der Luft. Dort erfüllt er als luftiges Ideal eher den Zweck, das gänzlich unfalsifikatorische Treiben der Wissenschaftler mit einem Heiligenschein zu versehen.

Feyerabend für Popper

Der Kritische Rationalismus war der letzte über die Wissenschaftstheorie hinaus wirksame Versuch, den rationalen Sonderstatus der Wissenschaft mithilfe eines einzigen, prima facie leicht verständlichen Prinzips zu begründen. Aus meiner Sicht hat er die Selbsttäuschung der Wissenschaft auf ein Höchstniveau getrieben, indem er vorgab, dass Wissenschaft als einzige Erkenntnisweise vom Kohlendioxid des Zweifels statt vom Sauerstoff der Überzeugung lebt. Das ergab immerhin ein klares Freund-Feind-Schema. Der Distinktionsvorteil war immens, der Fall entsprechend tief. Kein Wunder, dass viele praktizierende Wissenschaftler und gebildete Laien die einschlägigen Begründungsprobleme nicht kennen oder nicht wahrhaben wollen. Man schimpft lieber über den Konstruktivismus oder den Relativismus.

Poppers gesellschaftspolitische Vorstellungen sind womöglich aktueller als seine Wissenschaftstheorie, wenngleich sie unter letzterer stark leiden. Er betrachtet alles als Feind, was sich seinem theoretischen Schema nicht fügt. Ich würde also eher zur Lektüre von John Stuart Mills „Über die Freiheit“[24] und Jacob L. Talmons dreibändiger „Geschichte der totalitären Demokratie“[25] raten. Der aktuellste Klassiker unter den Wissenschaftsphilosophen ist für mich Paul Feyerabend.[26] Wissenschaft lebt für ihn nicht vom Zweifel, sondern von ihrer eigenen Propaganda. Sie ist „laut, frech, teuer und fällt auf“.[27] Knorr-Cetinas Studien sowie die zahlreichen Analysen zur Manipulation in der Wissenschaftspraxis bestätigen Feyerabends Befund, dass Wissenschaftler Methoden opportunistisch als Daumenregeln benutzen, solange sie ihre vorgefertigte Meinung bestätigen. 

Geht man von diesen Gedanken aus, fällt man nicht immer wieder aus allen Wolken, wenn man feststellt, dass die wissenschaftliche Praxis mit dem Ideal nichts zu tun hat. Da die Forderungen des Kritischen Rationalismus ohnehin unerfüllbar und widersprüchlich sind, ähneln sie in gewisser Weise unerfüllbaren religiösen Geboten. Solche Gebote führen dazu, dass in ihrem Namen alle Gebote missachtet werden, auch die erfüllbaren. Widersprüchliche Imperative sind Machtinstrumente, die zu Heuchelei, Selbstbetrug und Betrug führen – exakt zu dem, was in der Wissenschaft insgesamt wohl genauso häufig anzutreffen ist wie zum Beispiel im Christentum.

Ändert man einmal die Perspektive, versteht man vielleicht besser, was gerade an globaler Verheerung im Namen des Seuchenschutzes geschieht. Wer sich immer nur über den vermeintlichen Missbrauch der reinen Wissenschaft beklagt, verfehlt die Pointe, dass diese Reinheit bloß ein säkulares Pendant zum christlichen Virginitätsdogma sein und Wissenschaft ihrerseits Missbrauch an der Gesellschaft verüben könnte.


[1] Zimmermanns Artikel sind allesamt sehr empfehlenswert. Hier und hier und hier können seine aktuellen Beiträge gelesen werden.

[2] Leider belässt es Zimmermann nicht dabei: „Wir können also Karl Lauterbachs Aussage, dass die vierte ‚Impfung‘ Leben rettet, als Hypothese annehmen und versuchen, diese Hypothese zu überprüfen. Dabei ist zu beachten, dass eine Hypothese bereits durch ein Gegenbeispiel als widerlegt gilt – ein einziger ehrlicher Kreter widerlegt die Hypothese, dass alle Kreter lügen.“ Durch ein einziges Gegenbeispiel können nur Allaussagen widerlegt werden, nicht Hypothesen generell. Lauterbachs Aussage ist keine Allaussage, kann also auf die beschriebene Weise nicht widerlegt werden. Aus Sicht des Kritischen Rationalismus wäre an der Aussage zu kritisieren, dass sie nicht falsifizierbar ist. Zimmermann falsifiziert sie dann logischerweise auch gar nicht, glaubt aber, es getan zu haben. Einfaches Nachdenken hätte indes genügt, den Fauxpas zu vermeiden. Selbstverständlich kann jedem einmal ein Fehler, eine nachlässige Formulierung unterlaufen. Aber diese lässt meiner Ansicht nach auf grundlegenden Irrtum schließen.

[3] Vgl. Karl Popper, Logik der Forschung, Tübingen 2001.

[4] Diese überzeichnete Darstellung habe ich deshalb gewählt, weil offenbar vielen, die sich noch immer auf Popper berufen, nicht recht klar zu sein scheint, wie wenig plausibel dessen Vorstellung von der Logik der Forschung ist.

[5] Vgl. David Hume, Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand, Stuttgart 1982, S. 41–58.

[6] Eine Vorstellung davon, was dort grundsätzlich „schief läuft“, vermittelt der Aufsatz The Demise of the Demarcation Problem von Larry Laudan, besonders S. 121 f. 

[7] Norbert Hoerster, Was können wir wissen?, München 2010, S. 69.

[8] Vgl. meinen Blogeintrag Wahre Wissenschaft?, Kap. „Unterbestimmtheit“. Die Triftigkeit der Unterbestimmtheitsthese erweist sich derzeit täglich während der „Corona-Krise“: Mit dem Verweis auf Beobachtungsdaten wird hier buchstäblich alles und nichts bewiesen bzw. abgewiesen, selbst dann, wenn Daten unter formal hohen Standards erhoben worden sind. Der Fehler der Maßnahmenkritiker besteht darin zu behaupten, dieses Verhalten sei als solches „unwissenschaftlich“ oder gar irrational. Irrational und „unwissenschaftlich“ wird es nur, wenn selektiv zu eigenen Gunsten auf diese Weise verfahren wird, sofern man sich zuvor explizit oder implizit auf einheitliche Standards geeinigt hat.

[9] Paul Feyerabend, Wider den Methodenzwang, 3. Aufl., Frankfurt am Main 1991, S. 55. 

[10] Vgl. Hume, Versuch über den menschlichen Verstand, S. 44.

[11] Vgl. John Leslie Mackie, The Cement of the Universe, London 1974, S. 59–87.

[12] Vgl. Paul Arthur Schilpp (Hg.), The Philosophy of Karl Popper, La Salle, Illinois 1974.

[13] Vgl. dazu Peter Janich, Kleine Philosophie der Naturwissenschaften, München 1997, S. 193ff.

[14] Vgl. Thomas S. Kuhn, Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, 13. Aufl. Frankfurt am Main 1996. Vgl. dazu Paul Hoyningen-Huene, Die Wissenschaftstheorie Thomas S. Kuhns, Braunschweig 1989.

[15] Vgl. Imre Lakatos, Philosophische Schriften, Wiesbaden 1982. 

[16] Selbstverständlich gibt es auch heute noch Verteidiger des Kritischen Rationalismus. Eine kurze und gehaltvolle Verteidigung findet sich z.B. bei Gunnar Andersson, „Karl Popper und seine Kritiker“, in: Giuseppe Franco (Hg.), Handbuch Karl Popper, Wiesbaden 2019, S. 717–731. 

[17] Vgl. Karin Knorr-Cetina, Die Fabrikation von Erkenntnis, 4. Aufl., Frankfurt am Main 2016. Vgl. Dies.: Wissenskulturen, Frankfurt am Main 2002.

[18] Als Beispiel für jüngere Betrungsfälle in Deutschland vgl. Mario Finetti/Armin Himmelrath, Der Sündenfall, Berlin 2012. In diesem Buch werden auch Faktoren genannt, die den Wissenschaftsbetrug begünstigen. Es sind dieselben, die auch Knorr-Cetina nennt.

[19] Vgl. Stuart Richie, Science Fictions, New York 2020.

[20] Vgl. Ebd., Kap. 2. John Ioannidis hatte dies schon bei klinischen Studien festgestellt.

[21] Ebd., S. 5.

[22] Vgl. Ebd., S. 6.

[23] Vgl. z.B. Jon Jueirdini/Leemon B. McHenry, The Illusion of Evidence-Based Medicine, Mile End 2020.

[24] Vgl. John Stuart Mill, Über die Freiheit, Stuttgart 2010.

[25] Vgl. Jacob L. Talmon, Geschichte der totalitären Demokratie, 3. Bände, Göttingen 2013.

[26] Feyerabend wird sich im Grabe herumdrehen, als „Klassiker der Wissenschaftsphilosophie“ bezeichnet zu werden. Mir fällt aber in diesem Zusammenhang keine bessere Bezeichnung ein.

[27] Feyerabend, Wider den Methodenzwang, S. 19.

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Heilige Wissenschaft?

Weltmeister aller Klassen

Da Wissenschaft sich der Rationalität fügen muss, ist nicht a priori ausgeschlossen, dass andere kognitive Unterfangen der Wissenschaft rational ebenbürtig oder überlegen sind. Dies stellt für letztere eine permanente Bedrohung dar, da sie behauptet, in Sachen Rationalität unumstritten den ersten Rang einzunehmen, ihn aber nicht per Dekret sichern darf.[1]

Verlöre sie diesen Sonderstatus, fiele sie in sich zusammen wie ein Soufflé. Die starke Neigung, Wissenschaft mit Rationalität begrifflich in eins zu setzen, dient auch dem Zweck, etwaige Konkurrenz per definitionem als irrational klassifizieren und neutralisieren zu können. Implizit erklären sich Wissenschaftler damit zu Verkörperungen der Rationalität.

Wertfrei wertvoll

Obwohl die moderne Wissenschaft nach eigenem Bekunden moralisch wertfrei ist, verdankt sie ihr Ansehen einem ausgeprägten Halo-Effekt, der darin besteht, von ihrer behaupteten rationalen Überlegenheit gewohnheitsmäßig auf ihre moralische Überlegenheit zu schließen, die sich wiederum daraus ergebe, dass sie „gut für uns alle“ sei. Sehr oft wird sie nicht nur mit optimalem Verstandesgebrauch, sondern auch mit Vernunft im „fettgedruckten“ Sinn gleichgesetzt, welche die ethische Dimension umfasst.[2] Doch der moralische Vorzug, „gut für uns alle“ zu sein, versteht sich bestenfalls in ethischen Systemen von selbst, in denen das moralisch Gute eine Funktion des nichtmoralisch Guten ist.[3] Diese Systeme sind anderen ethischen Systemen nicht prinzipiell überlegen, also auch nicht besonders zwingend. 

Die assoziative Verbindung von „Wissenschaft“, „Vernunft“, „Aufklärung“, „Humanismus“, „Fortschritt“, „bessere Welt“, „Glück“, „Wohlfahrt“, „moralische Vorzüglichkeit“ ist nach wie vor sehr eng und wird mit bemerkenswertem Pathos vorgetragen. Personen, die solche Assoziationen verinnerlicht haben, fühlen sich entsprechend überlegen und sind stolz auf ihr „rational-kritisches Weltbild“. Ohne ein verbindendes nicht-rationales Element, ohne eine Art religiöser Verzückung, ohne Glaubenssätze, ohne Heldensagen, Heilige und Märtyrer, ohne erhebende Gemeinschaftserlebnisse, ohne Definition einer feindlichen Gruppe von Ungläubigen und Ketzern kommen aber auch Freunde der Wissenschaft selten aus. Gruppenmoral übertrumpft auch bei ihnen fast immer die eigenständige Reflexion.

Unerschütterlich

Selbst das maßgeblich von Wissenschaftlern initiierte und gestützte globale Coronaregime schadet dem guten Image der Wissenschaft nicht, obwohl dieses Regime die ganze Welt in einen Abgrund tiefsten Elends und beständigen Totalitarismus zu ziehen droht. Kaum jemand kommt angesichts des derzeitigen Menschenvernichtungswerks im Namen der Seuchenbekämpfung auf den Gedanken, dass die Wissenschaft als solche daran nicht unschuldig sein könnte. Denn dieser Gedanke würde es schwierig machen, sich weiter mit ihr zu identifizieren. 

Befürworter wie Gegner der strikten Corona-Maßnahmen reklamieren sie daher nur umso verbissener für sich. Das pointenlose Gezänk über den Besitz der wirklichen Wirklichkeit setzt sich fort im sinnlosen Streit darüber, wer die wahre Wissenschaft sein Eigen nennen darf und wer als Pseudowissenschaftler zu gelten hat. 

Selbst wenn es leicht möglich wäre, Wissenschaft von Pseudowissenschaft zu unterscheiden, bliebe noch immer unklar, worin der moralische Vorzug „echter“ Wissenschaft gegenüber der „falschen“ bestehen soll. Wissenschaftsfreunde beschweren sich zwar lautstark, dass Pseudowissenschaft Betrug sei und Schaden anrichte. Das Gleiche ließe sich pauschal aber auch über die Wissenschaft sagen, denn Betrug und Manipulation[4] kommen in der Wissenschaftspraxis bemerkenswert häufig vor.[5]

Heilig, heilig, heilig …

Wenn nicht immerzu bestätigt wird, dass Wissenschaft durchweg auch in moralischer Hinsicht allen anderen Erkenntinsweisen überlegen ist, sind ihre „Fans“ enttäuscht. An einer bloß deskriptiven Abgrenzung sind sie nicht interessiert. Beschwören Akteure im Streit um Corona die Wissenschaft, nutzen sie oft bloß den erwähnten Halo-Effekt, um sich selbst heiligzusprechen. Sie wollen damit folgende Assoziationskette um jeden Preis verteidigen: „Wissenschaft = Vernunft = Fortschritt = gut für uns alle = wir sind die Besten“. 

Dahinter wird ein horror vacui erkennbar, der sich aus dem ergibt, was eingangs erwähnt wurde. Wenn Wissenschaft gar nichts Besonderes, gar nichts Besseres wäre, dann wären Wissenschaftler und alle, die sich mit der Wissenschaft schmücken, ebenfalls nichts Besseres. Ihre Interessensverbände wären an sich nicht bedeutender als jeder x-beliebige Kaninchenzuchtverein oder spirituelle Gesprächskreis. 

Unterscheidungen zwischen echter Wissenschaft und Pseudowissenschaft wurden in der Vergangenheit immer getroffen, um auserwählte Lieblingsfeinde aus dem Feld zu schlagen. So hat zum Beispiel Karl Popper (1902–1994) den Kritischen Rationalismus ersonnen, um Marxismus und Psychoanalyse in den Orkus zu befördern. Sein Abgrenzungskriterium war allerdings genauso untauglich wie alle anderen zuvor.[6] Es geht bei solchen Versuchen immer auch um Distinktion von Personen: Ihr Dummen da unten, wir Klugen hier oben. Und natürlich: Ihr Bösen, wir Guten.

Wissenschaft ist auch nur ein Mensch

Spätestens seit Auguste Comte (1798–1857) versucht eine von Religion bereits getrennte Wissenschaft, auch die sinnstiftende Funktion und den absoluten Wahrheitsanspruch der Religion zu erfüllen, ist dazu aber im wahrsten Sinne nicht berufen.[7] Sie überkompensiert dieses Defizit, indem sie alles außer sich selbst zu zerstören trachtet, damit niemandem mehr auffällt, wie dürftig ihre Identifikationsangebote sind. 

Wissenschaft sollte nüchtern als Problemlösungsstrategie aufgefasst werden. Sinn vermag sie nicht zu stiften. Als Mittel gegen ihre Überhöhung empfiehlt sich, sie so zu betrachten, wie sie als Ganze erscheint, das Ideal wegzulassen und sie nicht mit etwas anderem gleichzusetzen, zum Beispiel mit Technik. Technik kommt als solche auch ohne Wissenschaft aus, aber Wissenschaft nicht ohne Technik, schon gar nicht die moderne Wissenschaft seit Galilei. Laut Peter Janich (1942–2016) ist Wissenschaft „Hochstilisierung von Lebenspraxen“, moderne Wissenschaft im Prinzip hochgezüchtete und -stilisierte Technik.[8]Wissenschaftlicher Fortschritt hängt weit mehr vom technischen ab als der technische vom wissenschaftlichen. „Es ist in der Tat keine Übertreibung, wenn man sagt, daß die Laboratoriumswissenschaft, wie wir sie kennen, ein Anhängsel der industriellen Revolution – eine Frucht deren technologischer Blüte – ist“[9], merkt Nicholas Rescher an. 

Betrachtet man die Wissenschaft mit etwas mehr Abstand, besteht kein Grund, sie für rational unanfechtbar und für uneingeschränkt gut zu halten. Ihre grundlegenden Prinzipien sind kaum ohne Zirkelschluss begründbar, ihre Methoden sind recht beliebig, ihre Praxis besteht in signifikantem Ausmaß[10] aus Unsinn, Manipulation und Betrug, ihr Personal ist nicht besonders vertrauenswürdig. Von organisiertem Zweifel und strukturierender Skepsis kann über weite Strecken kaum die Rede sein. Auf Versuche von Wissenschaftlern, sich mit rhetorischen Tricks für unfehlbar zu erklären, sollte man nicht hereinfallen. 

Fazit

In Debatten über gesellschaftliche Probleme ist es wenig sinnvoll, sich abstrakt auf „die Wissenschaft“ zu berufen und deren Loblied zu singen. Es wäre viel gewonnen, wenn die Menschen einfach wüssten, was sie tun, und die Menschenwürde der anderen achteten. Menschenwürde ist kein wissenschaftliches Prinzip, sondern ergibt sich logisch aus der menschlichen Fähigkeit zu Wünschen höherer Ordnung.[11] Menschen können über ihre eigenen Belange selbst bestimmen.[12] Sie haben daher ein Recht darauf, vor Angriffen von organisierten Wahrheitsbesitzern geschützt zu werden, die über sie verfügen wollen. Ob solche Angriffe als wissenschaftlich, pseudowissenschaftlich oder parawissenschaftlich zu gelten haben, spielt keinerlei Rolle. Sie sind in jedem Falle unberechtigt.


[1] Genau das tut sie aber de facto sehr häufig.

[2] Vgl. Ernst Tugendhat, Vorlesungen über Ethik, Frankfurt am Main 1993, S. 45.

[3] Vgl. William K. Frankena, Analytische Ethik, München 1972, S. 32 ff.

[4] Der Mathematiker Charles Babbage (1791–1871) hat bereits im 19. Jahrhundert zwischen Trimming, Cooking und Forging unterschieden. „Trimming“ bezeichnet die illegitime Glättung von Unregelmäßigkeiten; „Cooking“ bedeutet, nur Ergebnisse zu referieren, die die These bestätigen, und andere wegzulassen; „Forging“ meint manifesten Betrug, also Erfinden von Studienergebnissen und ähnliches. Dies kann man derzeit sozusagen live und in Farbe bestaunen, weil Wissenschaftler im Coronaregime kaum negative Konsequenzen zu befürchten haben und entsprechend wenig Mühe darauf verwenden, ihr Treiben zu vertuschen. Viele zur Begründung strengster Maßnahmen herangezogene Studien wirken insgesamt wie ein globaler Fortbildungskurs in Datenmassage. Schon vor Corona waren die meisten klinischen Studien wertlos, seit Corona ist ihr wissenschaftlicher Wert sicher noch gefallen, ihr propagandistischer Wert jedoch immens gestiegen. Vgl dazu Jon Jureidini/Leemon B. McHenry, The Illusion of Evidence-Based Medicine, Mile End 2020.

[5] Vgl. Horace Freeland Judson, The Great Betrayal, Boston 2004; vgl. Stuart Richie, Science Fictions, New York 2020; vgl. William Broad/Nicholas Wade, Betrug und Täuschung in der Wissenschaft, Basel/Boston/Stuttgart 1984; vgl. Heinrich Zankl, Fälscher, Schwindler, Scharlatane, Weinheim 2003; Vgl. Michael Brooks, Freie Radikale, Berlin-Heidelberg 2014; Vgl. zu Betrugsfällen jüngeren Datums in Deutschland, Marco Finetti/Armin Himmelrath, Der Sündenfall, Berlin 2012. 

[6] Vgl. Larry Laudan, The Demise of the Demarcation Problem, S. 111–127.

[7] Bei Comte war die Wissenschaft die Soziologie und die Religion der Positivsmus. Vgl. Wolf Lepenies, Auguste Comte, Müchen 2010.

[8] Vgl. Peter Janich, Handwerk und Mundwerk, München 2015.

[9] Nicholas Rescher, Studien zur naturwissenschaftlichen Erkenntnislehre, Würzburg 1996, S. 127.

[10] „Signifikant“ im Sinne von: zu auffällig, um zufällig zu sein.

[11] Vgl. Harry G. Frankfurt, Freiheit und Selbstbestimmung, Berlin 2001.

[12] Vgl. Dietmar von der Pfordten, Menschenwürde, München 2016, S. 59ff.

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Wahre Wissenschaft?

Realismus und sein Gegenteil

Im Streit um die Coronamaßnahmen kommt kaum jemand auf die Idee, Wissenschaft als erste Instanz der Begründung oder Kritik abzulehnen. Befürworter wie Kritiker behaupten, die wirkliche, die echte Wissenschaft zu repräsentieren. Dies entspricht der allgemeinen Attitüde, in eigener Sache die Wirklichkeit zu bemühen und als Eigentum zu beanspruchen.

In der Wissenschaftstheorie drückt sich diese Haltung im Realismus aus, der mit dem No-Miracles-Argument eine griffige Formel gefunden hat. Dieses besagt in Kurzform, dass der Erfolg wissenschaftlicher Theorien deren Wahrheit verbürgt. Wäre dem nicht so, müsste man ihn als reines Wunder ansehen. Das No-Miracles-Argument entspricht der Alltagsintuition. Praktischer Erfolg und korrekte Prognosen werden so gedeutet, dass sie Wirklichkeit und objektiver Wahrheit entsprechen. Das logische Verfahren ist das der Abduktion, also der Schluss auf die beste Erklärung. 

Im Gegensatz dazu steht der wissenschaftstheoretische Antirealismus, der sich vor allem auf die Unterbestimmtheitsthese und die pessimistische Metainduktion beruft (dazu gleich mehr). Er wirkt auf den ersten Blick höchst unplausibel, muss seine Akzeptanz bei jedem Schritt erneut gegen die Alltagsintuition erkämpfen.

Was seine spontane Akzeptanz betrifft, hat der Realismus ihm gegenüber also einen großen Vorteil. Dennoch wird der Realismus durch den Antirealismus immer wieder ernsthaft in Bedrängnis gebracht, was allein schon dafür spricht, dass er wohlbegründet ist.

Scheinprobleme

Wie ich nicht müde werde zu betonen, ist die Berufung auf Wirklichkeit oder gar objektive Wirklichkeit in den Händen der Kritiker von Coronamaßnahmen eine stumpfe Waffe. Das gilt auch für jegliches Pochen auf echte Wissenschaft versus Pseudowissenschaft. Beides ist auf der Metaebene sehr schwierig voneinander zu unterscheiden. Genau dort aber müsste geklärt werden, was genau gemeint sein soll, bevor man sich in niederen Gefilden über die wahre Wissenschaft streitet.

Es ist verführerisch, alles Schlechte einfach als „Pseudowissenschaft“, „Ideologie“ oder „Missbrauch“ nach der Devise auszugliedern: Sollte diese oder jene wissenschaftliche Praxis schlechte Eigenschaften aufweisen, ist es eben keine echte Wissenschaft. Ähnliches wird über jedes x-beliebige Überzeugungssystem verbreitet, wenn es gilt, dessen Schattenseiten zu eskamotieren. Solche rhetorischen Manöver sind immer möglich, aber deshalb auch wenig überzeugend. Es mangelt ihnen einfach an Präzision und Reflexion. 

Viele als wissenschaftlich geltende Prinzipien haben sich schon vor geraumer Zeit ins Reich der Legenden (1) verabschiedet. Manche gehören zu dem, was Hilary Putnam als received view bezeichnet hat (2) – zu einem ein Set von Grundüberzeugungen, die Wissenschaftler und Wissenschaftstheoretiker etwa bis 1960 für so selbstverständlich hielten, dass sie sie nicht hinterfragten. (3)

Der received view geht unter anderem davon aus, dass Wissenschaft ein kumulativer Prozess anwachsenden Wissens sei; dass es eine verbindliche wissenschaftliche Methode gebe; dass die Gültigkeit von Theorien sich nur darin erweise, ob letztere jener Methode gerecht werden; dass zwischen Theorie und Beobachtung klar unterschieden werden könne; dass wissenschaftliche Begriffe feststehende Bedeutungen haben. All das und vieles mehr, was noch immer als exklusiv oder typisch wissenschaftlich bezeichnet wird, ist längst vom Tisch.

Wie Larry Laudan in einem berühmten Aufsatz darlegt, sind die zahlreichen seit der Antike unternommenen Versuche, Wissenschaft als höchste Form der Erkenntnis von anderen Systemen abzugrenzen, insgesamt ein einziges Desaster. Sukzessive mussten Ansprüche aufgegeben werden, bis keine mehr übrig waren.

Laudan plädiert dafür, das Abgrenzungsproblem als Scheinproblem zu betrachten und Begriffe wie „Pseudowissenschaft“ oder „unwissenschaftlich“ als „hohle Phrasen“ gänzlich aus dem Vokabular zu streichen. Ob eine Überzeugung als wissenschaftlich gelten kann oder nicht, ist Laudan zufolge uninteressant. Es komme darauf an, ob sie wohlbegründet und praktisch hilfreich sei. 

Rationalität, verstanden als intelligentes Verfolgen angemessener Ziele, (4) ist der Wissenschaft übergeordnet. Rationalität kann gut ohne Wissenschaft existieren, aber Wissenschaft nicht ohne Rationalität. Nicht diese hat sich vor der Wissenschaft zu rechtfertigen, sondern letztere vor der Rationalität. Aus unvoreingenommen rationaler Sicht kann kein eindeutiges Urteil zugunsten des Realismus gefällt werden.

Die pessimistische Metainduktion

Mit der pessimistischen Metainduktion reagierte Larry Laudan auf das No-Miracles-Argument, das bis dahin als robustes Mittel galt, den Antirealismus auf der Metaebene in Schach zu halten. Laudan listet eine ganze Reihe wissenschaftlicher Theorien auf – unter anderem die Phlogistontheorie, den optischen Äther, die Humoralmedizin –, welche in der Vergangenheit sehr langlebig und erfolgreich waren, deren Terme (theoretische Begriffe) jedoch nach heutiger Einschätzung nicht referieren, sich also auf nichts Wirkliches beziehen. Diese Theorien wurden damals als objektiv wahr aufgefasst. 

Weil sie aber nach heutiger Einschätzung nichts Wirkliches getroffen haben, muss der wissenschaftliche Realismus sie für falsch halten. Laudan fügt hinzu, dass seine Liste ad nauseam, also nahezu endlos fortgesetzt werden könnte. Im Klartext bedeutet dies, dass in der Summe fast alle bisherigen wissenschaftlichen Theorien falsch sind. Ihr lang andauernder Erfolg wird dadurch rätselhaft. Laudan dreht also den Spieß um. Wenn so viele wissenschaftliche Theorien im Sinne des Realismus falsch waren, würde es an ein Wunder grenzen, dass ausgerechnet die heutigen Theorien wahr sind.

Schließt man aus der wissenschaftshistorischen Vergangenheit auf die Zukunft (Induktion), ist zu erwarten, dass die derzeit als wahr angesehenen Theorien sich irgendwann im Sinne des Realismus als falsch erweisen werden. Denn der Realismus beharrt ja darauf, dass Terme referieren und wissenschaftliche Theorien sich der „Wahrheit annähern“.

Die pessimistische Metainduktion mahnt zu Bescheidenheit und Reflexion auf eigene Grenzen. Mögen wissenschaftliche Resultate noch so gut begründet scheinen und erfolgreich sein – die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich als falsch erweisen, ist ziemlich groß.

Die pessimistische Metainduktion ist ein Instrument, imperiale Ansprüche der Wissenschaft und Übergriffe ihres Apparates auf die Gesellschaft zu begrenzen. Unter anderem deshalb nimmt es nicht wunder, dass sie ausgiebig und detailreich kritisiert wurde: Sie gelte nicht für reife Theorien, nicht für alle Teilbereiche oder die Struktur derselben. Die existenzielle Bedrohung für den Geltungsanspruch der Wissenschaft bleibt aber. Letztere gründet ihren Ruhm auf der trügerischen Gewissheit, dass die Menschen heute dank ihrer viel weiser sei und viel höher stehe als früher. 

Die pessimistische Metainduktion lässt indes den Gedanken zu, dass wir heute nur auf andere Weise gleich dumm oder sogar törichter sein könnten als vergangene Generationen. Der Stolz auf wissenschaftlichen Fortschritt und das „rational-kritische Weltbild“ wäre dann nur cum grano salis berechtigt. Das reicht aber den Enthusiasten der Wissenschaft nicht aus, um zufrieden zu sein.

Unterbestimmtheit

Hat sich die pessimistische Metainduktion schon in ihrer originären Gestalt als robust gegen zahlreiche Angriffe erwiesen (5), so wird sie zusammen mit der Unterbestimmtheitsthese noch bedrohlicher für den wissenschaftlichen Realismus. 

„Unterbestimmtheit“ meint kurz gesagt, dass Theorien nicht durch Beobachtungsdaten verifiziert oder widerlegt werden können, da Beobachtungen ihrerseits „theoriebeladen“ sind (6). „Der Hexenwahn des 15. und 16. Jahrhunderts war eine Theorie der Besessenheit und stützte sich auf Beobachtungen, die heute in gleicher Weise zu machen sind.“ (7) Ähnlich lässt sich ohne Übertreibung sagen, dass die Wirkung der strengsten Coronamaßnahmen mit empirischen Daten nicht besser begründet ist als beispielsweise die Wirkung von Menschenopfern bei den Azteken. Mit anderen Worten: Messdaten lassen sich nahezu mühelos zur Bestätigung einer von allen Beteiligten geteilten fixen Idee verwenden, selbst wenn sie aus ganz unterschiedlichen, voneinander unabhängigen Bereichen der Wissenschaft stammen.

Die Anhänger der Natürlichen Theologie – zu welchen auch Galilei und Newton gehörten – trugen beispielsweise ab dem 18. Jahrhundert Messdaten und Beobachtungen aus verschiedenen Disziplinen zusammen, um ihre Theorie zu bestätigen, dass Gott die Welt perfekt eingerichtet habe. Letzteres nennt man den „teleologischen Gottesbeweis“. Die Messdaten passten zueinander, sie bestätigten sich gegenseitig. Innere Logik war der Sache prima facie nicht abzusprechen. 

Newton nahm an, dass seiner Gravitationstheorie zufolge die Planeten aufgrund der Reibung im Äther irgendwann in die Sonne fallen müssten. Um dies zu verhindern, rücke Gott sie immer wieder auf ihre Umlaufbahn. (7) Newton sah darin den Beweis, dass Gott tatsächlich in der Welt wirkt, anstatt ohne Interesse abseits zu stehen, wie es der Deismus lehrte. 

Newtons These war durch Beobachtungsdaten hinreichend bestätigt, und viele Kollegen waren ähnlicher Überzeugung. Dass sich eine bestimmte Beweisführung als brüchig erweist und eine Theorie wie die des Äthers irgendwann verworfen wird, ist kein Spezifikum der Natürlichen Theologie, sondern nahezu aller wissenschaftlichen Theorien.

Damals bestätigten sich Menschen aus ähnlichem Milieu, mit ähnlicher Bildung gegenseitig, dass die Idee Gottes kein Hirngespinst war. Auch wenn sie über Details heftig streiten mögen, pflegen Menschen aus ähnlichem kulturellem Milieu sich nun einmal gegenseitig in ihren Grundüberzeugungen zu bestätigen, weil sie nicht von ihrer Gruppe ausgeschlossen und zu denen da unten gezählt werden wollen. Das ist die soziologische Grundlage des wissenschaftlichen Konsenses.

Transiente Unterbestimmtheit

Am reinsten wird das Unterbestimmtheitstheorem von André Kukla vertreten. Er sagt, dass zu jeder beliebigen Theorie eine Alternativtheorie nach folgendem Muster konstruiert werden kann: Hypothese eins trifft immer dann zu, wenn etwas beobachtet wird; wenn aber nichts beobachtet wird, trifft Hypothese zwei zu, die mit Hypothese eins logisch unvereinbar ist. Beide Hypothesen sind empirisch äquivalent, entsprechen also gleich gut der identischen Datengrundlage. (8)

Kuklas Fassung der Unterbestimmung dient hier nur dazu, das Prinzip deutlich zu machen. Die Frage, ob „künstliche“ Alternativhypothesen zur Klärung von Sachverhalten beitragen können, also steril statt fruchtbar sind, sei hier außen vor gelassen.

Höchst „unkünstlich“ wird die Unterbestimmtheitsthese in der Fassung von P. Kyle Stanford: Zu jeder Theorie sind zu jedem Zeitpunkt eine unbestimmte Anzahl radikal widerstreitender Theorien denkbar, die genauso gut oder besser zu den verfügbaren empirischen Daten passen. Sie „existieren“ als konkrete Möglichkeit schon zu diesem Zeitpunkt.

Wissenschaftler ziehen jedoch zum Zeitpunkt x stets nur eine sehr kleine Anzahl möglicher Theorien in Betracht. Dieses Phänomen wird als „transiente Unterbestimmtheit“ bezeichnet. (9) Da sich die Wissenschaftler bis heute in diesem Belang nicht geändert haben, kann durchaus bezweifelt werden, dass der heutige „Stand der Wissenschaft“ dem damaligen bezüglich seiner Wahrheitsnähe oder Objektivität ontologisch überlegen ist. 

Auch engere Vernetzung und größere Anzahl der beteiligten Wissenschaftler ändern laut Stanford an dem Befund nichts. Egal wie groß und vernetzt die Community auch sein mag – sie ist nicht in der Lage, den Umfang möglicher und bestens bestätigbarer Alternativen zu erfassen.

Die Pointe dieser Variante der Unterbestimmtheitsthese ist, dass sie nicht direkt auf Theorien, sondern auf Personen zielt. Die Unterbestimmtheit resultiert aus einer konstitutionellen Beschränktheit von Wissenschaftlern. Liebeserklärungen an die Wissenschaft, mit denen Wissenschaftler ihr Tun emotional erhöhen, dürfen diese Beschränktheit eher fördern. 

Fazit 1

Der wissenschaftlichen Antirealismus kann die Wissenschaft davor bewahren, größenwahnsinnig und übergriffig zu werden. Die Überzeugung indes, dass Wissenschaft als solche einen Zugang, gar einen privilegierten zu Objektivität und Wahrheit gewähre, ist notwendige Bedingung des vorherrschenden Wissenschaftsjakobinismus.

Der Antirealismus vermag als Korrektiv gute Dienste zu leisten, weil er das Versprechen der Wissenschaft einlöst, selbstkritischer zu sein als alle anderen Erkenntnisweisen. Dem Realismus hingegen bleibt solche Skepsis eher äußerlich. Sie dient dort vor allem Propagandazwecken, und im schlimmsten Fall dazu, sich auf vertrackte Weise für unfehlbar zu erklären, nach dem Motto: „Kraft unserer einzigartigen Skepsis und unserer einzigartigen Vernetzung sind unsere Selbstkorrekturmechanismen so ausgeprägt, dass immer nur gilt, was wir sagen.“ (10)

Kategorienfehler

Womit wir wieder beim Streit um die Coronamaßnahmen sind. Hier werden durchgängig wissenschaftliche Standards mit Wissenschaft selbst verwechselt, was einem Kategorienfehler gleichkommt. Wer kritisiert, dass bestimmte Standards nicht eingehalten werden, hat damit nichts über den ontologischen und erkenntnistheoretischen Status der Wissenschaft als solcher ausgesagt. Der Streit um Standards wird jedoch als Kampf zwischen echter Wissenschaft und Pseudowissenschaft ausgetragen, obwohl dies aus rationaler Sicht gänzlich irrelevant ist. Niedrige Standards sind weder per se falsch noch per se unwissenschaftlich.

Setzen wir Rationalität statt Wissenschaft an die erste Stelle, wird die Sache klar. Rationalität ist mit der Forderung nach Konsistenz (Widerspruchsfreiheit) von Begründungen eng verbunden. Das Standardargument gegen Inkonsistenz stammt von Aristoteles und besagt, dass mit widersprüchlichen Argumenten alles Beliebige begründet werden könne.

Norbert Hoerster betont: „Wer logische Widersprüche oder Fehlschlüsse duldet, kann auch durch den besten Erfahrungshorizont kein wahres Weltbild gewinnen.“ (11) Selbst wenn man meint, dass Widerspruchsfreiheit „kein absolut unverzichtbares Erfordernis“ sei, „in dessen Abwesenheit das ganze kognitive Unternehmen Schaden erlitte“ (12), ist starke Inkonsistenz, sind eklatante Selbstwidersprüche sicher in keiner Weise zulässig.

Wie ich ebenfalls nicht müde werde zu betonen, ist das schon die ganze Pointe. In meinem Text Auf verlorenem Posten habe ich ausführlich dargelegt, dass die Coronamaßnahmen mit dem Verweis auf ihre inkonsistente sowie inkohärente Begründung vernichtend kritisiert werden können – und daher auch sollten.

Wenn Karl Lauterbach beispielsweise eine Evaluierung der Coronamaßnahmen verhindern will und zur Begründung auf die schlechte Datenlage verweist, so ist erklärungsbedürftig, warum mit dieser eingestanden schlechten Datenlage alle Coronamaßnahmen gerechtfertigt wurden.

Es besteht auf verbaler Ebene keinerlei Dissens, was valide und reliable Daten, was hohe Evidenzklassen sind. Auch Herr Lauterbach wird nicht Evidenzgrad IV für hochwertiger erklären als Evidenzgrad Ia. Darüber muss also gar nicht gestritten werden. Der Streit muss darum gehen, dass Lauterbach und Co. ihre selbst anerkannten Standards nicht einhalten, sondern mit Doppelstandards arbeiten. Es spielt hierbei nicht die geringste Rolle, ob irgendwer Pseudowissenschaft betreibt oder nicht.

Fazit 2

Ich finde es betrüblich, dass offenbar niemand außer mir die Meinung vertritt, dass bei aller Kritik an den Maßnahmen die Inkonsistenz und Inkohärenz ihrer Befürwortung im Zentrum stehen sollte. Auf moralischer Ebene erscheint diese nämlich als zweierlei Maß, und dieses wird allgemein verurteilt. Menschen haben eine intuitive Abneigung gegen moralische Doppelstandards. Daher rührt der propagandistische Aufwand, ihnen einzureden, konkrete Doppelstandards seien gar keine Doppelstandards.

Anstatt die intuitive Abneigung gegen zweierlei Maß zu fördern, bringen sich Kritiker der Coronapolitik regelmäßig in Teufels Küche, wenn sie die Wissenschaft oder die Wirklichkeit beschwören, als wären es Götter. Daraus lässt sich weder rationales noch propagandistisches Kapital schlagen. Es sollte schlicht unterbleiben.


(1) Vgl. Philip Kitcher, The Advancement of Science, Oxford 1993, Kap.1: Legend’s Legacy.

(2) Vgl. Hilary Putnam, „What Theories are Not”, in: Ernest Nagel, Patrick Suppes, Alfred Tarski (Hg.), Logic, Methodology and Philosophy of Science, 1962, Vol. 44, S. 240–251.

(3) Putnam meint vor allem die Vertreter des Logischen Empirismus.

(4) Vgl. Nicholas Rescher, Rationalität, Würzburg 1993, S. 1–22.

(5) Vgl. dazu die ausführliche Darlegung bei P. Kyle Stanford, Exceeding our Grasp, Oxford 2006, Kap. 6 u. 7.

(6) Vgl. das Standardwerk von Russell Norwood Hanson, Patterns of Discovery, Cambridge 1958.

(7) Vgl. Hans Poser, Wissenschaftstheorie, Stuttgart 2001, S. 193.

(8) Vgl. André Kukla, Studies in Scientific Realism, Oxford, S. 58–81. 

(9) Vgl. Lawrence Sklar, „Methodological Conservatism “, in: Philosophical Review, Vol. 84 (3), 1975, S. 384–400. Vgl. Stanford, Exceeding our Grasp, Kap. 1.3. Vgl. Bas van Fraassen, The Scientific Image, Oxford 1980, S. 59–64. Stanford belegt die transiente Unterbestimmtheit am Beispiel wissenschaftlich etablierter Theorien.

(10) Das ist zusammengefasst die Message des Buches von Florian Aigner.

(11) Norbert Hoerster, Was können wir wissen?, München 2010, S. 44.

(12) Rescher, Rationalität, S. 87.


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Auf verlorenem Posten

Ich verlinke als PDF einen längeren Text von mir zur rationalen Unbegründbarkeit jeglicher Anticoronamaßnahmen:

Hier die Zusammenfassung:

Befürworter strenger Anticoronamaßnahmen wie Lockdowns, Quarantäne, Masken- und Impfzwang treten mit dem Anspruch auf, zumindest beim Thema Corona in höherem Maße über Vernünftigkeit und Wissenschaftlichkeit zu verfügen als die Skeptiker. Andernfalls hätten ihre Forderungen keinerlei Verbindlichkeit. Expliziert man, was Bedingung der Möglichkeit von Vernunft und Wissenschaft ist, kann im Vergleich dazu recht genau quantifiziert werden, wie vernünftig und wissenschaftsbasiert die Einlassungen der Befürworter sind.

Die wichtigsten Regeln vernünftiger Kommunikation lauten: Gleichberechtigung und Gleichverpflichtung aller Teilnehmer, ausschließliche Rechtfertigungspflicht des Behauptenden und Fordernden (Onus probandi incumbit ei qui dicit, non ei qui negat), möglichst widerspruchsfreie, zusammenhängende Begründung = Konsistenz und Kohärenz. Die wichtigsten wissenschaftlichen Prinzipien sind Asymmetrie zugunsten der Nullhypothese, Vergleichbarkeit, Präzision, Sparsamkeit, Operationalisierung = das Messinstrument definiert den Begriff.

Gelten diese Regeln und Prinzipien, können Maßnahmenbefürworter ihren Anspruch in keiner Weise einlösen. Sie stehen bei jeder Einzelfrage vor demselben Dilemma, entweder eine außergewöhnlich starke Pandemie zu postulieren oder Vernunftregeln und wissenschaftliche Prinzipien zu beachten. Beides zugleich ist nicht möglich. Befürworter sind aufgrund ihrer eigenen Standards und Prämissen rational gezwungen, die Position der Skeptiker zu übernehmen.

Die Fragen, ob das Virus wirklich so gefährlich ist, ob PCR-Tests wirklich Infektionen nachweisen können, ob Masken wirklich gegen Atemwegsviren schützen, ob Impfungen wirklich mehr nützen als schaden, führen in Untiefen, die das natürliche Habitat der Befürworter sind. Kritiker der Maßnahmen sollten daher betonen, wie inkohärent die Aussagen ihrer Gegner sind, anstatt zu kritisieren, dass sie nicht mit der „Wirklichkeit“ übereinstimmen. An der Kohärenz scheitern die Befürworter garantiert. Dies scheint jedoch selbst Kritikern weitgehend unbekannt zu sein. Zumindest spielt es in der öffentlichen Diskussion so gut wie keine Rolle.

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