Was jetzt zu tun ist

Erst, seit ich Vater geworden bin, weiß ich, wie wichtig verantwortliches Handeln ist. Was kommt auf den Teller? Was kommt in Frage? Wie erzähle ich es meinen Kindern? Und wenn ja, wie vielen?

Als Vater kommt man da schon mal ins Grübeln. Man beginnt, in Zusammenhängen zu denken. Deswegen habe ich ein Buch geschrieben. Ich widme es meiner Frau und meinen Kindern, ohne die es nicht möglich gewesen wäre. Meine Familie lehrte mich, Verantwortung zu spüren und auf andere abzuwälzen. Früher war ich ein Egoist, heute bin ich ein Mensch, der über andere bestimmt.

Wir müssen mehr aufmerken und zuhören. Ein feines Gespür für die Mitgeschöpfe tut Not. Ernährungsbewusste Ernährung. Auch Schweine sind Wesen. Wir dürfen sie nicht mästen. Sie sind dick genug! Der Kinder wegen. Unserer Kinder.
Weniger ist manchmal mehr. Weniger Überfluss, weniger Unterhalt, weniger Unwucht. Dafür mehr Bereitschaft, mehr Unterfangen, mehr Unverzagen. Das fängt im Kleinen an und hört im Großen auf. Bewusst bewirken – darauf kommt es an. Jeder kann was tun. Der Kinder wegen. Unserer Kinder.

Wir brauchen eine neue Ethik. Eine Ethik des Stillen, eine Ethik der Liebe, wo der Mensch  im Mittelpunkt steht. Der Kinder wegen. Der Rinder wegen. Der Inder wegen. Lasst es uns versuchen! Der von wegen. Unserer von wegen.

Die 3Sat-Lena

Es ist immer rührend, wenn die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten sich bemühen, „frischen Wind“ in ihr Kulturprogramm zu bringen. Dieses Bemühen ist durchaus verständlich, wenn man sich manchen Drömmelkopp ansieht, der zur Moderation in der Sparte „Kultur“ abkommandiert worden ist. Missmutig versieht er seinen Dienst, stets mit einem entschuldigenden Blick, der besagt: „Ich kann doch auch nix dafür. Ist nun mal Kultur, einer muss es doch machen.“
Noch schlimmer als solche verschnarchten Schmöcke sind die Quirligen mit kulturellem Sendungsbewusstsein: „Lesen! Basta! Zack-zack, ihr Kulturbanausen!“ Willemsen und Heidenreich quasseln dir die Birne weich.

Da kann man schon verstehen, dass die Programmchefs begeistert waren, als sie das Youtube-Video von Katrin Bauerfeind anschauten, welches ihnen der zuständige Redakteur vorspielte. Motto: Die würde aber frischen Wind in unser Programm bringen, was? Hoho. Und die kommt sogar aus dem Internet! Wie modern ist das denn?
„Sehen’s, Herr Professa, sso a siaßes, junges, unverbrauchtes und natürliches Moderatorerl könnte das junge Pubikum hervorragend an die Kultur heranbindn … äh … -führn und bindn und dos ois, ned woa?“

Daran muss ich immer denken, wenn ich die kleine, freche, schlaue Biene Katrin im Fernsehen sehe. Das ist bis jetzt so zwei-, drei-, viermal vorgekommen, und es war immer schön.
Einmal fragte sie den Tenor Juan Diego Florez etwas über dessen Gesangskunst: „Sagen Sie mal, das sieht alles so einfach aus, was Sie da machen. Ist das wirklich so einfach?“
Herr Florez antwortete freundlich, was man nicht für möglich gehalten hätte: „Nein, das ist das Ergebnis jahrelanger Übung und harter Arbeit.“ Überraschende Einblicke in das Leben eines Künstlers. Der Zuschauer dachte gewiss, Herr Florez hätte seine hohen C’s auf dem Jahrmarkt geschossen oder im Preisausschreiben gewonnen.

So jung, um noch überzeugend das Naivchen zu spielen, ist Katrin Bauerfeind nun wieder auch nicht. Sie tut’s aber trotzdem – und ist dabei so … so … voll Lena irgendwie. Jung, Schwung, Stimmung, Popkultur! (Wer war nochmal diese Lena?)
Das nächste Mal, als ich sie sah, sprach sie mit der geigenden Killer-Säge David Garrett und sagte „krass“. Sie meinte damit aber nicht das Gegoge der männlichen Vanessa Mae, sondern kommentierte auf diese Weise den Umstand, dass man, um ein Virtuose zu werden, von klein auf üben muss. Little Davids Eltern waren aus diesem Grunde sehr streng; das sei zwar ziemlich scheiße gewesen, habe aber auch irgendwie einen Sinn gehabt.
Ziemlich krass, das alles. Yo Alta! Was geht?

Die Programmchefs wird es freuen:

„Krass – das sagen die jungen Leute doch, nicht wahr, Huber?“
„Ja, i glaab scho, Herr Professa.“
„Und was sagen die noch so, die jungen Leute?“
„I waas ned.“
„Sie sind gefeuert!“
„Ah, Moment, äh … vielleicht sagen die auch … yep oder sowos …“
„Yep?“
„Yep.“

Ob Mücke, ob Maus – alles muss raus!

Immer wieder staune ich, wie wenig es den Vegetariern bewusst zu sein scheint, dass ihre Moral auf sachlich vollkommen falschen Prämissen beruht. Vegetarier leben offenbar munter nach der Schillerschen Devise „Nur der Irrtum ist das Leben, und das Wissen ist der Tod.“ Sie scheinen z. B. davon auszugehen, dass für den Konsum von „reiner“ Pflanzenkost (Peace Food) keine oder auch nur weniger Tiere getötet werden müssen als für den Konsum von Fleisch. Diese Annahme ist vollkommen irrig. Um Getreide, Obst und Gemüse ernten und lagern zu können, müssen Milliarden und Abermilliarden Tiere getötet werden. In den Getreidelagern der Welt findet z. B. ständig ein knallharter Kampf gegen tierische Schädlinge statt. Die FAO schätzt den weltweiten Verlust durch solche Schädlinge bei Getreide auf mindestens 30 %.

Da Menschen auch Naturwesen (Tiere) sind, haben sie eben auch natürliche Feinde und Konkurrenten. Um die Ernten zu erhalten, müssen riesige Heere von Ratten, Mäusen, Wühlmäusen, Käfern, Motten, Vögeln, Wildschweinen und vieler anderer Spezies vernichtet werden, und zwar nicht auf die feine Art. Der Agrarstatistiker Georg Keckl schreibt:

Wer nicht willens ist, regelmäßig Tiere zu töten, der fördert eine Welt voll Hunger, Not und Ungerechtigkeit. Völlig gleichgültig, ob er Vegetarier ist oder nicht.

Mehr noch: Wenn man weltweit die Tierproduktion einstellte, würden möglicherweise weit mehr Tiere getötet als zuvor. Viele Vegetarier wissen nicht einmal, dass auf nahezu zwei Dritteln der weltweit genutzten landwirtschaftlichen Fläche nichts anderes möglich ist als Weidewirtschaft. Nimmt man die Nutztiere weg, hat man gar nichts (zu beißen). Nehmen wir aber einmal an, man könnte auf dieser Fläche Getreide für die vegetarische Welternährung anbauen. Dies hätte den Tod einer Menge Ackerschädlinge zusätzlich zur Folge, und zwar in gigantischen Dimensionen. Man hätte also die Wahl, ob man lieber eine Kuh oder tausende Wühlmäuse, Hamster, Millionen Käfer und andere Insekten opfert.

Egal, welche Gesamtrechnungen aufgestellt werden – am Ende weiß niemand genau, wie viele Tiere mehr oder weniger bei einer bestimmten Produktionsweise die Löffel abgäben. Das bedeutet aber, dass hinter alle diesbezüglichen Berechunungen große Fragezeichen gesetzt werden müssen, und zwar insbesondere hinter die der Vegetarier. Deren Milchmädchenrechungen beruhen darauf, dass der Fleischkonsum a priori als Ursache globalen Übels feststeht, das zu Beweisende also bereits vorausgesetzt wird (petitio principii).Trauriges Beispiel hierfür ist der von der Heinrich-Böll-Stiftung herausgegebene „Fleischatlas“, der sich liest wie Grimms Märchen in Grün.

Angesichts oben dargestellter Tatsachen gerät die vegetarische Ethik bereits gewaltig ins Schwurbeln, und die tierethische Verwaltungsmaschinereie kommt ächzend auf Betriebstemperatur. Denn wenn der Fleischverzicht zu einer Vergrößerung des beklagten Tierleids führt, kann man die tolle Ethik natürlich vergessen. Die Fachdezernate knobeln daher aus, welche Tiere moralisch berücksichtigt werden sollen und welche nicht. Ist die Kuh mehr wert als die Maus? Ist die Maus mehr wert als die Ameise? Man kann ganze Regale mit Doktorarbeiten zu diesen Fragen füllen. Den wenigsten Vegetariern ist bewusst, dass sie nur ganz wenige Tierarten (Wirbeltiere und ein paar Zerquetschte) in ihre Moral einbeziehen und 95 % der Arten (Wirbellose) nicht berücksichtigen.

Wer jedoch als Vegetarier eine Tierart einer anderen vorzieht, betreibt das, was er den Fleischessern dauernd vorhält, nämlich „Speziesismus“ – Diskriminierung aufgrund der Artzugehörigkeit. „Die Tiere empfinden offenbar gerade so gut wie der Mensch Freude und Schmerz, Glück und Elend“, schreibt Darwin, und die Tierethiker stimmen begeistert zu. Laut Darwinistischer Lehre gibt es im Bereich der Lebewesen streng genommen kein Höher oder Tiefer (außer im genealogischen Sinne). Wer Ameisen für niedere Wesen hält, hat nicht die geringste Ahnung von diesen Wunderwerken der Natur. Bei der Behauptung, Insekten könnten kein Leid empfinden, ist erkennbar der Wunsch Vater des Gedankens. Wie praktisch! Dann fällt nicht auf, was für eine Mogelpackung der propagierte „Antispeziesismus“ ist.

Was machen wir denn nun bloß mit den ganzen Viechern? Wenn man z.B. in einer vegetarischen Weltlandwirtschaft den Reisanbau ausweitet, werden Myriaden Anophelesmücken zusätzlich auf dem Planeten herumschwirren. Sie werden die Menschen stechen und mit Malaria infizieren. Wie viele Millionen Malariatote zusätzlich ist einem denn der Vegetarismus wert? Und wie viele Milliarden toter Mücken, um die Malariatoten zu verhindern? Anopheles-Männchen sind im Gegensatz zu ihren Gattinnen echte Nützlinge und tragen sogar Pollen von Blüte zu Blüte. Ist das nicht ungerecht, sie für das schändliche Treiben der Mückenweiber mitzuvernichten. Aber ohne Weibchen gäbe es auch keine Männchen mehr. Was tun? Fragen Sie den freundlichen Tierethik-Coach von nebenan.

Der Vegetarismus ist recht eigentlich eine moderne Form des Manichäismus, wo das Lichtreich und das Reich der Finsternis sich unversöhnlich gegenüberstehen. Die Vegetarier spielen die Rolle der Auserwählten (Electi), welche sich nicht selber mit Schuld aus dem Reich der Finsternis beladen dürfen und deshalb von den niedrigeren Hörern (Auditori) gefüttert werden. Vegetarier sollten also den Fleischproduzenten dankbar sein, dass diese sich die Hände schmutzig machen, damit jene ihre Hände in Unschuld waschen können.

Grunzrechte für Grunzaffen

Mitmachen und tolle Preise gewinnen!

Die Giordano-Bruno-Stiftung hat den Tierrechtlern Paola Cavalieri und Peter Singer für deren Great Ape Project einen Ethik-Preis verliehen. Gemeinsam mit den Preisträgern fordert die Stiftung nun Grundrechte für Große Menschenaffen. Für die kleinen Menschenaffen (Gibbons) ist auf der ethischen Arche Noah leider kein Platz frei, denn die tierischen Menschenrechte werden streng nach Aktenlage verliehen.

Mit der Preisverleihung an eines der bizarrsten Projekte der Weltgeschichte scheint der evolutionäre Humanismus, den sich die Stiftung aufs Panier geschrieben hat, als Affenliebe zu sich selbst zu kommen. In diesem Konzept spielen Menschen als Menschen nur eine Nebenrolle, als Primaten jedoch die Hauptrolle. Affenmensch, Menschenaffe – alles ein und dieselbe Mischpoke!

Um die frohe Botschaft unters Volk zu bringen, verbreitet die Giordano-Bruno-Stiftung eine erbauliche Broschüre. Die Autoren Volker Sommer und Michael Schmidt-Salomon nennen ihr Werk Bruder Schimpanse. Schwester Bonobo. Der Versuchung zur Alliteration wurde mannhaft widerstanden – der Versuchung zur Reflexion bisweilen leider auch.


Bucklige Verwandtschaft

Ungefähr zwei Drittel der Broschüre sind dem Nachweis gewidmet, dass Menschen biologisch zur Familie der Primaten zählen. Hätten Sie’s gewusst? Für die Autoren scheint es jedenfalls eine Neuigkeit zu sein. In ihrem Überschwang erklären sie Bonobos zu Geschwistern, Orang-Utans zu Cousins, Gorillas zu Schwippschwagern – fertig ist das affige Menschenrecht.

Doch was besagt biologische Verwandtschaft schon? In der eigenen Familie geht es doch oft am ruppigsten zu: Schimpansen pflegen ihre schwächeren Verwandten mit Genuss zu verspeisen, Schwertwale gehören zur Familie der Delfine und haben Flipper zum Fressen gern. Immer auf die Kleinen!*

Sommer und Schmidt-Salomon verweisen darauf, dass Mensch und Schimpanse 98,7 % des Erbgutes gemeinsam haben, und kritisieren aufgrund dessen die Sonderstellung des Menschen als Homo sapiens im Gegensatz zu Pan troglodytes (Schimpanse). Letzterer sollte nach dem Wunsch der Stiftung in Homo troglodytes umgetauft, besser gesagt: zurückgetauft werden. Denn so hatte bereits Carl von Linné die Schimpansen benannt. Doch selbst wenn man den Menschen in Pan opticum umtaufte, hätte das nicht die geringste moralische Relevanz. Schmidt-Salomon und Sommer verwechseln schlichtweg Taxonomie mit Ethik.

Überdies ist der Verweis auf die ominösen 98,7 % auch biologisch irreführend. Der Molekularbiologe Joachim Bauer** fasst den aktuellen Forschungsstand in seinem Buch Das kooperative Gen folgendermaßen zusammen:

Verantwortlich für die Unterschiede zwischen Mensch und Schimpansen sind jedoch nicht die (…) knapp 1,3 Prozent Sequenzunterschied bei jenen Genen, die beide Spezies gemeinsam besitzen, sondern die Tatsache, dass aufgrund des unterschiedlich abgelaufenen Umbaus der genomischen Architektur beide Spezies in fünf Millionen Einzelfällen (…) entweder einen Zuwachs oder einen Verlust an genetischem Material zeigen. (…) Dem Genom des Menschen wurden dadurch zwanzig neue Genfamilien beschert (die der Schimpanse nicht hat) gegenüber nur zwei neuen Genfamilien des Schimpansen (die der Mensch nicht hat).“

Dieser Zuwachs an Genmaterial betrifft vor allem das Gehirn; der angeblich so kleine Unterschied hat also große Wirkung. Die pure Anzahl der identischen Gene ist hingegen wenig aussagekräftig. Entscheidend sind Genexpression und Genregulation. Der Unterschied bei den Genen, die Menschen und Schimpansen gemeinsam haben, entspricht 35 Millionen Punktmutationen (also minimale Mutationen, die Voraussetzung für die Selektion sind). Dies bedeutet, einen sicheren Abstand beider Spezies.

Die Autoren von Schwester Bonobo bringen sich mit dem Verweis auf genetische Verwandtschaft in Teufels Küche. Denn unter dieser Voraussetzung müssten auch die Pflanzen ethisch berücksichtigt werden, weil sie einen erklecklichen Teil ihres Genmaterials mit den Menschen „teilen“. So sind etwa Mensch und Moos näher verwandt als gedacht. 70 % unseres Erbguts „teilen“ wir mit Hefe. Veganer haben damit reichlich Stoff zur moralischen Selbstzerfleischung.

Eine Sonderstellung des Menschen lässt sich offenbar auch molekularbiologisch begründen, wenn man es denn partout darauf anlegt. Die Homoehe der Primaten muss also wegen zu geringer Mitgift vertagt werden.

Unabhängig davon beruhen alle Behauptungen, dass Menschenaffen „wie wir“ seien, auf einem simplen Analogieschluss, der allen Beobachtungen vorausgeht. Kein Wunder, dass dann tatsächlich überall Analogien gefunden werden. Motto: „Seht nur, mein Auto bewegt sich! Es ist wie ich!“

Ob dieser Analogieschluss von der engen genetischen Verwandtschaft auf die Übereinstimmung mentaler Vorgänge aber so plausibel ist, darf bezweifelt werden. Eher handelt es sich hierbei wohl eher um eine strukturelle Voreingenommenheit (bias) des Menschen beim Betrachten außermenschlicher Lebensformen.

Die Freunde der Krähenvögel sind beispielsweise zu recht beleidigt, dass viele Forscher und vergleichende Psychologen so sehr auf Menschenaffen fixiert sind, wenn es gilt, die geistigen Höhenflüge von Tieren zu preisen. Viele Krähenvögelarten sind Menschenaffen beim „Werkzeuggebrauch“ und „betrügerischen Praktiken“ haushoch überlegen und zugleich alles andere als „unsere nächsten Verwandten“. Auch Insekten oder Pflanzen täuschen, locken und tarnen derart raffiniert, dass Primaten dagegen bisweilen ganz schön alt aussehen.

Im Ökostrom der Evolution

Aus der Evolution als solcher lässt sich die Entstehung der Moral zwar spekulativ herleiten. Deren Geltung aber, in Form von Ethik und Recht, kann man damit nicht begründen. Folgt man dem gängigen Modell neodarwinistischer Prägung, hat die Evolution insgesamt wenig Erbauliches zu bieten.

Warum die Autoren angesichts eines erbarmungslosen und sinnlosen Prozesses in religiöse Extase geraten, bleibt rätelhaft: „Wir teilen unsere Evolutionsgeschichte mit jenen Lebewesen“, schreiben die Autoren, und man hört im Hintergrund die Kirchentagsmusik. Wir alle sollten uns „beglückt“ fühlen, „dass wir mit anderen Lebensformen durch einen äonenlangen Strom der Evolution verbunden sind.“

Wenn das kein Grund zum Frohlocken ist. Kommt, teilt alle eure ganz persönliche Evolutionsgeschichte mit euren Facebook-Freunden! Schließlich bereitet das evolutionäre Wellnessprogramm allen Beteiligten seit je her einen Mordsspaß. Die Leute von der Giordano-Bruno-Stiftung sind wirklich leicht zu beglücken.

Das Leben lebt nicht

Einmal in religiöse Verzückung geraten, zitieren die Autoren ausgerechnet den guten Albert Schweitzer mit seiner Ehrfurcht vor dem Leben. Schweitzer war bekanntlich Theologe. Immerhin hat er als Arzt Leben aus dem „Strom der Evolution“ millionenfach vernichtet, um Menschenleben zu retten. Schweitzer erkannte die inneren Widersprüche seines Ansatzes sehr deutlich. Er machte ungewollt jene Art wohliger Selbstentzweiiung salonfähig, die man heute mit Moral verwechselt.

Sich und andere wegen Dingen zu quälen, die man gar nicht aufs eigene Gewissen nehmen muss, ist inzwischen intellektueller Volkssport Nr. 1. Die westliche Welt ist heute voll von „ringenden Menschen, die permanent im Kampf mit sich selbst, in Entscheidungen unter Einsatz der ganzen Person leben.“ (Theodor W. Adorno) Die Frage, ob der Grashalm mehr wert ist als der Grashüpfer, liegt den Bedeutsamen im Lande bleischwer auf der Seele. Und weil sie ihre innere Welt mit der äußeren verwechseln, glauben sie, es handele sich um weltbewegende Probleme.

Einstein soll übrigens Respekt vor dem Kosmos empfunden haben. Warum auch nicht? Kostet ja nix. Je weiter weg, desto besser. Respekt vor leeren Abstraktionen ist allemal einfacher als Toleranz gegenüber Fleischessern, die keine Lust auf vegane Bevormundung haben. Denn da hört der Spaß der angeblich so zivilisierten Tierrechtler schlagartig auf. „Tod den Tiermördern“, „Holocaust auf den Tellern“. Von den brutalen Parolen der Tierrechtler haben die brunesken Singer-Fans offensichtlich nichts mitgekriegt.

Sie lassen sich lieber vom Brummkreisel des Lebens einlullen. Vermeintlich bescheiden machen sie darauf aufmerksam, dass „wir“ nicht die Krone der Schöpfung seien, sondern „Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will (A. Schweitzer).“ Will man aber aus dieser Leerformel eine zutreffende Aussage machen, müsste die unzensierte Version ungefähr so lauten: Leben, das leben will, will leben, indem es Leben, das leben will, das Leben nimmt.

Alle Lebewesen zerren zwar am äonenlangen Strang der Evolution herum, allerdings oft in verschiedene Richtungen. Der Kladderadatsch, der dabei herauskommt, wird von Religiösen Schöpfung genannt, hat aber keine Ähnlichkeit mit einem Kirchentag. „Die Wesen leben auf Kosten des Lebens anderer Wesen. Die Natur lässt sie die furchtbarsten Grausamkeiten begehen“, stellt Albert Schweitzer fest.

Indem die Tierethiker das verschiedene Interesse der Lebewesen unter ein leeres Abstraktum subsumieren, zaubern sie alle Konflikte einfach weg. Nur deshalb können sie behaupten, dass die Kreaturen unseres Planeten ein gemeinsames Interesse haben, nämlich das Interesse, nicht zu leiden. „Leid“ ist aber ein Leisten, über den man alles schlagen kann. Der Sadist leidet schließlich auch, wenn er niemanden quälen kann. Gleiches Interesse ist noch lange kein gemeinsames Interesse. Wenn zwei Staaten Krieg führen, haben beide das gleiche Interesse, den Krieg zu gewinnen. Aber ein gemeinsames Interesse haben sie eben gerade nicht.

Sonderbehandlung in Sonderstellung

Man dürfe die lieben Tiere aufgrund ihrer Artzugehörigkeit nicht diskriminieren, denn das sei Speziesismus und ebenso verwerflich wie Rassismus oder Sexismus. Da freuen sich die Frauen bestimmt, wenn sie den Status von Affen zugewiesen bekommen. Wie? Die freuen sich wirklich? Wenn aber Schopenhauer schreibt, das Weib sei dem Tier näher als dem Manne, kriegt er Feministenhaue.

Nun scheint es aber so zu sein, dass alle Arten auf dem Planeten so etwas wie „Speziesismus“ praktizieren. Ökologische Nischen werden von ihnen besetzt wie Häuser, und dann räumen andere Arten den Laden, verdrängen die Besetzer, um die Nische ihrerseits zu besetzen. Zustände sind das! Warum um alles in der Welt sollen die menschlichen Primaten freiwillig auf ihren evolutionären Vorteil verzichten? Ihr Verstand befähigt sie, die keineswegs harmlosen und wehrlosen Mitgeschöpfe zu beherrschen und auszunutzen.

Die Tierethiker betreiben den größten Aufwand, um zu beweisen, dass dem Homo sapiens keinerlei Sonderposition in der Schöpfung zukommt, bestätigen diese Sonderposition aber durch ihren Appell an die Moral ständig selbst. Richard David Precht spricht gar von einer „Unsinnsgrenze“ zwischen Mensch und Tier, die nur auf „Mythen“ beruhe.

Wenn der Mensch aber nur ein Tier unter Tieren ist – warum sollte er dann Rücksicht auf die anderen Tiere nehmen? Dazu sind Menschen ja nur in der Lage, weil sie offensichtlich eine moralische „Sonderbegabung“ besitzen. Das geben Precht, Sommer & Friends auch kleinlaut zu; sie geben aber nicht zu, dass ihr Unsinn von der Unsinnsgrenze selber nur auf Mythen beruht. Selbst wenn jener Unterschied zwischen Menschen und Tieren an sich klein wäre, wäre es selbstverständlich in moralischer Hinsicht eminent bedeutsam, dass Menschen die einzigen Subjekte der Moral auf dem ganzen Erdball sind.

Falls beispielsweise die Kakerlaken eines Tages zu Handlungen verpflichtet werden könnten; wenn man ihnen ihr Tun als Verdienst oder Verschulden zuschreiben könnte (wie der Philosoph Peter Janich sich ausdrücken würde), wäre es völlig egal, wie verwandt sie genetisch mit dem Menschen sind. Dann würde man sie als moralfähig bezeichnen, und der Mensch wäre seine Sonderstellung los.

Der tierethische Standpunkt lässt sich auf folgenden paradoxen Imperativ reduzieren: Die Menschen sollen kraft einer Sonderposition, die sie gar nicht innehaben, Tiere moralisch berücksichtigen. Ebenso gut könnte man von einem Menschen fordern, sich wie Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Morast zu ziehen.

Sommer und Schmidt-Salomon schießen sich mit ihrer Argumentation selber ins Abseits. Sie beklagen den „Speziesismus“ (Bevorzugung der eigenen Art) und werben zugleich dafür, den Affen Grundrechte zuzusprechen, weil diese derselben Spezies angehören wie wir (Homo troglodytes). Das nenne ich mal einen voll ausgewachsenen Selbstwiderspruch. Dagegen bemerkt das Deutsche Primatenzentrum in Göttingen trocken: „Nicht Humane Primaten nehmen im biologischen Kontext keine kategoriale Sonderstellung ein. Diese haben sie nur im anthropozentrischen Weltbild.“

Fair abgewogen und für zu leicht befunden

Angesichts ihrer schwindelerregenden Argumentation scheint den Autoren von Bruder Schimpanse etwas zu dämmern. Gegen die Raffinesse von Leberegeln sehen die Affen ganz schön alt aus. Und jeder Biber schafft größere Meisterwerke als Schimpansen, die mit Stöckchen Termiten fischen. Zu schweigen davon, was Termiten so zustande bringen und was Schleimpilze so alles auf dem Kasten haben. „Selbstverständlich“, so meinen die Autoren, „ist dabei die Grenzziehung zwischen Menschen und Menschenaffen auf der einen und dem Rest der Tierwelt auf der anderen Seite künstlich: Auch die Interessen anderer Tiere müssen in einer fairen ethischen Güterabwägung berücksichtigt werden.“

Man achte auf das verlegene Räuspern zwischen den Zeilen! Denn „selbstverständlich“ drängt sich der Verdacht auf, das Ganze sei willkürlich bzw. vollkommen aus der Luft gegriffen. Nein? Ach ja! Es müssen schließlich … äh … auch andere Tiere … öh … fair güterabgewogen und … ins Dings … ins ethische Timbuktu geschickt werden. Dort kann man sie dann „berücksichtigen“. Das klingt nach ethischer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme: „Faire Güterabwägung“ muss schließlich von Fachkräften organisiert werden. Es winken Lehraufträge, Professuren, Kommissionsposten.

Wie wohl die „faire Güterabwägung“ z. B. in Bezug auf Ratten oder Anophelesmücken aussähe? Immerhin sind Ratten sehr hoch entwickelte Tiere – ebenso pfiffig wie vermehrungsfreudig. Wie viel Pest wäre den Menschen zugunsten der Ratten denn zuzumuten? Und wie viel Malariatote zugunsten der Mücken? 10 Millionen im Jahr? 100 Millionen? Die Menschen seien ja ohnehin „der größte Pesthauch unseres Planeten“, wie Ingrid Newkirk, Chefin der Tierrechts-Organisation PETA, sagt. Dem Pesthauch wünscht man von tierrechtlicher Seite daher gerne die Pest an den Hals.

Faire Güterabwägung aller Mitgeschöpfe führt zur fairen Vernichtung der Menschen.

Humanismus?

Hinter dem Tam Tam der Tierethiker steht das alte Problem, Demokratie und Menschenwürde darwinistisch zu begründen. Der Philosoph Kurt Bayertz schreibt über die theoretische Inkonsequenz der demokratisch gesinnten Darwinisten des späten 19. Jahrhunderts:

Einserseits verwiesen ihre Vertreter gern und nachdrücklich auf die tierische Herkunft des Menschen, und seine von Religion und Philosophie behauptete Sonderstellung beseitigt zu haben galt ihnen als größter Triumph; andererseits war diese Naturalisierung des Menschen kaum vereinbar mit der gleichzeitigen Betonung, dass die „rohen“ Gesetze der Wildnis keinerlei Gültigkeit in der menschlichen Gesellschaft hätten – bzw. haben sollten.

Während Darwin sich jedoch in seinem Werk Die Abstammung des Menschen sehr gewissenhaft mit dieser Frage auseinandersetzte, scheinen Schmidt-Salomon und Sommer sie für irrelevant zu halten.

Die Giordano-Bruno-Stiftung will offensichtlich Fanatikern und dahegelaufenen Dunkelmenschen von PETA und Co. ideologisches Obdach gewähren. Wer sich mit Tierrechtlern und Tierbefreiern gemein macht, verbündet sich mit den Abrissunternehmern der Zivilisation. Die Giordano-Bruno-Stiftung, die angeblich gegen religiöse Bevormundung kämpf, sollte besser darauf achten, dass ihre eigene Religion nicht schlimmer ist als die bekämpfte. Humanismus hat zur Voraussetzung, das spezifisch Menschliche zu betonen, und nicht, es zu leugnen. Wer glaubt, dass Menschen „im Grunde“ Affen sind, ist ein Anti-Humanist. Was denn auch sonst?

 

Anmerkungen

* Wenn z.B. die Theorie der inklusiven Fitness (Hamilton), auf die die Giordano-Bruno-Stiftung sich beruft, stimmen würde, müssten Orcas Tümmler und andere Wale netter behandeln als Robben und diese wiederum netter als Fische. Aber leider richten sich die Tiere überhaupt nicht nach den mathematischen Spielereien der Theoretiker.

** Dass ich ihn hier zitiere, bedeutet nicht, dass ich Bauers allgemeinen Thesen zustimme. Allerdings ist seine molekularbiologische Kompetenz sicher höher als die von Dawkins, Schmidt-Salomon und Sommer, weil er als Immunologe selber an Genen geforscht hat.

 

Artikel zur Preisverleihung an Singer und Cavalieri

Michael Zander, Philosophie der Angst

Oliver Tolmein, Peter Singer: Affenfreund, Behindertenfeind und ein Ethikpreis

Diese Artikel befassen sich mit dem hier nicht behandelten Thema der von Singer empfohlenen Tötung Behinderter, die in engem Zusammenhang mit seinem Engagement für Tiere steht.

Das Wir in Dir!

Peer Steinbrück hat sich seinen neuen Wahlkampf-Slogan bei einer Zeitarbeitsfirma geliehen. „Das Wir entscheidet“, behauptet er und appelliert damit an einen „fatalen Gemeinsinn“, wie Alan Posener zu Recht kritisiert.

Ich nehme die jüngste Steinbrück-Kapriole zum Anlass, einen kleinen Exkurs zum Gemeinsinn zu veröffentlichen, den ich vor einer Weile verfasst habe und der unverwendet in meinem Dokumenten-Ordner liegt:

Alle für Einen, Einer für Alle? 

Da kapitalistische Gesellschaften apersonal sind und den Egoismus der atomisierten Individuen voraussetzen, gibt es zahlreiche Bestrebungen, diese „kalte“ Funktionalität mit Wärme zu umkleiden oder ganz abzuschaffen. Der Soziologe Ferdinand Tönnies (1855-1936) unterschied in diesem Zusammenhang zwischen den Begriffen „Gesellschaft“ und „Gemeinschaft“. Die Gemeinschaft stehe für personale und natürliche Beziehungen zwischen Menschen; die Gesellschaft sei hingegen geprägt durch funktionale Beziehungen prinzipiell voneinander getrennter Individuen.

Dahinter ist die Unterscheidung zwischen dem Allgemeinwillen (Volonté générale) und dem Willen aller (Volonté des tous) erkennbar, die der Philosoph Jean-Jacques Rosseau (1712-1778) in seinem Werk über den „Gesellschaftsvertrag“ getroffen hat. Während der Wille aller bloß die Summe der Partikularinteressen sei, sei der Allgemeinwille unfehlbar und heilig, weil er das Allgemeinwohl – das wahre Interesse eines Volkes – repräsentiere. Diese Konzeption ist, je nach Gewichtung ihrer Komponenten, sowohl für Demokratien also auch für Diktaturen attraktiv, impliziert sie doch, dass eine ausgewählte Gruppe von „Weisen“ definiert, was das Allgemeinwohl ist.

In den Diktaturen des Ostblocks, die sich selber als Demokratien bezeichneten, hatte z. B. das Politbüro der Kommunistischen Partei die Funktion der „Weisen“ und das Parlament pro forma die Funktion einer Volksversammlung. Die „Weisen“ waren nicht einfach Ratgeber der Volksversammlung, sondern legten verbindlich fest, was als Allgemeinwohl zu gelten habe, während das Parlament bloß der akklamatorischen Fassade diente („Die Partei hat immer recht“).

Im Nationalsozialismus war eine demokratische Fassade nicht erforderlich. Der Gemeinsinn wurde statt dessen mit dem (Herrschafts-)Willen des Führers gleichgesetzt und die Gemeinschaft als personale Beziehung eines ganzen Volkes zum Führer definiert („Volksgemeinschaft“). Alle unpersönlichen gesellschaftlichen Funktionsbeziehungen, wie etwa die zwischen Unternehmer und Arbeiter, wurden zu persönlichen Gemeinschaftsbeziehungen erklärt („Gefolgschaft“ statt „Belegschaft“) und ermöglichten die direkte Beherrschung aller Bürger. Der heißen Liebe zum Führer entsprach die eiskalte Funktionalität bei der Vernichtung der Juden und anderer „Schädlinge“.

Die Folgen des sich selbst überhöhenden Allgemeinwillens sind im 20. Jahrhundert schmerzhaft deutlich geworden. Der aufgeblähte Gemeinsinn erweist sich stets als sein Gegenteil, nämlich als verallgemeinertes Partikularinteresse einer sehr kleinen Gruppe.

Gegen diese Übergriffigkeit des Gemeinsinns scheint die liberale Theorie einen wirksamen Schutz zu bieten, da sie davon ausgeht, dass der Egoismus aller Individuen auch ohne einen verbindlich formulierten Allgemeinwillen letztlich zum Allgemeinwohl führe („unsichtbare Hand“). Diese Theorie wurde besonders im Hauptwerk des schottischen Moralphilosophen Adam Smith (1723-1790) über den „Wohlstand der Nationen“ entwickelt.

Trotz unabweisbarer Vorteile hat auch der Liberalismus einige Tücken und blinde Flecke. So ist etwa sein Verhältnis zum Privateigentum insofern gestört, als er es gemäß seiner Logik zum persönlichen Verdienst des Eigentümers verklären muss. Eigentumslose sind daher im liberalen Gedankensystem tendenziell Unpersonen, deren Freiheit zu Recht eingeschränkt werde, weil sie an ihrem Zustand selber schuld seien. Die heutige Hetze gegen Empfänger von Arbeitslosengeld II wäre ein typisches Beispiel.

Sogar der liberale englische Philosoph John Stuart Mill (1806-1873), der dem Privateigentum kritisch gegenübersteht, lässt es aus dem einzigen Grund gelten, dass niemand um die Frucht seiner Arbeit gebracht werden dürfe. Ein Argument, das angesichts der gigantischen Vermögen, die heute von Generation zu Generation vererbt werden, recht schwach wirkt. Das persönliche Verdienst vieler Eigentümer besteht lediglich darin, aus dem Schoß einer reichen Mutter gekrochen zu sein und ansonsten Däumchen zu drehen.

Der Liberalismus verzichtet zwar weitgehend auf eine positive Bestimmung des Gemeinwillens, doch letzterer schleicht sich durch die Hintertür wieder ein. Indem der Liberalismus nicht nur mit dem Egoismus rechnet, sondern ihn fordert und fördert, hält er zwar einerseits den Wettbewerb in Gang, der ein wirkmächtiger Motor des technischen Fortschritts ist. Dies hat aber den lästigen Effekt, dass in der egoistischen Ellenbogengesellschaft das Recht der (ökonomisch) Strärkeren gilt, also stets diejenigen begünstigt werden, die ohnehin schon mehr haben als die anderen. Dieses „Mehr“ wurde aber nicht, wie es die liberale Ideologie behauptet, durch den Fleiß der Tüchtigen erwirtschaftet, sondern durch den Raub der Mächtigen angeeignet. Dies hat Karl Marx – meiner Ansicht nach noch immer sehr überzeugend – im „Kapital“ dargelegt (ursprüngliche Akkumulation). Da der Goldesel in einer solchen Gesellschaft immer auf den größten Geldhaufen scheißt, kann eine kleine Gruppe immer mächtiger werden und ihr egoistisches Machtinteresse als Allgemeinwohl definieren. Das „Wir“-Gefühl, das Steinbrück beschwört, ist daher im Grunde bloß Firmenideologie und Corporate Identity, also das Gegenteil einer Gemeinschaft freier Individuen.

Ein modernes Beispiel wäre die sogenannte Riester-Rente. Hierbei wurde die gesetzliche Rentenversicherung zu einem guten Teil der oligarchisch strukturierten Versicherungsbranche und dem Kapitalmarkt zum Fraß vorgeworfen wurde. Es gab genügend Experten, die sich nicht zu schade waren, mit Hilfe fragwürdiger Horrorprognosen („Überalterung der Gesellschaft“) einen Notstand und damit „dringenden Handlungsbedarf“ zu suggerieren. Nun sitzen die Bürger auf ihren wertlosen Rentenverträgen und trauern Norbert Blüm hinterher.

Dass der freie Wettbewerb nicht so frei ist, wie er vorgibt, und durch eigene Schwerkraft zu oligarchischen und monopolistischen Strukturen tendiert, ist nicht nur Sozialisten und Kommunisten aufgefallen, sondern auch Liberalen, wie z. B. Walter Eucken (1891-1950). Der bekannteste Vertreter des Ordoliberalismus forderte staatliche Rahmenbedingungen, eine verbindliche Wirtschaftsordnung, um einen fairen Wettbewerb aller Beteiligten zu garantieren. Der Ordoliberalismus erwies sich zwar als unpraktikabel, hatte aber großen Einfluss auf die Gestaltung der sozialen Marktwirtschaft durch die Politik Ludwig Erhards.

Es muss also auch im liberalen Weltgebäude ständig ausgebessert, herumgewerkelt und -gezimmert werden, damit es den Bürgern nicht über dem Kopf zusammenpurzelt. Die „unsichtbare Hand“ kann nämlich erbarmungslos zuschlagen. Sich selbst überlassen erzeugt der Laissez-faire-Liberalismus, den Smith und Mill strikt ablehnten, große ökonomische Ungleichheit, der mit juristischer Gleichheit nur schwer beizukommen ist. Böse Zungen, wie die von Karl Marx, behaupten sogar, dass juristische Gleichheit im Kapitalismus Voraussetzung ökonomischer Ungleichheit sei.

Fazit: Die Frage, ob mehr Gemeinsinn oder mehr Egoismus opportun ist, kann nicht abstrakt beantwortet werden, sondern entscheidet sich in der jeweiligen gesellschaftlichen Situation und im Zusammenhang mit einer konkreten Fragestellung. Das Steinbrück-Wir kann man aber auf jeden Fall getrost vergessen.

 

 

Nahrungsmittel müssen unerschwinglich werden!

Die letzten Lebensmittel-Skandale (Einlagen in Suppen, Einwaagen in Dosen, Einparken in Lücken) haben gezeigt, dass mit unserem Kaufverhalten etwas nicht stimmt. Wir kaufen Lebensmittel, um zu essen, zu trinken. Wir wollen möglichst preiswerte Lebensmittel, ohne an die Konsequenzen zu denken. Das schadet dem Klima, ist ethisch unvereinbar. Und alles nur, weil wir uns weigern anzuerkennen, dass Nahrung ein Luxusgut ist. Wer die einfachen Menschen in den Slums und Elendsregionen dieser Welt besucht, der weiß, wie wertvoll ein schimmeliges Stück Brot sein kann. Was in unserer Gesellschaft fehlt, sind Missernten und Hungerödeme. Wir als Verbraucher haben es in der Hand. Es wird höchste Zeit!

 

Alle anfassen zum Anpassen

Aufgemerkt nun also! Wer hat wieder die Klimaanpassungsschule geschwänzt? Dann aber hurtig hurtig in die „Kick-off-Veranstaltung“, denn das „Deutsche Anpassungsprogramm“ duldet keinerlei Aufschub! Der „Aktionsplan Anpassung“ muss unverzüglich und ohne Rücksicht durchgeführt werden. Wir marschieren als Eichenprozessionsspinner gen Osten, und wenn wir in Sibirien ankommen, gibt es dort aufgrund des Klimawandels keine Winter mehr.

Vorher müssen aber noch einige brennende Fragen der Klima-Bewegung gepaukt werden, z. B. „Was sind die Maßnahmen gegenüber starker Sonneneinstrahlung und hoher Pollenbelastung?“ Man antworte jetzt aber nicht: drinbleiben, Fenster schließen oder so etwas. Die Lage ist nämlich ernst. Durch den Klimawandel hat sich unser aller Blick in die Sonne so sehr getrübt, dass wir wahrscheinlich im Jahre 2350 alle blind sein werden, sofern wir nicht schon tot sind.

Wenn wir also irgendwo ein Extremwetter sichten, müssen wir umgehend unsere Ernährung anpassen und auf extremes Würzen verzichten, weil sonst unsere Eier hartgekocht werden könnten, also im Jahr 2450 wahrscheinlich. Deswegen müssen wir uns schon jetzt anpassen. Wer sich zuerst anpasst, stirbt zuletzt – das könnt ihr euch schon einmal mit euren Füllfederhaltern notieren. Früh übt es sich im Frühtau zu Berghe von Trips!

Die Erderwärmung macht unterdessen eine kleine Pause, wie Professor Latif mitteilt. Es handelt sich wahrscheinlich um eine Menopause. Also Vorsicht bei den Hitzewellen.

Euer
Ulf
(Kinderklimawandler)

Hinweis: Bei der Klimaanpassungsschule handelt es sich weder um einen Karnevalsverein noch um einen Karnevals-Scherz. Vielmehr wird schon bald eine Klimaanpassungsschulpflicht eingeführt.

Der Vergleich hinkt wie Goebbels

Man hat die politischen Morde zwischen 1919 und 1922 in Deutschland auf gut 376 geschätzt; die Rechten begingen 354 und die Linken 22 dieser Morde. Doch trotz dieses Ungleichgewichts betrugen die gegen Rechte ausgeworfenen Gefängnisstrafen insgesamt 90 Jahre und 2 Monate und die gegen die Linke 248 Jahre, 9 Monate und 10 Hinrichungen. Die Richter der neuen Republik bevorzugten eindeutig die Rechten (…).

(George L. Mosse, Die Geschichte des Rassismus in Europa, Frankfurt am Main 1990, S.217)

Zum Glück leben wir ja heute in einem Saat, wo nicht die Rechten, sondern das Recht herrscht. Die Behörden sind hierzulande derart rechtschaffen, dass sie die Zwickauer Terrorzelle noch immer für eine Volksmusik-Gruppe und die NSU korrekterweise für ein Motorenwerk halten. Wer Zschäpe und Mundlos heißt, ich mein hallo, der geht ja wohl gar nicht! „Gysi“ hört sich in den Ohren mancher Ermittlungsbeamter schon eher nach Schlitzohr und Dreck am Stecken an. Weitermachen! Wegtreten!

 

Perfektes Timing

Pünktlich zur Eröffnung meines WordPress-Weblogs fehlen mir die Worte. Um eine solche Punktlandung zu schaffen, bedurfte es der gemeinsamen Anstrengung aller vorhandenen geistigen Kräfte. Zwar konnten diese nicht gebündelt werden, sondern wirkten in verschiedene Richtungen. Aber immerhin sind sie vorhanden.
Wann sie wieder auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten werden, entnehmen Sie bitte Ihrem Faltblatt. Noch hapert es vor allem beim Brandschutz.

Lesen Sie daher zunächst zwei ältere Beiträge aus meinem alten Weblog. Wir informieren Sie rechtzeitig über Anschlüsse.
Herzlichst

Ihre Gedankenweberei

Wer wird de Handetasche?

Die Casting-Shows der Privatsender haben immerhin eines für sich: Jeder halbwegs Zurechnungsfähige weiß, dass es dabei um alles Mögliche geht, nur nicht um das Wohl der Kandidaten. Diese wiederum sind dumm oder fehlgeleitet genug, sich öffentlich das Fell über die Ohren ziehen zu lassen, weil man ihnen etwas von einer „großen Karrierechance“ erzählt hat. Die Gewinner freuen sich über ihre Knebelverträge und verschwinden – bis auf wenige Ausnahmen – spätestens nach ein, zwei Jahren wieder in der Versenkung.

Casting-Shows sind derart bildungs- kunst- und ästhetikfern, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis die Verantwortlichen des öffentlich-rechtlichen Kulturfernsehens auf die gloriose Idee kamen, ihren Bildungsauftrag mit Hilfe solcher Formate ad absurdum zu führen. Im Bereich der klassischen Musik, namentlich der Oper, kommt das Fernsehen ohnehin nicht mehr ohne Blödelei aus. Man traut dem heutigen Publikum nicht zu, einem klassischen Werk konzentriert zu folgen, und deshalb muss das Werk von vornherein depotenziert und als „Event“ dargeboten werden. Ohne kulturindustrielle Knallchargen, die zum „Näherbringen“ engagiert werden, geht anscheinend gar nichts mehr. Adornos Satz „Musik im Fernsehen ist Brimborium“ wird von den verantwortlichen Kulturredakteuren heute offensichtlich nicht mehr als Kritik, sondern als Aufforderung verstanden, solange keine Ruhe zu geben, bis der Kretinismus der Privatsender endgültig unterboten ist.

Der Sender Arte darf sich rühmen, diesem Ziel einen guten Schritt nähergekommen zu sein: In einer siebenteiligen Casting-Show mit dem Titel Open Opera wird die B-Besetzung der diesjährigen Seefestspiele Wannsee ausgewählt. Irgend jemand aus dem Sender konnte den Programmverantwortlichen einreden, dass – frei nach Loriot – die Verbindung von klassischer Musik mit dem Castingshow-Gedanken unter Einbeziehung der Seefestspiele ein großer Coup zur Gewinnung ferner Schichten sei.

Im Gegensatz zu den über 30 000 Bewerbern von „DSDS“ mussten die Bewerber für „Open Opera“ mühsam aus allen Winkeln der Welt zusammengekratzt werden. Nicht einmal 500 Gestalten ließen sich überreden; eine Handvoll von ihnen wurde, nach welchen Kriterien auch immer, ausgewählt. Es kann ja wirklich nur die pure Verzweiflung, Verblendung oder Unbedarftheit sein, die jemanden dazu verleitet, bei einem derartigen Grotten-Trash mitzuwirken. Von einem millionenschweren Plattenvertrag, wie ihn seinerzeit die pseudotenorale Witzfigur Paul Potts unterzeichnet hatte, können die Kandidaten bei „Open Opera“ jedenfalls nur träumen. Sie geraten schon ins Schwärmen, weil das kalte Büffet beim Empfang nichts kostet. Ob sie außer einer „großen Karrierechance“, billigem Sekt und trockenen Brötchen sonstige Vergütungen erhalten, bleibt im Dunkeln. Wahrscheinlich müssen sie das Geld selber mitbringen. In unseriösen Stellenanzeigen heißt es schließlich auch immer: „Große Karrierechance – bis zu 5000 Euro monatlich verdienen.“ Zuvor muss man aber gegen eine Gebühr von 1000 Euro eine sinnlose Schulung mitmachen, die zu nichts qualifiziert, und steht danach wieder auf der Straße.

Etwas vergleichbar Sinnloses veranstaltet die dreiköpfige Jury bei Open Opera. Sie befindet sich in einem unterakustischen Raum im Berliner Radialsystem. Die Kandidaten tragen Headset-Mikrophone und wirken wie die Probanden in einem Experiment von Dr. Seltsam. Regisseur und Dirigent lassen sich nicht blicken. Insgesamt ein durchaus merkwürdiges Setting. Ist man vielleicht doch bei „Verstehen Sie Spaß“ gelandet? Dafür spricht, dass die Teilnehmer am ersten Tag einen Popsong zum Besten geben müssen, obwohl sie das nicht im mindesten für die vier Hauptpartien der Oper „Carmen“ qualifiziert. Alles Verarschung? Ja.

Wer sich fragt, warum man für eine Zweitbesetzung ein aufwendiges öffentliches Casting veranstaltet, während die Erstbesetzung im stillen Kämmerlein ermittelt wurde, befindet sich auf der richtigen Spur. Die Antwort ist simpel: weil es bei dieser Veranstaltung überhaupt nicht um die Sänger geht! Es kräht nämlich tatsächlich kein Hahn danach, wer hinterher auf der Bühne herumkräht, denn die wirklichen Stars von Open Opera sind die Mitglieder der Jury. Man hat sogar ein Bruce-Darnell-Double namens David Lee Brewer aufgetrieben. Er sagt statt „De Handetasche“ lieber „de Undekiefer“ oder „Du hasde eine schööne Kööper“. Ein Bassbariton aus Bayern (Franz Hawlata) sitzt großkariert auf der Couch und macht insgesamt keinen besonders hellen Eindruck – ganz im Gegensatz zur blonden Haarpracht des weiblichen Jury-Mitglieds: Die Sopranistin Annick Massis hat zwar die strenge Aura einer Chefsekretärin, ist aber als Casting-Domina ein Totalausfall.
Die drei Koryphäen geben wertvolle Tipps für „de Undekiefer“ oder „de Kehlkopf“ und sind mit beeindruckender Konsequenz von den schlechtesten Sängern am meisten begeistert. David Lee Brewer nennt manche von ihnen „genial“, aber wohl nur wegen de schööne Kööper, und kann sein Desinteresse an weiblichen Kandidaten kaum verbergen. Franz Hawlata findet alles toll und scheint nicht so recht zu wissen, wo er sich befindet. Frau Massis … nun ja, ist auch anwesend.

In einer Folge gibt sich Kammersänger Bernd Weikl die Ehre und klärt die Escamillo-Anwärter darüber auf, dass man in der Oper nicht wie ein Breitmaulfrosch, sondern wie ein Karpfen singen müsse. Er selbst hatte in seiner langen Karriere ausreichend Gelegenheit, wie ein Karpfen zu singen -, warum sollten junge Leute von dieser Kunst nicht profitieren? Die Teilnehmer sind nach der ichthyologischen Unterweisung hochmotiviert und schreien wie vom Killer-Karpfen gebissen.

Da die Gewinner vorwiegend nach fischwirtschaftlichen Kriterien ermittelt werden, ist es kein Wunder, dass die erwählten „Stimmen von Morgen“ leider überhaupt nicht für die entsprechenden Partien geeignet sind. Die Inszenierung läuft ja bereits mit A- und B-Besetzung, während das Casting noch im Fernsehen gezeigt wird. Wo bleibt denn da die Spannung? Typisch Arte!

Als naiver Betrachter fragt man sich vollkommen zu recht, was dieser ganze Zinnober eigentlich soll. Wem bringt das was? Antwort: Niemandem*. Leute, die gerne Casting-Shows ansehen, halten sich lieber an die prolligen Originale, wo einem nicht schon vorher verraten wird, wer als Sieger feststeht; Sänger, die auf eine große Chance hoffen, bekommen nach dem Ende der Seefestspiele wahrscheinlich nicht einmal einen feuchten Händedruck; Annick Massis, Franz Hawlata und David Lee Brewer werden nach dem Casting vielleicht etwas reicher, aber nicht populärer sein als vorher, denn Arte hat sich beim Schielen nach Quote gehörig verschielt. Das lässt immerhin hoffen: Dieser als „Kultur“ daherkommende Scheiß schlägt noch den bräsigsten Zuschauer in die Flucht.

Und wir sehen betroffen – die Oper tot und alle Ärsche offen!

* Wenn man einmal von dem wirklichen Zweck absieht, dem Veranstalter, der Casting-Agentur und ein paar anderen Figuren die Taschen zu füllen.