Peta Singer und die sieben Wölflein

Für viele scheint es selbstverständlich, dass Tierrechtler und –befreier für die Ausbreitung des Wolfes in Deutschland sind. Und tatsächlich äußern sich manche der üblichen Verdächtigen auch in diesem Sinne. Die Frage ist jedoch, ob sie dies gemäß ihrer eigenen Überzeugungen auch zu Recht tun.

In der Wolfsschlucht geistiger Umnachtung
Nehmen wir als Beispiel Peta. Ein Vertreter dieser Organisation hat sich in der Fernsehsendung Gehts noch? zu dem Thema geäußert. Seine Argumentation gestaltet sich so wirr, wie man es von Peta gewohnt ist. Ich gehe nur kurz auf den offenkundigsten Unsinn ein, den der Mann im Interview als Argument präsentiert (Link leider inzwischen tot) – zum Beispiel, dass Peta sich für den „Schutz aller Lebewesen“ einsetze. Wer aber den Wolf schützen will, kann nicht zugleich all seine Beutetiere schützen wollen. Auch das Argument, der Wolf sei „schon immer dagewesen“ führt Peta zielsicher ins Aus. Denn wenn diese Art Argument zählen würde, müsste Peta der von ihr scharf kritisierten Aussage zustimmen, dass Menschen „schon immer“ Fleisch gegessen haben und es deshalb auch heute dürfen.

Auf der Suche nach einer klaren ethischen Position
Versucht man nun, die Befürwortung des Wolfes mit der ethischen Grundposition von Peta abzugleichen, muss man eine solche erst aus den einander widersprechenden und lose zusammengefügten Statements extrahieren. In einem Artikel zum Thema Warum sollten Tiere Rechte haben referiert Peta zunächst die Positionen der Philosphen Peter Singer und Jeremy Bentham, die behaupten, dass Leidfähigkeit moralische Berücksichtigung erzwinge. Aus letzterem folgen aber keineswegs Tötungs- und Nutzungsverbote, zu schweigen von Rechten. Doch Peta geht darauf nicht ein, sondern stellt ohne Übergang die ethische Auffassung dar, dass jedes Tier einen ihm innewohnenden Wert und daher Rechte habe. Dies ist aber explizit nicht die Position von Singer oder Bentham, auch nicht die des berühmtesten Tierrechtlers Tom Regan. Was gilt denn für Peta nun?

Sich nen Wolf gedacht …
Spielen wir ungeachtet dessen die Wolfsfrage in Bezug auf die Themen Leid und Rechte einmal durch: Obwohl in der Leidfrage immer Bentham bemüht wird, war dieser selbst kein Vegetarier. Er hielt den Fleischkonsum nicht für moralisch falsch, da der Fleischkonsum den Menschen mehr nutze, als er den Tieren schade. Peter Singer nun trennt die Tötungsfrage von der Leidfrage. Seine Theorie besagt, dass die Tötung von Nichtpersonen erlaubt ist, sofern an die Stelle der getöteten Nichtperson ein Wesen tritt, das im Leben netto mindestens so viele positive Erfahrungen macht wie das getötete Wesen. Für Singer sind Nichtpersonen lediglich Gefäße ihrer Interessen. Das Gefäß kann durchaus zerstört werden, wenn nur der Inhalt nicht verloren geht.

Singer eiert seit je her bei der Frage herum, welche Tiere denn nun Personen seien und welche nicht. Schweinen will er diesen Status zugestehen, obwohl diese nicht einmal in der Lage sind, einen Spiegel zu nutzen, um Nahrung zu ergattern, geschweige denn, sich selbst darin zu „erkennen“. Bei Hunden war er jedenfalls bis Ende der 1990er Jahre sicher, dass sie keine Personen und daher ersetzbar sind. In einem Kommentar zu JM Coetzees „Leben der Tiere“ tröstet er seine Tochter Naomi über den Tod des Familienhundes Max hinweg, indem er darauf verweist, dass ein neuer Hund anstelle von Max gute Hundegefühle haben könne. Nehmen wir also einmal an, dass Singer auch den Wolf für in dieser Weise ersetzbar hält. Für Schafe und Rinder gälte dann das Gleiche.

Schafe, die draußen auf der grünen Wiese gehalten werden, haben auch nach herrschenden Disneykriterien ein besseres Leben als wildlebende Wölfe. Bis zur Wiederkehr des Wolfes konnten sie ohne Angst vor Beutegreifern friedlich herumgrasen; sie brauchen sich überdies keine Sorgen um die Futterbeschaffung zu machen, werden medizinisch versorgt, von Schäfern gehegt und gepflegt. Sie leben im Schnitt länger als Wölfe in freier Wildbahn. Da sie wenig entbehren müssen, haben sie weit mehr Gelegenheit, unterm Strich – also abzüglich der unangenehmen Erfahrungen – angenehme Erfahrungen zu sammeln.

Arrividerci Wolf 1
Daraus folgt, dass man gemäß Singers Auffassung nicht für die Wiederkehr des Wolfes sein kann. Im Gegenteil: Man müsste sich konsequenterweise für die Erweiterung der Weidehaltung aussprechen. Wenn man jeden Wolf tötet und an seiner Stelle ein Schaf, besser zehn, hundert oder tausend Schafe großzieht, hat man das allgemeine „Nettoglück“ erhöht. Die permanente Anwesenheit von Wölfen vergrößert den Stress der Weidedetiere ganz erheblich. Die Wiederansiedelung des Wolfes im Yellostone-Nationalpark hat zum Beispiel eine „Ökologie der Angst“ etabliert, wie der Tierrechtler Oscar Horta schreibt,  in der die Wapitis in dauerhaftem Stress leben, sich zurückziehen, weniger Nahrung erhalten, häufiger krank und hungrig sind und daher zahlreicher sterben. Man würde also durch die Verbreitung des Wolfes das Nettoglück schmälern, ohne das der Wölfe wesentlich zu erhöhen. Hinzu käme noch das Leid der Herdenschutzhunde, die sich brutale Kämpfe mit den Wölfen liefern müssten. Und auch die Wölfe würden durch solche Auseinandersetzungen natürlich mehr leiden.

Arrividerci Wolf 2
Wenn nun alle Tiere aufgrund des ihnen innewohnenden Werts Rechte hätten, vor allem das Recht auf Leben, käme man ebenfalls nicht weiter. Hätte der Wolf ein Lebensrecht, hätte es das Schaf auch. Also müsste man sich entscheiden, wer das „höhere“ Lebensrecht hat – dies wäre aber durch nichts begründet. Dass man Wölfe schöner oder intelligenter findet als Schafe kann ja kein rationaler Grund sein, den Wolf rechtlich höher zu stellen als das Schaf. Da es keine erkennbare Lösung gibt, das so verstandene Lebensrecht auch durchzusetzen, ist es von vornherein ungültig und unwirksam.

Hätte nun der Wolf trotzdem ein Recht auf Leben, ohne zugleich Subjekt von Pflichten zu sein, käme es zu folgender absurder Konsequenz: Der Wolf könnte dem Schaf kein Unrecht tun – er könnte aber auch dem Menschen kein Unrecht tun, wenn er ihn angreift und tötet. Kein anderer Mensch wäre verpflichtet, einem Angegriffenen zur Hilfe zu eilen, denn der Wolf verletzt nicht das Lebensrecht des Menschen. Schlimmer noch: Da das Lebensrecht eines hungrigen Wolfes verletzt würde, wenn man ihm die menschliche Beute verweigerte, wären wir sogar verpflichtet, ihm den Menschen als Beute zu überlassen (dieser Gedankengang wird hier näher erläutert). Rechte brechen alle anderen Normen und auch die Intuition, dass man Menschen doch helfen müsse.

Wäre der betreffende Mensch ein Baby oder Kleinkind, das nach Meinung der Tierrechtler ja noch keine Person ist, wäre der einzige Grund, das Kind zu retten, seine Spezieszugehörigkeit, sofern man sich als Tierrechtler nicht verpflichtet fühlt, ein beliebiges Jungtier ebenfalls zu retten. Mit anderen Worten: Die Rettung des Kindes wäre durch nichts begründet als durch lupenreinen Speziesismus! Tatsächlich sind einige bedeutende Tierrechtler gegen die Wiederkehr von Großbeutegreifern in Gegenden, wo diese bereits ausgerottet wurden – so zum Beispiel erwähnter Oscar Horta. Darüber hinaus informiert der gute Wikipedia-Artikel Wildtierleid über die Dimension des Problems, das alle Tierrechtler haben, die für die Ansiedelung von Großbeutegreifern sind.

Da Peta nirgendwo verkündet, das Recht auf Leben der Tiere verpflichte uns dazu, in bestimmten Situationen Hilfe bei Angriffen auf Menschen zu unterlassen, kann Peta auch vom Rechtsstandpunkt aus nicht für die Wiederansiedelung des Wolfes sein. Wölfe greifen nachweislich Menschen an. Stellt Peta sich im Falle des Falles den Rettern entgegen und ruft: „Haltet ein! Ihr verletzt das Lebensrecht des hungrigen Wolfes“? Peta müsste dies eigentlich tun, und wenn sie es täten, wären sie immerhin leidlich konsequent. Aber solche Konsequenz schadet selbstverständlich sehr dem Image.

Fazit
Wenn man die Gedankenknäuel entwirrt, die Peta täglich dem gleichermaßen verwirrten Publikum zuwirft, kann man zu keinem anderen Schluss kommen, als dass Peta ihren eigenen Prinzipien folgend gegen die Wiederkehr des Wolfes sein und seinen Abschuss befürworten müsste.

Ob es nun pure Dummheit oder perfide Absicht ist, sich derart nebulös und widersprüchlich auszudrücken, wie Peta dies stets tut, sei dahingestellt. Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus beidem. Peta kann auf den allgemeinen Unwillen zum klaren Denken sowie den Willen, andere anzuklagen, jedenfalls fest bauen.

Rein vegan?

Gegner des Veganismus kritisieren oft, dass kein Veganer rein vegan lebe. Doch um dies behaupten zu können, müsste erst einmal geklärt werden, was vegan bedeuten soll. Als unbedingten Veganismus könnte man eine Lebensweise bezeichnen, für die keinerlei Tiere genutzt werden und sterben dürfen. Unbedingter Veganismus ist jedoch unmöglich. Will man ihm nahekommen, ist man zu einer äußerst asketischen Lebensweise, mithin zur Selbstaufgabe verpflichtet. Darauf haben die hiesigen Veganer aber keine Lust. Also erklären sie jene Norm zu einer Art regulativer Idee und versehen sie mit zahlreichen Einschränkungen (bedingter Veganismus).

Die Definition der Vegan Society von 1979 lautet:

Veganismus ist eine Lebensweise, die versucht – soweit wie praktisch durchführbar – alle Formen der Ausbeutung und Grausamkeiten an leidensfähigen Tieren für Essen, Kleidung und andere Zwecke zu vermeiden; und in weiterer Folge die Entwicklung und Verwendung von tierfreien Alternativen zu Gunsten von Mensch, Tier und Umwelt fördert. In Bezug auf die Ernährung bedeutet dies den Verzicht auf alle Produkte, die zur Gänze oder teilweise von Tieren gewonnen werden.

Man sieht, dass die Mitglieder der veganen Gesellschaft sich hier gegen den Vorwurf absichern, ihre eigenen Normen nicht zu befolgen. Denn was heißt schon „praktisch durchführbar“? Was heißt „Ausbeutung und Grausamkeiten“? Was heißt „leidensfähige Tiere“? Was soll eine „tierfreie Alternative“ sein? In obiger Definition ist nicht einmal ein Tötungsverbot enthalten. Verzicht auf Tierprodukte wird nur in Bezug auf die Ernährung wirklich gefordert. Listigerweise sind bloß Produkte von Tieren gemeint, nicht etwa Produkte, die Leid und Tod von Tieren notwendig voraussetzen.

In der modernen Zivilisation kann nicht vermieden werden, täglich eine erkleckliche Anzahl solcher Produkte direkt oder indirekt in Anspruch zu nehmen. Dies wird von Veganern auch nicht bestritten, sondern bietet Gelegenheit zur fundamentalen Gesellschaftskritik, wonach unsere Zivilisation zutiefst „speziesistisch“ sei. Es ist zudem nicht ersichtlich, dass ein x-beliebiger Fleischesser hierzulande insgesamt weniger Tierleidprodukte konsumiert als ein x-beliebiger Veganer. Trotz allem kann man nicht behaupten, dass letzterer gemäß obiger Definition nicht vegan lebt, bloß weil er eine unbestimmte Anzahl von Tierprodukten konsumiert.

Was ist also der Haken? Der Haken ist, dass die Unverbindlichkeit, mit der Veganer ihren Veganismus definieren, im Gegensatz zum verbindlichen Charakter moralischer Normen und zum rigorosen Gestus vieler Veganer steht. Wie kategorisch kann aber eine Norm sein, die als bloßer Gummiparagraf formuliert wird? Warum soll man sie sich überhaupt zu eigen machen? Das Ganze scheint ja nicht allzu wichtig zu sein. Im Bestreben, sich gegen den Vorwurf der Inkonsequenz zu immunisieren, nähern Veganer ihre Lebensweise definitorisch einer moralisch indifferenten Form des Lifestyles an. Doch das wollen sie zugleich unbedingt vermeiden. Sie bestehen ja auf ihrer moralischen Vorzüglichkeit.

Die Unstimmigkeit ergibt sich also nicht einfach daraus, dass Veganer nicht vegan leben. Sie ergibt sich daraus, dass Veganer so auftreten, als würden sie einen unbedingten Veganismus praktizieren, während sie in Wahrheit einen äußerst bedingten an den Tag legen. Als unbedingte Veganer treten sie auf, wenn sie andere ins Unrecht setzen wollen. Als bedingte Veganer treten sie auf, wenn es um ihre eigene Lebensführung geht. Wenn sie betonen, wie leicht es doch sei, vegan zu leben, wollen sie damit andere in die Defensive treiben. Wenn sie betonen, wie schwierig es sei, vegan zu leben, wollen sie damit sich selbst von ihren Normen dispensieren. Ungeachtet solcher Manöver bleibt die Frage, warum jemand die moralischen Normen des Veganismus übernehmen soll, wenn sie selbst den Veganern de facto so wenig wichtig sind.

Tiere, Sprache und Moral

Die Behauptung, Tiere hätten Sprache und Moral, wird seit einigen Jahrzehnten von vielen Philosophen nebst angelagerter Presse eiftig unters Volk gestreut. Die Menschen sind durch das Bambi-Syndrom, durch Biene Maja, Schweinchen Babe, Clownfisch Nemo bestens für diese Botschaft präpariert. Fällt das Wort „Tiere“, wird sofort „sind wie wir“ dazugedacht.

Dabei geht unter, dass Begriffe eine eigentliche Bedeutung und eine erweiterte Bedeutung haben. In der Rechtswissenschaft wird von Begriffskern und Begriffshof gesprochen. Die Arbeit jener Philosophen besteht seit vielen Jahren darin, alles Mögliche und Unmögliche aus dem Begriffs-Vorhof in den Hof einzulassen, wo es dann so lange gegen den Kern drückt, bis er gesprengt wird. Es bleibt dann nur noch eine Begriffshülle übrig, die man bequem mit der eigenen Willkür füllen kann.

Der Zweck dieses Unterfangens ist klar: Der Mensch soll vom Podest gestoßen werden, auf das er sich illegitim gestellt habe. Es nimmt daher nicht wunder, dass die Protagonisten aus ihren vermeintlich neuen Erkenntissen handfeste moralische und rechtliche Forderungen ableiten. Das gilt auch für Verhaltensforscher. Typisch ist zum Beispiel Jane Goodall, die bereits mit dem erklärten Ziel angetreten ist, zu „beweisen“, dass Schimpansen uns so ähnlich seien, dass wir ihnen Menschenrechte zugestehen müssen. Solche „Forschung“ ist im Grunde zirkulär, aber das ist gewissermaßen das Schöne daran. Denn unter der Voraussetzung, dass Tiere sind wie wir, sind sie es selbstverständlich auch. Und unter dieser Voraussetzung lässt sich viel „Aufregendes“ entdecken. Wenn es um Tiere geht, wird jeder noch so banale Sachverhalt mit dem großem Heureka begleitet, man habe entdeckt, dass Tiere auch …

Haben Tiere Sprache? Die Primatenforscherin Julia Fischer antwortet: „Nein, die haben keine Sprache. Und dazu haben wir auch die Daten geliefert. Wir können zeigen, wo Gemeinsamkeiten sind in der Kommunikation zwischen Affen und Menschen, nämlich auf dieser Verständnisseite, also dass Affen auch in der Lage sind, hunderte von verschiedenen Geräuschen richtig zu interpretieren, zu benutzen, um was vorherzusagen, auch als Symbole zu verstehen. Aber was sie eben nicht haben, ist die Freiheit, bestimmte Laute zu äußern, und die arbiträr, willkürlich mit Bedeutung zu belegen. Das haben sie eben überhaupt nicht. Und das hat auch kein anderes Tier.“

Haben Tiere Moral? Der Psychologe und Primatenforscher Thomas Suddendorf antwortet: „Menschen stellen selbstreflexible moralische Überlegungen an und treffen moralische Urteile. Wir bewerten die Absichten und Überzeugungen, die Handlungen zugrunde liegen, und allem Anschein nach tun Tiere nichts, was auch nur annährernd damit vergleichbar wäre.“ („Der Unterschied, Berlin 2014, S. 284) Genau das hat bereits Darwin als den bedeutsamsten Unterschied zwischen Menschen und „den unter ihnen stehenden Tieren“ betrachtet.

Halten wir also fest: Tiere haben keine Sprache und keine Moral im eigentlichen Sinn. Wichtig zu betonen ist hierbei, dass kein Forscher dies behauptet – auch nicht Frans de Waal oder Mark Bekoff . Seit Darwin hat sich an jenem Befund nicht das Geringste geändert.

Der eigentliche Sinn von Begriffen ist das, was sie beim Menschen bedeuten. Alles andere sind Übertragungen, Metaphern, Erweiterungen. Tiere haben dann allenfalls eine „Art Sprache“, eine „Art Moral“, eine „Art Kultur“, eine „Art Selbstbewusstsein“ usw. Doch daraus könnte man auch immer nur eine „Art moralischen Status“ ableiten. Im Grunde sind diese Übertragungen bei vielen nichts anderes mehr als freie Assoziationen und Phantasien.

Das hat weitreichende Folgen für Moral und Recht. Es wird so getan, als sei es rational nicht begründbar, moralischen Status lediglich an Vernunft- und damit an Moralfähigkeit allein zu binden und jenen Status de facto nur Menschen zuzuweisen. Letzeres ist aber die stringenteste Bestimmung, die es überhaupt geben kann. Statt dessen sollen Ethik und Recht sich vagen Analogien und nebulösen Begriffen wie „Empfindungsfähigkeit“ oder „Bewusstsein“ ausliefern, mit welchen Tierphilosophen ihre radikalen Forderungen verbinden. In einer Sprache der Uneigentlichkeit werden ganz eigentliche rechtliche und moralische Normen zu Gunsten von Tieren begründet. So etwas höhlt Moral und Recht auf Dauer aus. Und genau dies kann man ja auch seit Jahrzehnten beobachten

Goldene Regel ad absurdum

Auf der Seite Wofür PETA wirklich steht beschwören die Aktivisten unter dem Stichwort „Ethical“ die Goldene Regel: „Behandle andere so, wie du von anderen behandelt werden willst“. Unter dem Stichwort „Treatment“ beklagen sie, dass „wir“ von klein auf gelernt hätten, „verschiedene Lebewesen unterschiedlich zu behandeln“. Unter dem Stichwort „Animals“ findet sich die Aussage: „Wir alle sind Tiere“. Es sei „eindeutig ein Fehler“, liest man an dieser Stelle, „die Gedankenwelt der Tiere als weniger entwickelt, weniger rational, weniger ethisch oder weniger intelligent als unsere abzutun“.

Eindeutig ein logischer Fehler ist es, Tiere ethisch und kognitiv den Menschen gleichzustellen und dann von ersteren nicht die Befolgung der Goldenen Regel zu verlangen. Denn diese ist keine Einbahnstraße, sondern setzt Gegenseitigkeit voraus. Warum sollen also Menschen in ihrer Eigenschaft als Tiere nicht das Recht haben, andere Tiere „auszubeuten, zu misshandeln und zu verwerten“, wenn Tiere das Recht haben, andere Tiere einschließlich des Menschen zu „misshandeln, ausbeuten und verwerten“ (z.B. als Beute zu reißen oder als Habitat für Larven zu benutzen)?

Wenn Tiere das Recht haben, von Menschen mit Respekt und Achtung behandelt zu werden, warum haben dann – siehe Goldene Regel – Menschen nicht das Recht, von Tieren mit Respekt und Achtung behandelt zu werden? Wenn Tiere nicht weniger intelligent und „ethisch“ sind als Menschen, warum lassen die Aktivisten ihre Kinder nicht bei Nacktmullen Jura studieren oder von Plattwürmern erziehen? Wären Tiere genauso ethisch – also moral- und rechtsfähig – wie Menschen, müsste man sie für ihr Tun verantwortlich machen. Diese Konsequenz wird aber weder von Peta noch von den allermeisten Tierrechtlern gezogen. Im Gegenteil: Es wird ausdrücklich betont, dass Tiere unschuldig, also nicht zurechnungsfähig seien. Die Gedankenwelt der Tiere muss also auch von Peta als weniger ethisch eingestuft werden als die der Menschen. Andernfalls müsste die Goldene Regel nicht nur gegenüber Tieren gelten, sondern auch von Tieren befolgt werden. Da die Peta-Aktivisten dies nicht verlangen, widersprechen sie sich selbst und führen ihre eigene Forderung ad absurdum.

Es ist zwar richtig, dass die Zugehörigkeit zu einer biologischen Spezies als solche kein hinreichender Grund sein kann, einer bestimmten Spezies moralischen Vorrang zu gewähren. Doch der moralische Vorrang des Menschen ergibt sich gar nicht aus dieser Zugehörigkeit als solcher, sondern daraus, dass es prinzipiell möglich ist, ihm sein Handeln als „Verschulden oder Verdienst zuzuschreiben“ (Peter Janich). Dies ist bei Tieren grundsätzlich unmöglich bzw. sinnlos. Wenn Tierrechtler aus dem Tatbestand, dass Homo sapiens biologisch gesehen zur Familie der Primaten gehört, die Forderung ableiten, Mensch und Tier rechtlich-moralisch gleichzustellen, verwechseln sie Taxonomie mit Jurisprudenz und Ethik. Der Mensch ist rein physikalisch gesehen ein Körper. Daraus folgt aber nicht, dass er Würfel oder Murmeln wie Brüder und Schwestern behandeln müsse. „Die egalitäre Denkungsart taucht den Menschen tief in den evolutionären Lebensstrom zurück, und der ethische Impetus verlangt gleichzeitig, dass er als moralisches Subjekt seinen Kopf daraus erhebt“, schreibt der Philosoph und Theologe Peter Kunzmann.

Wenn Menschen nur Tiere wären, gälten nicht die Menschenrechte für Tiere, sondern die „Tierrechte“ für Menschen (also das Recht des Stärkeren). Dann dürfte sich eine Aktivistin nicht beschweren, wenn sie von einem Aktivisten zum Sex gezwungen oder am Spieß gebraten würde. Es wäre ja nichts anderes als „artgerechtes Verhalten“.

Naturalistischer Fehlschluss?

In Diskussionen über Fleischkonsum und Nutztierhaltung ergreifen oft Personen das Wort, die versuchen, andere mit »philosophischem« Vokabular einzuschüchtern. Eines der beliebtesten Einschüchterungsmittel ist es, zu behaupten, dass jemand, der sich in moralischen Belangen auf Natur berufe, einen »naturalistischen Fehlschluss« begehe. Wenn man nicht weiß, was das ist, steht man erst einmal da wie der Ochs vorm Berge. Dritte bekommen den Eindruck, dass jene »Philosophen« geistig-moralisch überlegen sind.

Erklärung

Sein-Sollen-Fehlschluss
Wenn wir uns mit anderen Menschen auseinandersetzen, um sie von etwas zu überzeugen oder etwas von ihnen zu fordern, argumentieren wir immer verkürzt. Wir legen nicht fein säuberlich jede Annahme offen, von der wir ausgehen, sondern setzen je nach Zusammenhang viele Annahmen als bekannt oder unstrittig voraus. In der Argumentationslehre nennt man diese Vorgehensweise »enthymemisch«. Wir sagen zum Beispiel: »In Afrika herrscht eine Hungersnot. Also sollen wir den Menschen dort mit Nahrungsmittellieferungen helfen.« Es gibt hier einen Tatbestand »Menschen in Afrika hungern« und eine moralische Forderung »Wir sollen ihnen helfen«. Inwiefern folgt aber das eine aus dem anderen? Antwort: gar nicht. Es fehlt die Brücke in Gestalt einer weiteren moralischen Forderung im Bereich der zugrundeliegenden Annahmen(Prämissen). Diese weitere moralische Forderung sprechen wir nicht aus, weil wir sie für selbstverständlich halten. Dass man Menschen in Not helfen sollte, gilt allgemein als unstrittig. Und dass Hunger eine Form der Not sei, ist eine weitere unausgesprochene Annahme.

Die Form des Arguments ist folgende:

Prämisse 1 (Obersatz): Hunger ist eine Form der Not.
Prämisse 2 (Untersatz): Menschen in Afrika hungern.
Schlussfolgerung (Konklusion): Hungernde Menschen in Afrika sind in Not.

Bis hierhin haben wir aber moralisch noch nichts gewonnen. Wir wissen noch nicht, was wir tun sollen. Das ändert sich jetzt:

Prämisse 3: Menschen in Not soll man helfen.
Prämisse 4: Hungernde Menschen in Afrika sind in Not.
Konklusion: Hungernden Menschen in Afrika soll man helfen.

Dieser Schluss ist logisch wahr und damit gültig. Zu diesem Schluss gelangen wir aber nur, wenn wir Prämisse 3 hinzufügen. Denn diese ist im Gegensatz zu den anderen nicht beschreibend, sondern vorschreibend. Die ersten beiden Prämissen drücken ein Sein aus, die letzte ein Sollen. Es war der schottische Philosoph David Hume (1711–1776), der erstmals darauf aufmerksam gemacht hat, dass aus purem Sein unmittelbar kein Sollen (moralisches Gebot) folgt. Das nach ihm benannte Gesetz besagt also: »Aus einem Sein folgt kein Sollen.« Wer dennoch aus beschreibenden (deskriptiven) Sätzen vorschreibende (präskriptive) Sätze ableitet, begeht einen Sein-Sollen-Fehlschluss.

Wichtig ist, dass es sich hierbei um eine rein formale Bestimmung handelt. Es geht nicht unmittelbar um materiale Wahrheit, sondern nur um logische Wahrheit (Gültigkeit). Wenn jemand sagt: »Die Menschen in Afrika hungern, also sollten wir sie töten«, zieht er einen Sein-Sollen-Fehlschluss. Diesen kann er verhindern, indem er sagt: »Hungernde soll man töten. Die Menschen in Afrika hungern. Also sollten wir die Hungernden in Afrika töten.« Dem würde wohl niemand zustimmen, aber der Schluss ist logisch korrekt.

Abwürgen oder Anregen?
Der Einwand, es liege ein Sein-Sollen-Fehlschluss vor, wird oft verwendet, um Diskussionen abzuwürgen. Er kann diese aber auch anregen, denn die Teilnehmer werden dadurch ermuntert, ihre unausgesprochenen Annahmen offenzulegen. Eine bloße Diskussion nähert sich dann einer echten Argumentation. In logischen Argumentationen geht es immer »ums Eingemachte«. Dort kann man sich nicht mehr mit irgendwelchen Mätzchen herausreden, zum Beispiel Drohungen, persönlichen Angriffen, Berufung auf Selbstverständlichkeit oder höhere Mächte. Argumente beinhalten ein Set von Sätzen, die untereinander widerspruchsfrei sein und lückenlos auseinander hervorgehen müssen. Anders formuliert: Argumente müssen konsistent und kohärent sein. Wenn Veganer sagen: »Die Tiere in der Nutztierhaltung leiden, also gehört die Nutztierhaltung abgeschafft«, ist dies ein Sein-Sollen-Fehlschluss.

Weist man sie auf Humes Gesetz hin, antworten sie meist, dass es sich beim Leiden der Nutztiere um »unnötiges« Leid handele und dass unnötiges Leid vermieden werden müsse. Daraufhin müssten die Veganer unter anderem darlegen, in Bezug auf welchen Zweck dieses Leiden unnötig erscheint und wie genau man es ermitteln könnte. An dieser Stelle steigen viele aus der Diskussion aus, obwohl es hier erst interessant wird. Treibt man seine Gegner aber so weit in die Tiefe einer Argumentation, kann man zeigen, dass ihre moralische Position sich keineswegs von selbst versteht und es auch legitime andere Meinungen gibt. Das reicht in der Regel, um deren Nimbus als Bessermenschen zu zerstören.

Naturalistischer Fehlschluss
Der Begriff »naturalistischer Fehlschluss« (»naturalistic fallacy«) stammt vom Philosophen George Edward Moore (1873–1958) und bezeichnet die Fehlannahme, dass das moralische Prädikat »gut« durch beschreibende Prädikate definiert werden kann. Was ist damit gemeint? Wenn wir zwei Stühle vor uns haben, die mit Ausnahme der Farbe vollkommen identisch sind, kann man sinnvoll sagen: »Stuhl x unterscheidet sich von Stuhl y nur dadurch, dass er gelb und nicht grün ist.« Sind beide Stühle aber auch farblich identisch, ergibt es keinen Sinn zu sagen: »Stuhl x unterscheidet sich von Stuhl y nur dadurch, dass er gut ist.« Im ersten Fall haben wir es nämlich mit einer Beschreibung zu tun, im zweiten mit einer Bewertung. Wenn man sagt: »Person x ist ein großer Mensch«, beschreibt man sie. Wenn man sagt: »Person x ist ein guter Mensch«, bewertet man sie. Das Prädikat »gut« wird nicht durch Person x definiert. Person x ist gut, weil sie bestimmte Eigenschaften hat, die dem Guten zugeordnet werden. Das Gute selbst bleibt hier aber eine Black Box. Der Fehlschluss kommt zustande, wenn man von der äußeren Gestalt des Satzes »x ist gut« darauf schließt, dass es sich hierbei um eine Definition des Guten handelt (»x bedeutet gut«).

Berufung auf Natur = naturalistischer Fehlschluss?
Das Konzept des naturalistischen Fehlschlusses hat nichts mit Natur oder Natürlichkeit im Besonderen zu tun. Das Beiwort »naturalistisch« führt in die Irre, denn die Kritik, die mit diesem Konzept formuliert wird, »besagt nicht, dass eine Ableitung moralischer Normen aus Naturtatsachen fehlerhaft ist, sondern dass eine Ableitung aus beliebigen rein deskriptiven Aussagen fehlerhaft ist«, stellt der Philosoph Dieter Birnbacher klar. Es ist gleichgültig, ob die beschreibende Aussage sich auf Natur, Kultur, Religion oder etwas anderes bezieht. Aus der bloßen Aussage, dass es die zehn Gebote gibt, folgt noch nicht, dass wir diese auch befolgen sollen. Wer sich also in einer ethischen Argumentation auf Natur beruft, begeht nicht schon allein deswegen einen naturalistischen Fehlschluss. Er begeht diesen zum Beispiel nicht, wenn er – aus welch fragwürdigen Gründen auch immer – davon ausgeht, dass die Natur selber moralische Normen enthält. Enthält die Natur unabhängig vom Menschen moralische Normen, ist es kein logischer Fehler, von der Natur ohne Umweg auf das menschliche Sollen zu schließen.

In Diskussionen mit ethischen Vegetariern rechtfertigen Befürworter des Fleischkonsums ihr Tun spontan meist mit Aussagen wie diesen: »Der Mensch hat von jeher Tiere genutzt und gegessen« (1), »Menschen sind von Natur aus Allesfresser mit einer natürlichen Neigung zu tierlichem Eiweiß« (2), »Das Gehirn des Menschen konnte sich nur zu solcher Komplexität entwickeln, weil die Menschen so viel Fleisch gegessen haben« (3). Ethische Vegetarier, die sich einen philosophischen Anstrich geben, bügeln solche Aussagen reflexartig mit dem Einwand ab, dass diese Aussagen auf einem »naturalistischen Fehlschluss« beruhen. Wenn (1) bis (3) Teile verkürzt vorgetragener Argumente (Enthymeme) sind, kann man die unausgesprochenen (impliziten) Annahmen auf Nachfrage offenlegen (explizieren) und (1) bis (3) in diese Argumente einbetten.

Beispiel (1)

P 1: Tiernutzung und –verzehr dienen der menschlichen Wohlfahrt.
P 2: Der Mensch hat von jeher Tiere genutzt und verzehrt.
K 1: Tiernutzung und –verzehr dienen von jeher der menschlichen Wohlfahrt.

An dieser Stelle weiß man noch nicht, was man tun oder lassen soll. Das ändert sich jetzt:

P 3: Was der menschlichen Wohlfahrt dient, soll nicht aufgegeben werden.
P 4: Tiernutzung und –verzehr dienen der menschlichen Wohlfahrt.
K 2: Tiernutzung und –verzehr sollen nicht aufgegeben werden.

Beispiel (2)

P 1: Für Allesfresser mit einer natürlichen Neigung zu einem hohen Anteil tierlicher Nahrung ist ein hoher Anteil tierlicher Nahrung gesund.
P 2: Der Mensch ist ein Allesfresser mit einer natürlichen Neigung zu einem hohen Anteil tierlicher Nahrung,
K 1: Der Mensch braucht einen hohen Anteil tierlicher Nahrung, um gesund zu sein.

P 3: Der Mensch soll sich gesund ernähren.
P 4: Der Mensch braucht einen hohen Anteil tierlicher Nahrung, um gesund zu sein.
K 2: Die Palette der menschlichen Ernährung soll einen hohen Anteil tierlicher Nahrung enthalten.

Beispiel (3)

P 1: Um ein so komplexes Gehirn zu entwickeln, wie Homo sapiens es hat, brauchten Hominiden viel Fleisch.
P 2: Der Mensch ist ein Hominide.
K 1: Der Mensch brauchte zur Entwicklung seines so komplexen Gehirns viel Fleisch.

P 3: Was der Mensch zur Entwicklung brauchte, braucht er auch zum optimalen Funktionieren.
P 4: Der Mensch brauchte zur Entwicklung seines so komplexen Gehirns viel Fleisch.
K 2: Der Mensch braucht zum optimalen Funktionieren seines Gehirns viel Fleisch.

P 5: Der Mensch soll dafür sorgen, dass sein Gehirn optimal funktioniert.
P 6: Der Mensch braucht zum optimalen Funktionieren seines Gehirns viel Fleisch.
K 3: Der Mensch soll viel Fleisch essen.

Benennt man die unausgesprochenen Prämissen seiner verkürzten Argumentation auf diese Weise, kann man den Einwand entkräften, einen naturalistischen Fehlschluss begangen zu haben. Manchem mag dadurch erst klar werden, was er mit den Aussagen (1) bis (3) genau gemeint hat bzw. sinnvollerweise meinen kann.

Fazit

Die Konzepte des Sein-Sollen- und naturalistischen Fehlschlusses sind bei Hume und Moore Teil einer umfassenden ethischen Theorie. Hume und Moore wollten keine logischen und sprachanalytischen Spielchen treiben, um halbgebildeten Sektierern ein rhetorisches Kampfmittel zu liefern. Deren Versuch, Diskussionen abzuwürgen, sollte man kontern, indem man seine Position präziser erläutert, um damit wiederum den Gegner unter Zugzwang zu setzen.